Obwohl es kalt ist, trägt Muhammad nur eine Daunenweste über dem Pullover. Er sitzt auf einer Bank auf dem Vorplatz des Bahnhofs Altstetten ZH und tippt in sein Telefon. Hier draussen vor der Migros gibt es gratis WLAN. Muhammad ist 17 Jahre alt und stammt aus der Provinz Maidan Wardak in Zentral-Afghanistan. Vor zwei Wochen stieg er beim Grenzübergang bei Buchs SG aus dem Zug. Nach ein paar Tagen im St. Galler Empfangszentrum kam er nach Zürich ins Bundeszentrum. Hier ist er nun. Wartet. Hofft, dass alles gut geht mit seinem Asylgesuch. In der Nacht träumt er, dass er abgeschoben wird.

Noch nie wurden an den Schweizer Grenzen so viele Afghanen aufgegriffen wie jetzt. Seit Anfang Jahr gab es insgesamt 27 672 rechtswidrige Grenzübertritte. Unter den illegalen Grenzgängern befanden sich 4861 Afghanen. Doppelt so viele wie Syrer. Seit dem Sommer greifen Schweizer Grenzwächter immer mehr Afghanen auf. Bis Ende Juli verzeichnete das Grenzwachtkorps noch 514 rechtswidrige Aufenthalte von Afghanen. Seither hat sich die Zahl verneunfacht.

Die Afghanen gehören seit Jahrzehnten zu den Hauptgruppen unter den Flüchtlingen. Neu ist allerdings, dass die Zahl der afghanischen Flüchtlinge in der Schweiz in den letzten Monaten frappant zugenommen hat. Afghanistan ist derzeit das wichtigste Herkunftsland von Asylsuchenden in der Schweiz, noch vor Syrien und Eritrea. Im Oktober wurden 1533 Gesuche eingereicht.

Erklärungen liefert die Neuenburger Ethnologin und Afghanistan-Kennerin Micheline Centlivres. «Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich in den letzten Jahren stetig verschlechtert», sagt sie. Ende 2014 hat die Nato ihre Operation im Land vollständig abgeschlossen und sich zurückgezogen. Seither gab es wieder Angriffe der radikalislamischen Taliban.

Im Oktober hat die Taliban-Miliz die nordafghanische Stadt Kundus erobert. Zwar gelang es der Regierung, das Stadtzentrum zurückzugewinnen, doch der Angriff hat das Land stark mitgenommen. Centlivres sagt: «Es war eine Machtdemonstration der Taliban.» Vergangenen Dienstag wurde der zweitgrösste Flughafen des Landes in Kandahar angegriffen. 61 Menschen starben. Am Freitag verübten die Taliban einen Autobombenanschlag in der Nähe der spanischen Botschaft. Ein spanischer Polizist und mindestens drei weitere Personen wurden getötet.

«Gestern rief mich ein Freund aus Afghanistan an. Er will seine zwei Töchter zu mir in die Schweiz schicken. Er ist besorgt, dass die Taliban zurückkommen könnten. Die Menschen haben schon einmal unter der islamischen Miliz gelebt», sagt Centlivres. Die Regierung sei schwach, die Arbeitslosigkeit gross, und das Geld sei zwar vorhanden, fliesse aber in die falschen Taschen. «Afghanistan gehört zu den korruptesten Ländern weltweit», sagt Centlivres.

Warum sich die Afghanen die Schweiz als Zielland aussuchen, habe mit der Situation in Österreich und Deutschland zu tun. «Deutschland bleibt weiterhin die Traumdestination. Doch die Flüchtlinge bekommen schnell mit, wenn sich die Gesetze ändern.» In Deutschland gilt seit Jahren ein Abschiebestopp für Afghanen. In Zukunft soll sich das ändern, beschloss das Bundesinnenministerium kürzlich. «Über das Smartphone sind die Afghanen gut vernetzt. Und da sie sehen, dass es in Deutschland und Österreich bereits sehr viele Flüchtlinge gibt, suchen sie sich jetzt andere Wege», sagt Centlivres.

Viele wollten nicht in der Schweiz bleiben, sondern weiter nach England. Dort sei die Afghanische Diaspora sehr gross. «Jetzt oder nie», hat sich auch der 17-jährige Muhammad gesagt, als er vor einem Monat in die Schweiz aufbrach. 3500 Franken habe er dafür ausgegeben. Die Hälfte habe seine Familie zusammengekratzt, die andere Hälfte mussten sie sich leihen. Muhammad ist ein Hazara, eine Volksgruppe in Afghanistan, die zu einer schiitischen Minderheit im Land gehört und immer wieder Ziel von Angriffen ist. Angst, Perspektivlosigkeit und keine Aussicht auf eine Besserung der Situation hätten ihn in seinem Entscheid bestärkt, sagt er. «Im Internet suchte ich Informationen über die europäischen Länder. Die Schweiz war weder in den 1. noch in den 2. Weltkrieg involviert. Hier gibt es gute ökonomische Bedingungen. Das gefiel mir.»

51 Prozent der Afghanen, die im Jahr 2015 einen Asylantrag in der Schweiz stellten, erhielten Schutz. Aber nur 11 Prozent wurde Asyl gewährt. Der Rest bekam eine vorläufige Aufnahme, weil eine Rückschaffung derzeit nicht zumutbar ist.

Farooq Haq besitzt seit über zwanzig Jahren den Schweizer Pass. Er gehört zu einer anderen Generation von Afghanen, die vor rund dreissig Jahren in die Schweiz flüchteten. Seine Mutter ist die Halbschwester der damaligen afghanischen Königin und die Cousine des Königs. Nach der sowjetischen Intervention in Afghanistan wurde Jagd auf die als antikommunistisch deklarierte Königsfamilie gemacht. «Die Behörden und die Bevölkerung verstanden damals, warum wir flüchten mussten. Wir wurden mit offenen Armen empfangen. Das war ein grosses Privileg.»

Umso mehr schmerze es ihn, wenn er sehe, unter welchen Umständen seine Landsleute heute flüchten müssen, wie sie von Schleppern ausgebeutet werden und in der Schweiz auf politischen Gegenwind stossen. «Dabei ähneln sich die Afghanen und Schweizer mehr, als man denkt. Denn die Afghanen sind ebenso ein Bergvolk wie die Schweizer.»

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