Am Freitag klingelt bei der Zürcher Staatsanwältin Christine Braunschweig das Telefon. Am Apparat: Cemil Baysal. Der seit 27 Jahren in der Schweiz lebende türkische Journalist hat die Ermittlungen der Justiz gegen Minister Egem Bagis ausgelöst.

Wie es dazu kam: Als der Minister nach dem WEF in Davos, am 28. Januar, ein Konzert der türkischen Star-Sängerin Sezen Aksu in Zürich besuchte, interviewt ihn Baysal vor dem Konzert.

«Ich hatte fünf Fragen vorbereitet. Eine davon war die Meinung des Ministers über die aktuelle Debatte in Frankreich, die den Völkermord in Armenien unter Strafe stellen will.» Bagis antwortet darauf: «Schauen Sie, ich befinde mich heute in der Schweiz und sage, das, was 1915 passiert ist, war kein Völkermord. Wenn jemand will, soll er kommen und mich verhaften.» Baysal: «Seine Aussagen bezogen sich auf Frankreich und den Versuch, die Armenier-Frage per Gesetz zu regeln.»

Das ganze Interview dauerte nur drei Minuten und sorgte weltweit für Schlagzeilen. Jetzt wird Baysal das Original-Video, das er bisher unter Verschluss hielt, der Zürcher Staatsanwaltschaft übergeben. Baysal: «Ich werde auch als Auskunftsperson zur Verfügung stehen, damit die Justiz Informationen aus erster Hand erhält.»

Er macht dies aber auch, weil er in seinem journalistischen Stolz verletzt ist. «Ich war der Einzige, der den Minister interviewt hat und es in meiner türkisch-schweizerischen Integrationszeitung ‹Post Gazetesi› sowie im Internet auf Turkworld veröffentlichte», sagt Baysal. Ihn ärgert es, dass in den Medien fälschlicherweise eine türkische und nicht seine Zeitung zitiert wurde. Und er kritisiert, dass türkische TV-Anstalten, ohne den Zusammenhang zu kennen, tendenziöse Berichte ausstrahlten.

Ob das dem Minister hilft, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen, muss die Justiz entscheiden. Bagis hat nach dem Interview in der Heimat wiederholt, was auch die offizielle Haltung der türkischen Regierung zu Armenien ist: Es war Krieg, es gab viele Tote unter den Armenier, aber auch bei den Türken. Aber es war kein Völkermord.

Der türkische Minister nutzt jetzt die Schweizer Ermittlungen aus, um in der EU in die Offensive zu gehen und den Spiess umzudrehen. Nachdem ihn am Mittwoch der deutsche EU-Präsident Martin Schulz aufforderte, dem Beispiel Deutschlands zu folgen und sich der Geschichte zu stellen, wartete Begis mit einer Überraschung auf. Er fordert die historische Klärung des Völkermordes – mithilfe der Deutschen. «Einer der stärksten Alliierten der Armenier 1915 war Deutschland. Ich frage mich, was in den deutschen Archiven dazu liegt. Sie sollen diese öffnen und Historiker das Material auswerten lassen», so Bagis in der Zeitung «Die Welt». Der Minister deutet damit indirekt an, dass sich auch von deutscher Seite her Gräueltaten ereignet haben könnten.

Eine historische Aufarbeitung befürwortet auch die Schweiz. Bagis wird nicht entgangen sein, was alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey bei ihrer letzten Dienstreise im Dezember in der Türkei dazu sagte. Der Bundesrat spreche von «tragischen Deportationen und Massakern» und sei der Ansicht, dass die Historiker diese Ereignisse aufklären sollten, meinte Calmy-Rey in Ankara. Im Gegensatz dazu hat der Nationalrat 2003 den Völkermord an Armenien anerkannt. Deshalb fällt er unter das Rassismusgesetz. Von der Schweizer Justiz muss er momentan nichts befürchten. Die zuständige Staatsanwältin weilt ab morgen in den Winterferien.

Wie viele Armenier 1915–1917 ums Leben kamen, ist umstritten. Die Rede ist von 300 000 bis 1,5 Millionen.

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