Bereits das Logo deutet an, was Donald Trump von der Wissenschaft hält. In riesigen Buchstaben prangt der Schriftzug «TRUMP» quer über dem Signet. Eingequetscht darunter: «University». Die selbst ernannte Hochschule des künftigen Präsidenten – die «Trump University» – war ein Desaster, zeigt das Verhältnis aber symbolisch auf: Trump und die Wissenschaft passen zusammen wie Darwin und die Schöpfungsgeschichte. Doch ausgerechnet davon profitieren nun die hiesigen Hochschulen.

Die Schweizer Universitäten machen Jagd auf die brillantesten Köpfe der Vereinigten Staaten. «Wir werden unser Headhunting in den USA intensivieren», sagt Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich und Präsident der Schweizer Hochschulkonferenz. «Viele Studierende, aber auch Professoren standen nach der Wahl Trumps unter Schock», sagt er über die Reaktion aus den USA. «Dadurch haben sich unsere Chancen nochmals erhöht.»

Bewerbung aus New York
Der US-Forschungsplatz ist besorgt, nicht erst seit Trump den Klimawandel als «Erfindung der Chinesen» abtat. Neben Schweizern und anderen Europäern, die einst ausgewandert sind, geraten nun auch die renommiertesten US-Amerikaner ins Visier der hiesigen Hochschulen. «Wir werden die Kandidatenliste genau durchgehen und die geeignetsten Leute anschreiben», sagt Hengartner.

Das Interesse ist offenbar gegenseitig. Nur Stunden nach der Wahl Trumps am 9. November flatterte dem neuen Präsidenten der ETH Lausanne, Martin Vetterli, die erste Bewerbung aus den USA in die Mailbox: «Hast du einen Job für mich?», fragte ein Professor aus New York. Vetterli erwartet weitere Interessenten und spricht bereits von einem «Trump-Effekt». «Schadenfreude ist keine Qualität», sagt er, «aber das war schon unter George W. Bush so, dass viele Europäer zurückkommen wollten», zitiert ihn der «Tages-Anzeiger». Etwas zurückhaltender reagiert sein Kollege aus Zürich, ETH-Präsident Lino Guzzella. Von einem Effekt will er noch nicht sprechen, glaubt aber an die Strahlkraft der Schweizer Hochschulen: «Besonders europäische Wissenschafter, die sich eine Rückkehr überlegen, wählen oft die ETH Zürich.»

Erste Hinweise, dass Akademiker das Land verlassen, gibt es bereits. Die vielversprechendsten Talente – junge Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter – flüchten nach Kanada. Die Universität Toronto verzeichnet bei US-Bewerbern einen Anstieg von 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein Trend, den Universitäten landesweit bestätigen. «Kanada spürt die Bewegungen auf dem amerikanischen Forschungsplatz immer als erstes», sagt Hengartner, der in Kanada aufwuchs und später jahrelang an der US-Elite-Universität MIT forschte, «danach kommt Europa».

Hochschulen vs. Fake-News
Wie stark Trump tatsächlich Einfluss auf die Forschung nehmen wird, ist unklar. Zwar hat er gesagt, er werde die Unterstützung für Studiengänge wie Englisch, Geisteswissenschaften oder Kunst kürzen. Aber Trump hat im Wahlkampf viel gesagt. Gravierende Folgen dürfte es allerdings haben, falls viele ausländische Wissenschafter keine Visa mehr erhalten. Unter Trump, der die Doktrin «America First» propagiert, ein denkbares Szenario – mit Folgen für die Demokratie.

Antonio Loprieno, jahrelang Vorsitzender der Schweizer Rektoren, erkennt nicht erst seit Trumps Wahlerfolg eine tiefgreifende Entwicklung, eine «Scheidung zwischen Wissenschaft und Meinung». «Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen in der öffentlichen Debatte wieder ihren Platz finden», fordert er. Ein Grossteil der Bevölkerung fälle heute politische Entscheidungen, ohne die Forschung zu berücksichtigen.

Die Folge: Meinungen und Fakten werden vermischt, «Fake-News» gehen um den Globus. «Die Neue Welt ist dafür anfälliger als die Alte», glaubt Loprieno, nimmt aber auch die hiesigen Universitäten in die Pflicht. «Ihnen muss es gelingen, die öffentliche Debatte mitzusteuern.» Dabei sollen nun auch amerikanische Professoren helfen.

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