Genau ein Jahr lang war gebaggert und gebuddelt worden. So hatte es Staatspräsident Abdelfattah al-Sisi beim ersten Spatenstich am 5. August 2014 befohlen. Mit drei Dutzend Dredgern, Ungetüme, die an Ölplattformen mahnen, war der Nassaushub in diesem bisher grössten Dredging-Vorhaben weltweit erledigt worden. Täglich 20 Stunden lang wurde auf der gigantischen Baustelle gearbeitet, 14 Arbeiter sind dabei ums Leben gekommen. Pünktlich konnte Admiral Mohab Mamish, der Chef der Suezkanalbehörde, das Ende der Bagger-Arbeiten verkünden. 250 Millionen Tonnen Sand waren bewegt worden. Am vergangenen Samstag begann der Probebetrieb durch den neuen, mit modernster Technologie gesteuerten Kanal. Eine pompöse, offizielle Eröffnung – bezahlt mit 30 Millionen Dollar Spenden der beteiligten Firmen – findet am kommenden Donnerstag mit Gästen aus der ganzen Welt statt, darunter Frankreichs Präsident François Hollande.

Mit dem Mammutprojekt, das unter der technischen Oberaufsicht der Armee steht, wurden alle Engpässe im Kanal beseitigt. Dazu wurde die Hälfte der 72 Kilometer langen Wasserstrasse neu gebaut, die andere Hälfte erweitert. Jetzt können die Schiffskonvois von Norden und von Süden kreuzungsfrei passieren. Die Wartezeiten in den Bitterseen entfallen. Damit verkürzt sich die Durchfahrtszeit von 22 auf 11 Stunden und die Kapazität wird von 49 auf 97 Schiffe täglich verdoppelt. Die Einnahmen aus dem Kanal sind ein wichtiger Devisenbringer für Kairo. Sie sollen von heute rund 5,5 Milliarden Dollar pro Jahr bis 2023 auf 13,5 Milliarden mehr als verdoppelt werden. Das bedingt allerdings, dass auch der internationale Handel entsprechend wächst.

Der Suezkanal ist eine Hauptschlagader für den Welthandel, da seine Passage die Fahrtzeiten der gigantischen Frachtschiffe um mehrere Tage verringert. Das Projekt, das etwa 8 Milliarden Dollar verschlingt, die von den Ägyptern über Zertifikate mit 12 Prozent Zins aufgebracht worden sind, steht deshalb unter dem Motto «Ägyptens Geschenk an die Welt». Mit Stolz und viel Pathos und bebender Stimme betonte Mamish kürzlich bei einem Besuch, Idee, Planung, Ausführung und Finanzierung seien ägyptisch. War der Nasser-Staudamm das Prestigeprojekt des 20. Jahrhunderts, so ist der neue Suezkanal das Prestigeprojekt des 21. Jahrhunderts für das Land. Vor allem für Präsident Sisi, der sich über den Baufortschritt regelmässig persönlich informiert hatte. Er wollte zeigen, dass er in der Lage ist, zu liefern und etwas zu bewegen, und zwar schnell.

Um den Suezkanal wurden im Lauf der Geschichte auch Kriege geführt, jetzt soll die Erweiterung das Herzstück eines «Entwicklungskrieges» sein. Das heisst, entlang der Wasserstrasse von Suez bis Port Said ist eine riesige Wirtschaftszone mit einem weltweit führenden Logistikzentrum, aber auch mit Tourismuseinrichtungen geplant, die nach ihrer Vollendung Jobs für eine Million Menschen bringen soll. Dazu werden Investoren aus der ganzen Welt gesucht, die mit günstigen Bedingungen dazu ermuntert werden sollen, Dutzende Milliarden zu investieren.

Eine Planungsfirma aus den Arabischen Emiraten arbeitet derzeit an den Details dieser Wirtschaftszone. Für die Umsetzung wird allerdings mehr als ein Befehl des Präsidenten notwendig sein. Die Parforce-Leistung, die mit dem neuen Suezkanal erbracht wurde, ist die Ausnahme und nicht ägyptischer Standard. Das haben in den letzten Tagen ein Schiffsunfall auf dem Nil mit 40 Toten und der Brand einer Möbelfabrik mit 26 Toten wieder gezeigt. Sie waren das Resultat einer Serie von Fahrlässigkeiten, Gesetzesverstössen, Verantwortungslosigkeit, mangelnder Disziplin und Korruption in verschiedenen Behörden.

Das ist das Umfeld, in dem sich die umworbenen internationalen Investoren auch nach der Eröffnung des Prestigeprojektes zurechtfinden müssen.

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