Es könnte das letzte Mal sein, dass Benaglio, Shaqiri & Co. an einer Weltmeisterschaft die Morgenröte besingen. Geht es nach der Schweizer Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG), erklingt bald eine neue Nationalhymne. Die aktuelle sei veraltet, sperrig und unpopulär. Deshalb sucht die SGG seit Jahresbeginn nach einer neuen Landeshymne. Ende Monat läuft die Eingabefrist ab. 50 Vorschläge sind bisher eingegangen.

«Damit sind wir sehr zufrieden», sagt SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger. Er geht davon aus, dass bis Ende Juni die Zahl der Bewerbungen noch wachsen wird. Besonders die Romands scheinen sich nach einer neuen Hymne zu sehnen. Die Hälfte aller Vorschläge stammen aus der Westschweiz. Diese Beiträge hätten auffallend hohe Qualität, sagt Niederberger. Wer sie eingereicht hat, bleibt vorerst aber geheim. Die Vorschläge sind anonymisiert. Jeder Schweizer darf am Wettbewerb teilnehmen. Ausländer müssen ihre Beweggründe in einem Schreiben beilegen.

Seit der Bundesrat den «Schweizerpsalm» 1961 zunächst probehalber zur Landeshymne erhob, ist sie umstritten. Während Länder wie die USA ihre Nationalhymne innig lieben und keine Chance auslassen, sie innbrünstig zum Besten zu geben, haftet der Schweizer Hymne mehr der Charakter eines ungeliebten Stiefkinds an. Teile der Bevölkerung, Parlamentarier oder eigens dafür gegründete Komitees fordern regelmässig eine Überarbeitung der Hymne. Der letzte Versuch scheiterte 2008, als zur Europameisterschaft im eigenen Land ein eingängiger Text gesucht wurde.

Der Hauptkritikpunkt ist fast immer derselbe: Nur die wenigsten Bürger kennen den Text – und noch weniger können in der vertrackten Rhythmik des Dreivierteltakts singen. Vor einigen Jahren ergab eine Umfrage in der Deutschschweiz und der Romandie, dass lediglich 3 Prozent der Schweizer alle vier Strophen kennen. Weniger als ein Drittel konnten den ersten Teil singen. Unsere Hymne sei eine «Mischung aus Kirchenlied und Wetterbericht», spottete dann auch die «Süddeutsche Zeitung».

Der ehemalige Naticoach Köbi Kuhn verteilte 2008 seinen Spielern sogar Strophenblätter. Doch noch heute bleiben Fussballer wie Xhaka oder Shaqiri bei der Hymne stumm. Einige, weil sie ausländische Wurzeln haben, andere, weil sie die Strophen schlicht nicht können. Das könnte sich mit einem neuen Text ändern, ist Niederberger überzeugt. Allerdings regt sich bereits Widerstand. SVP-Nationalrat Peter Keller (NW) hat im April eine Motion eingereicht, um die Aktion zu verhindern. Nicht der Bundesrat, sondern Volk und Parlament müssten über eine neue Hymne entscheiden.

Obwohl bislang alle Versuche einer Modernisierung scheiterten, bleibt die SGG zuversichtlich. «Unser Projekt ist breiter abgestützt als alle bisherigen», sagt Niederberger. Die über 30-köpfige Jury besteht aus namhaften Vertretern aus Sport, Politik und Kultur. Es ist der wohl ernsthafteste und aussichtsreichste Versuch, den «Schweizerpsalm» zu ersetzen. Selbst der Bundesrat liess in einer Stellungnahme verlauten, dass er den Wettbewerb als «konstruktiven Beitrag engagierter Bürger» sieht.

Die Jury des SGG-Projekts wird bis Oktober die besten Beiträge aussuchen – maximal zehn. Danach werden die neuen Hymnen vertont und auf der Homepage des Schweizer Fernsehens veröffentlicht. Die SGG will ausserdem die Siegerhymne 2015 mithilfe des Fernsehpublikums ermitteln. Eine grosse TV-Show ist geplant. Die Verhandlungen laufen. Bevor der Bundesrat aber über die Hymne entscheiden wird, soll sich das Volk das neue Lied einverleiben. Erst wenn es an jeder «Hundsverlochete» gesungen werde, sagt Niederberger, werde der Siegerbeitrag dem Bundesrat übergeben, damit dieser dann über die neue Hymne befinden kann. Vielleicht gilt sie dann bereits 2018 an der WM in Russland.

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