Wer in der Schweiz kein Auto besitzt, ist Teil einer Minderheit. Von 1000 Einwohnern besassen Ende 2014 etwa 533 einen eigenen Personenwagen. Die Zahl der Autos steigt seit Jahren, mit 4,4 Millionen kurvten Ende 2014 so viele umher wie noch nie.

Entgegen diesem Trend werden Autos in grossen Städten immer rarer. Vor zehn Jahren teilten sich in den sechs Grossstädten – Zürich, Genf, Basel, Lausanne, Bern und Winterthur – 1000 Einwohner 420 Autos. Ende 2014 waren es nur noch 370. Obwohl heute zehn Prozent mehr Menschen in diesen Städten leben als noch Ende 2004, sank die absolute Zahl der Autos um 14 000. Wäre das Auto heute in den Grossstädten noch gleich beliebt wie vor zehn Jahren, gäbe es über 50 000 mehr.

Andreas Burgener, Direktor des Importeur-Verbandes Auto-Schweiz, vermutet die «auch dank der Quersubventionierung durch die Autofahrer hervorragend ausgebaute» Besserstellung des öffentlichen Verkehrs als Ursache. Insgesamt habe das Bedürfnis nach einem eigenen Auto nämlich zugenommen. «Durch die steigenden Wohnkosten hat sich auch das Unterstellen eines Autos in den Städten verteuert», sagt er. «Zahlreiche Personen, die auf das Auto angewiesen sind, haben sich vermutlich in den vergangenen zehn Jahren in die Agglomeration zurückgezogen, wo Wohn- und Parkraum zu vernünftigeren Preisen verfügbar sind.» In vielen Städten würden die Autofahrer systematisch vertrieben, obwohl der zunehmende Verkehr oft hausgemacht sei. «Die Suche nach einem geeigneten Parkplatz, der nicht gerade sieben Franken pro Stunde kostet, macht einen erheblichen Anteil aus», sagt Burgener. «Nicht weniger Parkraum ist die Lösung, sondern mehr.»

Wenig Freude an diesem Vorschlag hat der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS). Schliesslich stünden den Stadtbewohnern nun eigentlich mehr Parkplätze zur Verfügung, weil sie sich auf weniger Autos verteilten, sagt Kampagnenleiter Tschoff Löw. Davon profitierten sie kaum, mehr Platz für Begegnungszonen etwa sei nicht geschaffen worden. Die freigewordenen Parkfelder würden stattdessen von Autofahrern aus der Agglomeration genützt, was zusätzlichen Verkehr anziehe. Dabei müsse beim Schweizer ÖV-Angebot niemand mit dem Auto in die Innenstadt. Die Anzahl der Parkplätze müsse darum sinken, findet Löw. Die Pflicht zum Erstellen von Parkplätzen bei Neubauten gehöre beschnitten. Bereits getan hat dies Basel. Der Zürcher Stadtrat hat diese Woche mitgeteilt, dass der zuvor vom Kanton kassierte Gesetzesartikel zu autoarmem Wohnen in neuer Version wieder vor das Parlament kommt. Kann ein Bauherr begründen, dass seine Mieter weniger Parkplätze brauchen als rechtlich vorgeschrieben, darf er das Quorum unterscheiten.

Parkplätze alleine erklären die städtische Abkehr vom Auto allerdings nicht. Das Auto entwickle sich vom Statussymbol zu einer von mehreren Mobilitäts-Dienstleistungen, sagt VCS-Kampagnenleiter Tschoff Löw. Lausanne und Genf, die ihre Motorisierungsquote mit einem Minus von 24 und 17 Prozent innert zehn Jahren am stärksten senken konnten, hätten dies auch dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs zu verdanken.

Die Stadt Genf hat sich darüber hinaus in ihrem Leitplan 2020 die Förderung des Langsamverkehrs auf die Fahne geschrieben. Die Stadt schafft etwa neue Velowege. Weitere Bestandteile des Plans sind das Verbot von Transitverkehr in Quartieren oder neue Fussgängerzonen. Der Fuss- und Veloverkehr soll in der Stadt zukünftig dominieren. Damit will die Rhonestadt einerseits die Gesundheit der Bewohner und die Lebensqualität verbessern. Die Massnahmen werden aber auch von höchster Stelle gefordert: Um die Zahl der von Lärm belästigten Einwohner auf die vom Bund vorgeschriebenen Werte zu senken, sind Fussgängerzonen und Velowege unumgänglich. Und auch die Genfer Bevölkerung unterstützt den Kurs: Im September letzten Jahres verwarfen die Stimmbürger einen geplanten Strassentunnel unter dem Hafenbecken deutlich.

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