Es ging nicht mehr. Die 17-jährige Zürcherin hatte genug. Sie brach ihre Lehre zur Floristin nach sieben Monaten ab. Sieben verlorene Monate, die bis heute an ihr nagen. Nichts habe sie der Lehrmeisterin recht machen können, sagt sie. Mit den Zurechtweisungen schwand auch das Selbstvertrauen. Nun muss die 17-Jährige eine neue Lehrstelle suchen.

Die junge Zürcherin ist kein Einzelfall. Gemäss neusten Zahlen der kantonalen Berufsbildungsämter brechen Tausende Jugendliche ihre Lehre vorzeitig ab. Allein 2014 lösten über 21 000 Stifte ihre Lehrverträge auf. Das sind fast 10 Prozent aller aktiven Verträge. Die meisten Jugendlichen beendeten ihre Lehre vorzeitig im Tessin (13 Prozent) und in Neuenburg (12 Prozent), am wenigsten in Uri (2,7 Prozent).

Die Gründe für die Vertragsauflösungen sind vielfältig – und vom Standpunkt abhängig. Zwar geben sowohl Lehrlinge als auch Betriebe schlechte schulische Leistung als Hauptgrund für den Lehrabbruch an, danach gehen die Wahrnehmungen aber auseinander. Für die Jungen sind Konflikte am Arbeitsplatz oder das Gefühl, den falschen Beruf gewählt zu haben, die häufigsten Ursachen für eine Vertragsauflösung. Die Betriebe hingegen sehen die Probleme vor allem in der Motivation der Lehrlinge.

Für Theo Ninck, Präsident der Schweizerischen Berufsbildungsämter (SBBK), gibt es auf beiden Seiten Handlungsbedarf. Die Lernenden würden heute schneller aufgeben und seien weniger bereit, unangenehme Arbeiten durchzuhalten, sagt er. Doch Ninck nimmt auch die Betriebe in die Pflicht. Firmen mit einer guten Unternehmenskultur und mit einer sorgfältigen Selektion der Lernenden würden weniger Probleme mit ihren Lehrlingen haben. «Es wäre falsch, die Fehler nur bei den Jugendlichen zu suchen.» Einige Branchen sind besonders stark betroffen. Im Verkauf, bei den Coiffeuren, den Köchen oder den Maurern werden Lehrverträge häufiger aufgelöst als beispielsweise in kaufmännischen Berufen.

Der Bund entwickelt derzeit ein System, das die Abbruch-Quote schweizweit erfasst. Ende Jahr sollen die ersten Ergebnisse vorliegen. Eine entscheidende Erkenntnis zeichnet sich allerdings schon heute ab: Die von den Kantonen errechnete Zehn-Prozent-Quote basiert auf allen aktiven Lehrverträgen. Vergleicht man die jährlichen Auflösungen mit den im selben Jahr neu geschlossenen Verträgen, liegt die Abbruch-Quote deutlich höher. In diesem Vergleich bricht fast jeder dritte Lehrling seine Ausbildung ab. Gemäss Evi Schmid vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung bedeutet dies aber nicht, dass die Jugendlichen danach durch alle Raster fallen. Die meisten finden innerhalb eines Jahres eine Anschlusslösung, oft im selben Betrieb oder innerhalb der Branche. Ein Drittel hat allerdings Probleme, sich wieder in die Berufswelt zu integrieren.

Die negative Entwicklung wird wohl auch durch die aktuelle Lehrstellensituation befeuert. Waren vor wenigen Jahren Lehrstellen noch Mangelware, gibt es heute zu viele. Tausende Lehrstellen bleiben im Sommer jeweils unbesetzt. Unternehmen streiten sich um die besten Lehrlinge – und stellen womöglich auch weniger qualifizierte Jugendliche ein, aus Sorge, keinen anderen zu finden. Studien aus Deutschland belegen, dass Lehrverträge häufiger aufgelöst werden, wenn es einen Überschuss an Lehrstellen gibt.

Um die Abbruchquote zu verringern, haben der Gewerbeverband und die kantonalen Erziehungsdirektoren vergangene Woche eine neue Orientierungshilfe lanciert, welche die schulischen Anforderungsprofile in 190 Berufen systematisch darstellt. Auf der Website wird beispielsweise aufgezeigt, dass ein Tierpfleger sehr gute Deutschkenntnisse haben muss. Durch solche Beispiele sollen Fehleinschätzungen ausgemerzt werden, die auch nach einer Schnupperlehre vorherrschen können. Um so viele Jugendliche wie möglich zu erreichen, sollen die Profile künftig in den Unterricht einfliessen.

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