Von Fabienne Riklin und Jörg Zittlau

Noch vor wenigen Jahren war es aussergewöhnlich, wenn jemand 100 Jahre alt wurde. 1970 lebten lediglich 61 Menschen in der Kategorie Ü100 in der Schweiz. Heute sind es mit 1406 Personen über 20-mal so viele. Vor allem Frauen erreichen dieses stolze Alter – aktuell sind es 1167.

Nirgendwo sonst auf der Welt werden so viele Leute so alt wie in der Schweiz. Wie eine OECD-Studie zeigt, liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei 82,8 Jahren. Damit belegt die Schweiz erstmals den Spitzenplatz vor Japan und Italien. «Interessanterweise steigt sowohl die durchschnittliche als auch die maximale Lebenserwartung», sagt der Altersforscher Mike Martin von der Universität Zürich.

Wie wird man über 100 Jahre alt? Gemäss Forschern spielen drei Faktoren eine Rolle. «Grob gesagt geht man von 25 Prozent Biologie, 25 Prozent Umwelt und 50 Prozent Lebensstil aus», sagt Martin. Und wie ein amerikanisches Forschungsteam um den Psychologen Howard Friedman herausgefunden hat, ist ein Lebensstil mit «typisch schweizerischen» Eigenschaften auch förderlich, um ein Methusalemalter zu erreichen. Friedmans Fazit lautet: «Wer sparsam, beharrlich, detailorientiert und verantwortungsvoll ist, lebt am längsten.»

Der erste und vielleicht offensichtlichste Grund, warum gerade diese Eigenschaften lebensverlängernd sind, ist, dass Menschen mit diesen Tugenden mehr für den Erhalt ihrer Gesundheit tun und weniger riskante Dinge unternehmen. Beispielsweise trinken und rauchen sie weniger, und auch beim Autofahren finden sie eher das Brems- als das Gaspedal. Zweitens arbeiten disziplinierte Personen konzentrierter auf ihre Ziele hin und können dadurch Kräfte sparen. Anders die Undisziplinierten: Sie sind eher erschöpft und sind dadurch anfälliger für Krankheiten.

Typische Schweizer Tugenden treiben also die Lebenserwartung nach oben. Könnte man mit ihnen vielleicht sogar 150 Jahre alt werden? Bislang galten ungefähr 120 Jahre unter Altersforschern als das, was genetisch maximal möglich ist. Doch James Vaupel vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock hält nichts von einer solchen «biologischen Grenzziehung». Da nur etwa 25 Prozent aufs Erbgut zurückgehen, könnten wir den Rest beeinflussen.

Wenn in der Schweiz immer mehr Leute über 100 Jahre alt werden, muss dies noch lange nicht heissen, dass das Gesundheitswesen komplett kollabiert. «Aus internationalen Studien kann man vermuten, dass die Häufigkeit von Pflegebedürftigkeit ab einem Alter von über 92 Jahren nicht weiter ansteigt. So gesehen müssen wir vielleicht nur genügend alt werden, um länger gesund zu bleiben», sagt Altersforscher Martin.

Innerhalb der Schweiz gibt es aber markante Unterschiede. So wohnten 2012 am meisten 100-jährige und ältere Menschen in Basel-Stadt, nämlich 4,2 auf 10 000 Einwohner. Es folgen die Kantone Tessin, Genf, Neuenburg und Waadt. Am wenigsten wohnen im Kanton Zug.

Das Bundesamt für Statistik nennt zwei mögliche Gründe für die Unterschiede: Ein Kanton mit zahlreichen Alters- und Pflegeheimen kann eine grössere Zahl an älteren Personen und somit potenziell mehr 100-Jährige und ältere beherbergen. Und gerade der Kanton Tessin ist für sein angenehmes Klima bekannt, das sich gut für die Niederlassung nach der Pensionierung eignet

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