Die Schweiz bereitet sich auf einen Flüchtlingsansturm vor. Sollten täglich 1000 bis 2000 Flüchtlinge bei Buchs über die Ostgrenze kommen, will der Kanton St. Gallen gewappnet sein. Er hat ein Notfallkonzept ausgearbeitet. Vorausgegangen waren Absprachen zwischen dem Kanton und dem Staatssekretariat für Migration (SEM). Nun liegt einen Vertragsentwurf vor, nächste Woche sollen die Einzelheiten geklärt werden.

Der St. Galler Regierungsrat Fredy Fässler (SP) sagt, bis jetzt deute zwar noch nichts darauf hin, dass sich die Situation für die Schweiz verändere. Erfahrungsgemäss gingen die Asylzahlen im Winter zurück, da der Weg über das Mittelmeer für die Flüchtlinge noch gefährlicher werde und sich darum nur noch wenige auf diese Route wagten. Aber wie sich die Situation auf der Balkanroute entwickle, wisse niemand, sagt der Justiz- und Sicherheitsdirektor.

Diese Woche kamen über 40 000 Flüchtlinge in Slowenien an. Seit Ungarn die Grenze zu Kroatien abgeriegelt hat, suchen sich die Menschen auf der Balkanroute andere Wege nach Österreich und Deutschland. Slowenien ist der neue Brennpunkt der Flüchtlingskrise. Allein am Freitag sind 14 000 Flüchtlinge über die Grenze gekommen. Diese Zahlen übertreffen sogar jene der Krise in Ungarn im September.

Die Lage in Deutschland sei instabil, und die Anschläge in Ankara hätten die zwei Millionen Flüchtlinge in der Türkei verunsichert, sagt Regierungsrat Fässler. «Wir wollen nicht, dass es in Buchs Zustände wie in Budapest gibt.» Derzeit gelangen nur wenige Flüchtlinge mit dem Zug über die Ostgrenze. Rund zwanzig waren es in den letzten Tagen. Doch noch vor ein paar Wochen gab es Tage, an denen in Buchs bis zu hundert Menschen strandeten.

Der kantonale Führungsstab, ein Regierungsorgan für ausserordentliche Situationen, bereitet darum zusammen mit den Gemeinden und den Zivilschutzorganisationen die Unterbringung und Betreuung von einem Flüchtlingsansturm vor. Die Zivilschutzanlagen im Rheintal, im Werdenberg und im Sarganserland sowie die geschützte Operationsstelle des Spitals Walenstadt werden bereitgestellt. Angehörige des Zivilschutzes sind im «Fall der Fälle» für den Betrieb dieser Anlagen aufgeboten. Der Transport und die medizinische Versorgung der Flüchtlinge könnte im Notfall schnell organisiert werden.

Laut Fässler läuft die Zusammenarbeit mit den Gemeinden im Kanton St. Gallen bisher gut. «Ich glaube, die Gemeindebehörden haben erkannt, dass es gar keine Alternative gibt. Wenn die Flüchtlinge kommen, dann kommen sie. Und etwas anderes, Zelte beispielsweise, kommen nicht infrage.»

eintausend Personen könnte der Kanton mit den zusätzlichen Unterbringungsmöglichkeiten aufnehmen. Damit entlastet St. Gallen den Bund, der in erster Linie für die ankommenden Flüchtlinge zuständig ist und sie in den Empfangs- und Verfahrenszentren registriert. In Altstätten, wo ein solches Empfangszentrum des Bundes steht, herrscht schon seit Wochen Platzmangel. Zivilschutzanlagen in Gams, Sevelen und St. Margrethen wurden deshalb bereits im September vorübergehend in Betrieb genommen.

Die Durchlaufzeit im Empfangszentrum Altstätten müsse verkleinert werden, findet Fässler. «Derzeit geht es zwei bis drei Wochen, bis die Asylsuchenden das Registrierungsprozedere durchlaufen haben und danach auf die ganze Schweiz verteilt werden.» Ginge dies schneller, wäre die Kapazität in den Empfangszentren grösser, sagt er. Auch betont Fässler, dass er von den anderen Kantonen erwarte, im Ernstfall ebenfalls Verantwortung zu übernehmen.

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