SIE ENTSCHEIDET ÜBER KNEUBÜHLS SCHICKSAL

Jetzt ist bekannt, wer die Psyche von Peter Hans Kneubühl (67) ergründen soll. Doch der vor sieben Wochen verhaftete Rentner wird es der erfahrenen Gerichtsgutachterin so schwer wie nur möglich machen.


VON SANDRO BROTZ

Sie ist ständig auf dem Sprung. Von einer Sitzung zur nächsten, dazwischen Vorlesungen und Kongresse. Sie hetzt auf den Zug von Bern nach Basel. Und umgekehrt. Wie so oft in den letzten Jahren. In Basel war Anneliese Ermer stellvertretende Leiterin der Forensischen Abteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik – bis sie vor sechs Jahren als Titularprofessorin an die Universität Bern berufen wurde. In Bern leitet sie auch den Forensisch-Psychiatrischen Dienst, der alle Gefängnisinsassen im Kanton betreut.

Die 63-jährige Deutsche ist Mitglied der interkantonalen Kommission zur Beurteilung der Gemeingefährlichkeit von Straftätern. Erste Kontakte mit der Forensik hatte sie 1985 als Assistenzärztin. Was diese Welt der menschlichen Abgründe für sie so attraktiv mache, wurde Ermer vom «Bund» gefragt. «Das Zusammenspiel, die Kombination, die Verzahnung von Medizin und Recht. Das ist spannend.»

Sie würde öffentlich nie sagen, dass ein Fall spannender als der andere sei. Aber Ermer weiss genau, wie gross das Interesse an ihrem Gutachten über Peter Hans Kneubühl sein wird. Nur kein Aufheben darum, nur ja keinen Fehler. «Ich möchte mich zu diesem Auftrag nicht äussern», sagt Ermer. Nur so viel: «Ich wühle mich durch die Akten.» Es sind Berge von Akten, darunter viele wirre, teilweise über hundert Seiten lange Briefe Kneubühls.

Das hilft Ermer bei ihrer Arbeit. Es ist Material in einer Fülle, die es sonst bei ihrer Klientel selten gibt. Sie wird sich dennoch zum Ziel setzen, selber mit dem Mann zu reden, der den Stempel Amok-Rentner aufgedrückt bekommen hat. Der Bieler hatte sich Anfang September der Zwangsversteigerung seines Haues widersetzt. Dabei schoss er um sich und verletzte einen Polizisten am Hals schwer. Erst nach einer neuntägigen Flucht konnte Kneubühl von einem Polizeihund gefasst werden.

Professorin Ermer hat schon Tausende von Gutachten erstellt. Darunter waren mehrere aufsehenerregende Fälle: Franz Sabo: Ermer kommt zum Schluss, dass es beim katholischen Pfarrer von Röschenz keine Hinweise für eine pädophile Neigung gibt. «Es findet sich keinerlei Anhalt dafür, der gegen einen Seelsorgeeinsatz von Pfarrer Sabo spricht», schreibt sie in ihrem Schlussbericht im Dezember 2004.

Auftragsmord von Köniz: Der 26-jährige Schweizer, der im April 2008 seine schwangere Lebenspartnerin Tania S. ermorden liess, habe eine «narzisstisch-dissoziale Persönlichkeitsstörung mit ausgeprägten psychopathischen Merkmalen», so Ermer. Das Urteil wird für morgen Montag erwartet.

Der Schütze vom Casinoplatz: Ein 26-jähriger Türke, der im Februar 2007 einen Landsmann mit sieben Schüssen schwer verletzt, wird freigesprochen – weil er laut Ermers Gutachten schuldunfähig war und zur Tatzeit an Schizophrenie gelitten habe.

Drama in der Neuengasse: Im August 2006 sticht ein 41-jähriger Kosovare mit einem Messer mehrfach auf einen Landsmann ein und verletzt ihn tödlich. Es kommt jedoch zu einem Freispruch von der vorsätzlichen Tötung. Gutachterin Ermer hatte auf Schuldunfähigkeit plädiert – wegen eines Schizophrenieschubs beim Täter.

Mordprozess von Frauenkappelen: Ein 44-jähriger Iraner, der im Juli 2005 eine Landsfrau erschiesst, wird zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Ermer attestiert ihm eine «posttraumatische Belastungsstörung».

Küchenmesser-Stecher von Allschwil: Ein 47-jähriger Mann aus Sri Lanka verletzt im Februar 2001 sich, seine Frau und die beiden Töchter zum Teil lebensgefährlich. Doch das Gericht spricht ihn frei. Er war laut Ermer zur Tatzeit unzurechnungsfähig. Ihr Urteil: «schizophrenieartige psychotische Störung».

In der Gerichtspsychiatrie sind Fehleinschätzungen «nicht hundertprozentig auszuschliessen», weiss Ermer. Dem «Bund» sagte sie: «Es ist fast wie bei einer Wetterprognose: Auch sie kann für eine gewisse Zeit zutreffend sein, dann wird sie aber ungenau.» Es gebe in der Schweiz denn auch «leider nur wenige wirklich gute Gutachter».

Anneliese Ermer ist zweifellos eine anerkannte Kapazität. Sie hat öffentlich betont, dass es von Bedeutung sei, in der Gesellschaft ein Klima zu schaffen, «das der Resozialisierung von Straftätern Raum bietet und nicht nur nach Strafe und Vergeltung verlangt».

Deutlich fallen ihre Gutachten aus, wenn es um sexuellen Missbrauch geht. «Der Täter hat die Tendenz, sich selber als Opfer zu betrachten», betonte sie im Oktober 2003 vor Gericht in Liestal, das einen 57-jährigen Mann wegen sexueller Nötigung seiner Tochter und der an Epilepsie leidenden Enkelin zu zwei Jahren Gefängnis verurteilte. «Wichtig ist, dass jemand Verantwortung für seine Tat übernimmt, zu ihr steht und ein Stück weit nachempfinden kann, dass er dem Opfer geschadet hat», so Ermer in einem Interview der Religionszeitschrift «Aufbruch». Ob es im Fall Kneubühl zu dieser Einsicht kommen wird, ist fraglich.

«Ihr Gutachten wird ganz wesentlich über die Zurechnungsfähigkeit entscheiden», erklärt Untersuchungsrichter Andreas Jenzer. Er bestätigt dem «Sonntag», dass mit Ermers Analyse bis Ende Februar nächsten Jahres zu rechnen sei. Jenzer hat Kneubühl schon befragt und lässt durchblicken, wie schwierig es für Ermer sein wird, an ihn heranzukommen: «Das ist ein anspruchsvoller Fall.»

Im Berner Regionalgefängnis verhält sich Kneubühl unauffällig. Besuch bekommt er nur von seinem Pflichtverteidiger. Einzige Möglichkeit wäre die in Frankreich wohnhafte Schwester, aber mit ihr hat sich Kneubühl wegen der geplanten Zwangsversteigerung des Hauses am Mon-Désir-Weg 9 in Biel überworfen. Das Haus steht seit den dramatischen Tagen im September leer. «Das Zivilverfahren ist blockiert», sagt der zuständige Gerichtspräsident Bernhard Stähli. Zumindest Kneubühls Opfer, der Polizist, konnte das Spital unterdessen verlassen.


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