VON NADJA PASTEGA

Die böse Überraschung kam mit dem Jahreszeugnis am Ende der 5. Primarklasse. Die Tochter von Karoline und Wolfgang Heutschi bekam im Fach Mathematik nur die Note 4,5 – eine halbe Note weniger als dem Schnitt ihrer schriftlichen Mathe-Prüfungen entsprochen hätte. Auch im nächsten Jahr flatterte dicke Post ins Haus der Heutschis in Wangen an der Aare: Wiederum hatte der Lehrer die Mathe-Zensur um eine halbe Note nach unten «korrigiert».

Nicht anders erging es der Tochter von Marlies und Otmar Pally, die ebenfalls in Wangen an der Aare zur Schule geht. Auch dieser Schülerin verpasste der Lehrer eine deutlich tiefere Mathe-Zeugnisnote, als es der errechneten Leistungsnote entsprochen hätte. Die Folge: Jetzt leidet die Motivation der beiden Mädchen.

Für die Eltern begann eine frustrierende Ochsentour durch die Instanzen. Schulleiter Thomas Hofer speiste sie mit der Erklärung ab, alles sei «korrekt» abgelaufen, die Noten würden auf «nachvollziehbaren Leistungsmessungen» basieren – welche das sind, liess Hofer auch auf Anfrage des «Sonntags» offen.

Die Erziehungsdirektion teilte den Eltern mit, man könne die Zeugnisnote «heute nicht mehr mit dem Taschenrechner ermitteln» – bei den Noten handle es sich um «ein individuelles Expertenurteil» der Lehrperson. Offenbar bestehe zwischen den Eltern und der Schule «ein Kommunikationsproblem».

«Man fühlt sich verschaukelt», ärgert sich Otmar Pally. «Bis heute konnte uns niemand sagen, wie die Noten zustande kommen», sagt Wolfgang Heutschi: «Die Noten sind komplett intransparent.» Das hat im Kanton Bern System, wie Recherchen zeigen. Das kantonale Schülerbewertungssystem trägt den spielerisch anmutenden Namen «Beurteilungsmosaik» – Verlierer des Spiels sind die Schüler und Eltern. Das «Beurteilungsmosaik» besteht aus einem undurchschaubaren Konvolut aus 7 Elementen, die zusammen eine Note ergeben. Mit nebulösen Kriterien wie «prozessbegleitende Beobachtungen», «individuelle Fortschritte» oder «Beurteilung von Produkten» werden die rund 100000 Schüler im Kanton Bern benotet.

Die schriftlichen Prüfungen – die so genannten «Lernkontrollen» – sind nur ein Element in diesem Noten-Dschungel. Besonders problematisch: Wie die einzelnen Elemente für die Note gewichtet werden, kann jeder Lehrer nach Gutdünken entscheiden – damit werden die Noten für Schüler und Eltern kaum mehr überprüfbar. Das öffnet der Noten-Willkür Tür und Tor.

In der Anleitung zum «Beurteilungsmosaik» schreibt die Erziehungsdirektion des Kantons Bern: «Die Gesamtbeurteilung ist eine verdichtete Mitteilung, die sich ähnlich einem Mosaik aus verschiedenen Teilen zusammensetzt.» Sie sei «mehr als das arithmetische Mittel von erbrachten Leistungen». Die Lehrer könnten sich individuell überlegen, «welche Beurteilungselemente in die Gesamtbeurteilung gehören und wie sie diese gewichten».

Das sorgt bei Bildungsexperten für Kopfschütteln. «Dieses Notensystem ist völlig intransparent», kritisiert Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung. «Es ist unklar, wie die Noten zustande kommen.» Die fatale Folge: «Für die Schüler ist das demotivierend. Eine Note braucht einen klaren Bezug zu einer erbrachten Lernleistung, sonst wirkt sie zufällig.» Damit werde die Lernleistung «unterlaufen», so Wolter, «weil die Schüler den Eindruck haben, es nütze sowieso nichts, wenn sie für eine Prüfung lernen». Schlimmer noch: «Es wird zu einem Glücksrad, was die Schüler für eine Note bekommen.»

Die Erziehungsdirektion des Kantons Bern weist den Vorwurf zurück. Die Notengebung sei «alles andere als intransparent», «Verschiedene Leistungen von Schülern können sehr transparent nachvollzogen werden», sagt Ueli Dürst vom kantonalen Volksschulamt. Es gebe zwar Bereiche, etwa das mündliche Verhalten, «wo der Nachvollzug aus verständlichen Gründen für Aussenstehende erschwert» sei. Doch in jeder Beurteilung habe «ein gewisser Ermessenspielraum für die Lehrkräfte als Fachpersonen Platz».

Fakt aber ist: Im Kanton Bern ist dieser Ermessenspielraum besonders gross. Zu gross, erklärt Bildungsexperte Stefan Wolter: Bei einer Schülerbewertung wie dem «Beurteilungsmosaik» sei völlig unklar, wie die Zeugnisnote zustande komme. Es könne zu Benachteiligungen von einzelnen Schülern oder ganzer Gruppen kommen, da die Noten weder nachvollziehbar noch überprüfbar seien. «Ein solches Notensystem ist absolut unfair», so Wolter. Es sei auch nicht mehr anfechtbar: «Wie will man beweisen, dass etwas falsch benotet wurde?»

Entsprechend machtlos sind die Familien Heutschi und Pally. «Wir haben uns über alle Instanzen gewehrt – und nichts erreicht», sagt Wolfgang Heutschi. «Das ist inakzeptabel.» Das Berner Notensystem sei «ein Willkür-System». Die Forderung der Eltern: «Überarbeiten – oder abschaffen!»

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