VON KURT-EMIL MERKI

Leise, kaum vernehmbar bimmeln und klingeln die Glocken und Glöcklein einer nahen Viehherde. Der Himmel ist leicht bedeckt, lässt aber zu, dass der Blick in die Ferne schweifen kann. Weit unten liegen Einzelgehöfte wie vom Bauernmaler Albert Manser hingepinselt. Hier oben, einige hundert Meter oberhalb von Bühler, ist das Appenzellerland nicht mehr stotzig und eng, sondern weit und offen. Nicolas Senn hat für den Fotografen das Hackbrett aufgestellt, er ergreift die Schlägel und legt eine luftig-leichte Melodie über das Chüejerglüt. Hackbrett-Musik ist ebenso nahe bei der Mystik wie beim Kitsch.

Nicolas Senn wandert musikalisch vom einen ins andere. Das ist auch verständlich, hat er Unterricht doch sowohl beim «Mystiker» Töbi Tobler als auch beim «Wellness-Musiker» Roman Brülisauer gehabt. «Beide waren für meine Entwicklung wichtig», sagt Senn. Tobler ermunterte ihn, Experimente und Improvisationen zu wagen, Brülisauer legte Wert auf Virtuosität und Akkuratesse.

Die Faszination des Instruments hält bei Senn schon 17 Jahre an. Das ist bei einem 20-Jährigen erstaunlich. Er habe als Dreijähriger an der Olma die Alderbuebe gehört und sei vom Hackbrettler dermassen überwältigt gewesen, dass er sofort wusste: Dieses Instrument will ich lernen. Die Eltern, beides gelernte Pädagogen, gaben dem Betteln schliesslich nach und schickten den Sohn zu Willi Bänziger. Das Spezielle an diesem Lehrer: Er war daran, sich selber das Hackbrett-Spielen beizubringen und liess den Knirps gleichsam an den eigenen Fortschritten teilhaben. Schon nach wenigen Jahren traten Willi Bänziger und Nicolas Senn als Duo auf.

Heute ist Senn der vielversprechendste Hackbrett-Spieler seiner Generation. Dabei ist ihm die Musik nicht in die Wiege gelegt worden. Mainstream-Pop sei der Soundtrack seiner Jugend gewesen, Volksmusik habe man sich kaum angehört, sagt er. Der Vater – er ist heute Gemeindeammann von Romanshorn – war weit mehr Sportler als Musiker: Er spielte in der ersten Mannschaft des Nationalliga-A-Klubs FC St. Gallen. Die drei jüngeren Brüder von Nicolas sind ebenfalls aktive Fussballer. Nicolas sagt, er habe «null Fussball-Talent». Was aber nicht heisst, dass ihm der FC St. Gallen nichts bedeutet. «Im Gegenteil!», sagt er heftig. Er ist nicht nur Fan, sondern auch der offizielle Fotograf des «FC Ostschweiz».

Das Fotografieren entwickelte sich parallel zur Musik zu einem Geschäft für den jungen Senn. Er realisierte Fotoreportagen für Zeitungen, war auf Sportplätzen anzutreffen, und auch Werbeaufträge konnte er akquirieren. Zurzeit nimmt er die Kamera aber nur selten in die Hand. Aus Zeitgründen. Denn seit gut einem Jahr studiert Senn an der Kaderschmiede HSG in St. Gallen. Erste wichtige Prüfungen sind überstanden, die Resultate liegen aber noch nicht vor. Wenns keine böse Überraschung gibt, wird sich Senn im nächsten Semester auf Betriebswirtschaft konzentrieren. Aus ihm werde sicher nie eine graue Büromaus, sagt Senn. Das Berufsleben müsse dereinst zwingend eine «kreative Note» haben. «Etwas im Marketingbereich» könnte er sich vorstellen.

Als Hackbrettler deckt Nicolas Senn ein weites Feld ab (siehe Kasten). Er tourt schon im September wieder mit Bligg und neuem Programm durch die Schweiz. Nein, sagt Senn, er fühle sich vom Hip-Hopper, der die Swissness als Marktlücke entdeckt hat, nicht ausgenützt. «Ich rede beim Programm mit und bin auf der Bühne mehr als blosse Dekoration.»

Bevor die Tournee startet, findet in Wien noch der Grand

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!