Frau Sieger, Herr Wehrli, Sie gelten als das berühmteste Bühnenpaar der Schweiz und feiern dieses Jahr erst noch die silberne Bühnenhochzeit. Haben Sie sich in dieser Zeit von einem enthusiastischen Pärchen zu einem keifenden Ehepaar entwickelt?
Nadja Sieger: Ja, zu einem frustrierten, ideenlosen Ehepaar. Nein Quatsch! Wir machen noch immer gemeinsam Sachen, die uns inspirieren. Gerade arbeiten wir an einer Choreografie, die minimalistisch und schräg ist. Da sitzen wir Stunden und Tage lang und zählen Takte aus, die es gar nicht gibt.

Sie zählen Takte, die es nicht gibt?
Sieger: Manchmal zähle ich bis neun, dabei geht der Tanz nur bis acht! Das klingt nach nichts, aber daraus entsteht vielleicht ein ganzes Stück. Wir lieben solche Ungereimtheiten.

Es funkt also immer noch zwischen Ihnen?
Urs Wehrli: Ja, wir würden sofort aufhören, wenn das nicht so wäre. Wir haben ja nie geplant: Hey, wir machen zusammen eine Firma, die 25 Jahre funktioniert.
Sieger: Wir sind ja nicht einmal eine Firma! Wir sind eine «einfache Gesellschaft».

Da haftet man persönlich!
Wehrli: Genau! Und wir müssen uns trotzdem manchmal wie eine Firma verhalten. Denn es verändert sich bei uns ganz viel – ständig und immer. Es ist wie beim Jonglieren: Man darf nicht das Gefühl haben: So, jetzt wissen wir, wies geht. Das läuft garantiert schief.

Ist es Ihnen in den Rollen «Ursus und Nadeschkin» nie langweilig geworden?
Sieger: Wir sind ja nicht Schauspieler, die eine vorgeschriebene Rolle auf die Bühne bringen müssen. Wir schreiben unsere Stücke selber. Unsere Figuren sind also ein Teil unserer Persönlichkeit. Und das bleibt natürlich spannend.

Oft gelten Sie als der lange Gründliche und das Grossmaul in Gelb.
Wehrli: So plakativ ist das seit Ewigkeiten nicht mehr! Und es zeigt auch nur einen kleinen Ausschnitt, weil Ursus und Nadeschkin quasi ein Doppelleben führen: eines auf der Bühne und eines im Fernsehen. Von, sagen wir mal, 100 Szenen können wir nur 30 im Fernsehen zeigen. Vieles von dem, was wir live auf der Bühne machen, wäre fürs Fernsehen zu lang, zu gross oder zu schräg.
Sieger: Zu dadaistisch!
Wehrli: Zu surreal auch. Beim Fernsehen haben wir eine vorgegebene Zeit, beispielsweise dreieinhalb Minuten. Es muss lustig sein, es muss schnell sein. Wir missbrauchen deshalb das Fernsehen auch als Werbeplattform, damit die Leute auch live zu uns kommen.
Sieger: Aber das Spiel mit verschiedenen Gefässen – Fernsehen, Zirkus, Konzertsaal, Bühne – gefällt uns.

Das Vielschichtige spiegelt sich auch in Ihren Programmen. Wenn Sie einen Witz erzählen, läuft zwischen den Zeilen noch etwas anderes ab: die Spannung zwischen Mann und Frau.
Wehrli: Wir sind ja Frau und Mann. Welches Thema wir auch anpacken – das schwingt immer mit.

Nur in Richtung politische Satire gehen Sie nie?
Wehrli: Uns interessiert das als Form nicht. Wir finden es langweilig, uns über Christoph Mörgeli lustig zu machen. Politiker sein ist einfach ein Scheissberuf. Man muss sich ständig mit Kompromissen abfinden und hat am Ende noch die Hälfte gegen sich. Es ist nicht schwierig, sich über die Mächtigen zu mokieren.

Aber über die Kleinen wollen Sie sich ja wohl nicht im Ernst lustig machen?
Sieger und Wehrli zusammen: Nein, aber über uns selber!
Sieger: Uns interessieren die Träume, die wir haben. Die kleine, feine Liebe zu etwas, das unerreichbar ist. Letzthin haben wir einen befreundeten Kabarettisten auf der Bühne gesehen und erlebt, wie das Publikum herausposaunte: «Genau! Endlich sagt das wieder mal jemand!» Da sträubt sich in mir alles. Weil ich nicht mehr daran glaube, dass es nur richtig und falsch gibt.

Etwas Richtiges und Handfestes haben Sie aber diesen Frühling bekommen: den Ehrencornichon.
Sieger: Der Ehrencornichon war schon sehr speziell. Einen solchen Preis bekommt man ja eigentlich erst, wenn man alt und schrumpelig ist.
Wehrli: Zusammengezählt sind wir ja auch schon über achtzig ...

Ihre Bühnenehe hält nun seit 25 Jahren. Was empfehlen Sie einem Ehepaar, um lange glücklich zu sein?
Wehrli: Ein Liebespaar möchte es ja immer schön haben miteinander, man hält schnell an etwas fest, was gut ist. Das ist aber ein Fehler, weil man ja mit jemandem zusammen ist, der sich verändert. Darum muss man einander immer neu kennen lernen. Und darum setzen wir unsere Bühnenpartnerschaft immer wieder aufs Spiel. Wir waren manchmal nahe daran, aufzuhören.

25 Jahre als Bühnenpaar unterwegs – ist das für Ihre privaten Beziehungen schwierig?
Wehrli: Sie haben uns kennen gelernt, als es unser Duo schon gab. Meine Partnerin muss Nadja mitnehmen, ob sie will oder nicht. Das ist schon immer wieder eine Herausforderung.
Sieger: Wenn man heiratet, heiratet man ja auch eine ganze Familie mit und bei uns gehört da halt noch einer mehr dazu.

Sie beide haben Kinder. Kann man mit Kindern überhaupt auf Tournee?
Wehrli: Wir haben das gerade heute wieder einmal diskutiert, weil eines der Kinder krank geworden ist. Es ist nicht immer einfach!
Sieger: Wie gut es klappt, hängt auch vom Kind ab. Mein Sohn ist anderthalb. Ich kenne mich also fabelhaft mit Kindern bis anderthalb aus. Aber Dreijährige? Keine Ahnung! Trotzdem müssen wir jetzt schon Engagements planen, für die Zeit, wo er dreijährig sein wird. Das ist tricky.

Urs Wehrli, Sie waren sieben Monate im Gefängnis wegen Wehrdienstverweigerung. Hat das Ihr Leben geprägt?
Wehrli: Es war sehr wichtig. Und es ist sehr lange her. Wann war das?
Sieger: 1991.
Wehrli: Ich weiss schon gar nicht mehr, wann! Aber damals war es sehr bedeutend und emotional für mich. Aber auch der richtige Weg, eben meine Art, die Militärpflicht zu erledigen. Und danach war es wirklich erledigt.
Sieger: Für das Duo war es eine Herausforderung! Wir hatten gerade Auftritte geplant. Und dann war lange unklar, wann Urs ins Gefängnis muss. Also mussten wir zwei Jahre lang bei jedem Engagement sagen: Vielleicht können wir es nicht machen, weil Urs eventuell im Knast sitzt. Man kann sich vorstellen, wie gut das ankommt.

Verlässt einen der Humor in solchen Situationen?
Wehrli: Im Gegenteil! Je starrer die Strukturen, die einen umgeben, desto mehr Humor gibt es. In Krisengebieten haben die Leute ja oft erstaunlich viel Humor. Und auch im Militär gibt es absurde Situationen, wo man denkt: Ich bin im falschen Film.

Gibt es auch Momente, wo für Sie der Spass aufhört?
Sieger: Wenn wir im Zug sitzen und einen Hund dabei haben mit Tollwutimpfung, die in allen EU-Ländern zwei Jahre gültig ist. Blöderweise müssen wir aber auf dem Weg nach Ulm fünf Minuten über österreichisches Gebiet fahren. Und in Österreich ist die Impfung nur ein Jahr gültig. Und prompt steht da der Zöllner und lässt uns nicht weiterfahren, obwohl in Ulm 800 Leute auf unseren Auftritt warten. Verstehen Sie? Es geht nicht um einen tollwütigen Hund, der zähnefletschend Passagiere anknurrt, sondern um einen friedlich schlafenden, kleinen Hund in einer Hundetasche. Da regiert nicht mehr der Menschenverstand, sondern die Hierarchie.

Das tönt fast wie in Ihren Programmen!
Sieger: Ja, wir sind ja auch die Clowns und können das den Leuten wieder vorspielen.

Erwartet man von Ihnen auch im Alltag, dass Sie witzig sind?
Sieger: Lange war das so. Am Anfang war aber das grössere Problem, dass man uns mit dem Beruf «Clown» nicht ernst genommen hat. Rückblickend verstehe ich das, wir waren einfach sehr jung.

Wurden Sie auch von Ihren Eltern nicht ernst genommen?
Sieger: Mein Vater liess mich immer machen, was ich wollte. Aber es war ihm dabei bestimmt nicht immer ganz «gschmuch». Ich glaube, er wurde wegen mir gehänselt. Seine Tochter brillierte bei der Matur und hätte sein Architekturbüro übernehmen können; und was macht sie? Strassenclown.
Wehrli: Da waren die Preise, die wir bekamen, wie Balsam für die Seele. Auch Zeitung und Fernsehen waren wichtig für Leute, die uns nicht einordnen konnten – sie wirkten wie offizielle Gütesiegel.

Fast ein Gütesiegel ist mittlerweile der Wuschelkopf von Nadeschkin. Dabei hatte Ursus am Anfang genau die gleiche Frisur. Was hat sich neben den Haaren sonst noch auseinanderentwickelt?
Sieger: Tom Ryser (der Regisseur; Anm. der Redaktion) hat uns immer unsere Gegensätzlichkeit ans Herz gelegt. Es ist besser, wenn nicht Zwillinge auf der Bühne stehen.
Wehrli: Am Anfang waren die ähnlichen Kostüme auch eine Art Schutz. Gemeinsam wollten wir auf der Bühne bestehen oder untergehen. Aber irgendwann sagten wir uns: Hey, wir sind gar nicht gleich. Das braucht Vertrauen in sich selbst. Im Alter werden Unterschiede sowieso immer extremer.
Sieger: Und immer schlimmer! Wir wollen uns unterschiedlich entwickeln können. Und es gibt Zonen, die uns heilig sind. Wenn Urs ins Training will, sage ich nicht: «Lass uns noch den Text fertigschreiben.» Er macht das Training ja auch, damit wir fit bleiben.

«Wir fit bleiben»? Sie sprechen ja doch wie ein altes Ehepaar!
Wehrli (lacht): Nadja hat schon noch ihr eigenes Training.

Nadja Sieger, was hat es mit der immer gelben Latzhose auf sich?
Sieger: Bei Laurel und Hardy fragt man sich auch nicht, warum sie so angezogen sind. Frauenkostüme sind einfach schwierig. Frauen, die lustig sein wollen, machen sich oft hässlich. Oder brezeln sich auf wie Sissi Perlinger und zeigen viel Brust. Beides gefällt mir nicht. Für Nadeschkin suchte ich immer eine Frauenfigur mit dem grösstmöglichen Veränderungspotenzial. Ich möchte wie ein Tomboy agieren können. Ob feminin, rotzgörig oder bubenhaft – alles muss drinliegen. Zudem ist die Farbe Gelb neutral, weil sie nicht besetzt ist.

In Ihrem neuen Programm tragen Sie nun weiss. Ist der Tenue- Wechsel auch eine inhaltliche Neuausrichtung?
Sieger: Ja! Aber mehr wollen wir nicht verraten.

Das Stück heisst «Sechsminuten». Was hat es mit diesen sechs Minuten auf sich?
Wehrli: In einem Satz ausgedrückt: Wir spielen ein sechsminütiges Programm, das zwei Stunden dauert, und thematisieren damit: Zeit ist relativ. Manchmal erscheint sie uns als zu lang, dann wieder als zu kurz. Wenn unser Programm klappt und ankommt, können die Zuschauer sozusagen Zeit sparen! Wie, verraten wir aber nicht.

Sie setzen sich auch für den komödiantischen Nachwuchs ein.
Wehrli: Viele Leute jammern, es gebe keinen Nachwuchs. Aber das stimmt nicht. Der Nachwuchs bringt es ja gerade mit sich, dass die Leute ihn nicht kennen! Sobald man die Szene eine wenig überblickt, kommt man zu einem anderen Urteil.
Sieger: Wir können aus dem Stand 30 junge Kabarettisten aufzählen, die gut sind.

Angesichts des Karikaturenstreits in Dänemark: Gibt es Dinge, über die man keine Witze machen darf?
Wehrli: Ich halte es mehr mit dem Satz von Tucholsky: Satire darf alles! Natürlich ist es ist nicht angemessen, an einer Beerdigung Witze zu reissen. Aber das hat mehr mit Feingefühl zu tun. Grundsätzlich gilt: Nichts ist dem Komödianten heilig.

Wenn man eine schweizerische Charaktereigenschaft chirurgisch aus der Volkspsyche entfernen könnte – welche wäre das?
Sieger: Vielleicht die Engstirnigkeit?
Wehrli: Bei uns Schweizern ist das «Gärtli-Denken» schon ausgeprägt. Wir haben allerdings erwiesenermassen weniger Platz als andere Länder. Nicht nur, weil unser Land kleiner ist, sondern vor allem wegen der Berge. Viele Menschen treten zur Haustür hinaus und sehen zuallererst einen Berg. Das prägt. Der Vorteil ist, dass wir wissen: Es gibt noch Grösseres als uns selbst. Dieses Wissen vermisse ich manchmal bei Deutschen oder Amerikanern.

Schärft die Schweiz den Blick für das Kleine?
Sieger: Zu den grossen Themen wie Politik und Religion stossen wir meist gar nicht vor. Das hat aber weniger mit der Schweiz zu tun. Strukturell funktionieren unsere Proben, wie wenn Kinder spielen.
Wehrli: Wenn mein Sohn sein Zimmer aufräumt, ist da nach einer halben Stunde das noch grössere Chaos. Weil, eigentlich möchte er das Auto wegräumen, aber unterwegs kommt er an einer Röhre vorbei, macht daraus einen Tunnel und schon ist er wieder mitten im Spiel.

Solche Situationen suchen Sie in Ihren Programmen auf?
Wehrli: In solche Momente lassen wir uns gerne hineinfallen.

Ihre Auftritte enden meist speziell, etwa so: «Jetzt ist der Moment gekommen, wo Sie, liebes Publikum, ohne uns klarkommen müssen.» Wie würden Sie als Ursus und Nadeschkin einen schönen Interviewschluss inszenieren?
Wehrli: Eine gute Schlussantwort wäre vielleicht, dass wir jeden Tag ein wenig verschieden sind. Und vielleicht alles, was wir gesagt haben, morgen schon wieder anders aussieht.
Sieger: Vielleicht aber auch nicht.

Ursus & Nadeschkin sind ein 1987 gegründetes Schweizer Clown- und Kabarett-Duo, bestehend aus Urs Wehrli (Ursus; *13. August 1969 in Aarau) und Nadja Sieger (Nadeschkin; *22. Mai 1968 in Zürich). In ihrer 25-jährigen Zusammenarbeit entstanden mehrere abendfüllende Bühnenprogramme (u. a. «Weltrekord» oder «Hailights»), 2002 spielten sie eine Saison im Circus Knie, hinzu kommen zahlreiche Engagements im Ausland und Auftritte im Fernsehen. Mit ihrer eigenständigen Situationskomik gelten sie als das erfolgreichste Clownduo der Schweiz. Auch Solo sorgen die beiden für Aufsehen. Wehrli mit dem Projekt «Kunst aufräumen», in dem er bekannte Bilder zerschneidet und neu zusammensetzt. Nadja Sieger schrieb Kolumnen für die «Berner Zeitung», singt in einer Jazzband und tritt auch als Schauspielerin in Fernsehfilmen auf.

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