Ich kenne Endo Anaconda (61) seit Jahren. Dennoch gleicht jedes Gespräch mit dem Sänger einer Reise ins Unbekannte. Man spricht über Musik und ist bald beim Untergang der «Titanic». Man möchte über Sprache reden, und Endo landet bei der Parteipolitik. Der Frontmann der Band Stiller Has ist ein ruheloser Geist, einer von denen, die ihr Denken aus dem eigenen Reden schöpfen.

Endo , am Freitag veröffentlichte Stiller Has die CD «Endosaurusrex». Wie denkt ein Musik-Saurier wie du, wenn er auf die Gegenwart seines Landes blickt?
Endo Anaconda:
Wir leben hier in einer Art Wellnesszone, haben Heimweh statt Weltweh, hoffen auf Schneefall und die Gnade von Herrn Trump und getrauen uns nicht einmal, die Balkontür aufzumachen. Es ist wie auf der «Titanic». Die unten ersaufen, die Holzklasse kriegt nasse Füsse. Nur auf dem Oberdeck läuft die Party, während die Schettinos dieser Welt auf dem Weg nach Panama sind. Wir sind auf dem Oberdeck.

Ist der Song «Lee van Cleef» ein Ausdruck dieser Widersprüche? Nach dem Motto: Eigentlich möchte ich ein wahrer Westernheld sein. Stattdessen spiele ich mit der Spielzeugpistole.
Es geht um die Sehnsucht nach Helden, die mit dem Peacemaker das Böse aus der Welt schaffen. Aber das Böse lässt sich nicht mit der Kanone aus der Welt schaffen. Ich bin halt mit Sergio Leone sozialisiert worden.

Was ist denn heute das Böse? Der Krieg?
Mein österreichischer Grossvater war im Krieg und hat den Faschismus erlebt. Dieser droht in neuer Form wiederzukommen. Die Schweiz hatte keinen Krieg. Wir nehmen ihn höchstens als seelische Verstimmung wahr.

So direkt sprichst du die Dinge in deinen Songs nicht an. Kann man behaupten, du seist weniger explizit als früher?
Es ist immer dichter geworden. Ich habe nun ein Jahr lang an diesem Album geschrieben. Wenn du jung bist, machst du viele Schnellschüsse. Mit der Zeit liegt die Latte höher. Da kommt eine Schreibhemmung.

Erzähl von deinen Musikern. Du hast komplett neue Musiker um Dich geschart. Einer davon ist ein Teenager. Ist das eine Frischblut zufuhr für dich als Künstler?
Ich bin ein Geschichtensänger. Und jetzt wundern sich alle, warum spielt er nicht mit der alten Band? Es war für mich inspirierend, mit Mario Batkovic und Roman Wyss zu arbeiten. Ich nehme mir die Freiheit, mit den Musikern zu arbeiten, mit denen ich arbeiten will.

Kannst du sie kurz charakterisieren?
Roman Wyss ist ein Vollblutmusiker. Egal ob Duo, Bigband oder Schubert-Abend, er ist in allen Disziplinen erfahren. Das ist eine Qualität, die man selten findet. Mario Batkovic kommt aus einer ganz anderen Ecke. Er ist nicht unbedingt ein Popmusiker, er spielt international an grossen Festivals, ich glaube sogar in der Antarktis vor 5000 Pinguinen – nur für m4music ist er noch immer ein Newcomer. Ich bin glücklich, dass ich solche Leute kenne. Sie haben mir künstlerisch weitergeholfen.

Was planst du für eine Tour?
Ich mache jetzt weniger Konzerte. Ich habe früher bis zu 100 Konzerte gegeben, das halte ich nicht mehr durch. 50 bis 60 reichen.

Du bist ja einer von den Künstlern, die ein bisschen allen gehören. Wie gehst du damit um, dass alle etwas von dir wollen?
Man muss einfach Nein sagen können. Sonst regst du dich nur auf. Ich habe während vieler Jahre ständig Kolumnen geschrieben. Ich brauchte halt das Geld. Jetzt habe ich eine GmbH und bezahle mir einen Lohn und führe einen bescheidenen Lebensstil. Schliesslich wollte ich nie reich werden. Das hätte ich wahrscheinlich geschafft, letztlich sind schon dümmere Leute reich geworden.

Im Lied «Hung» benennst du Auswüchse der digitalisierten Zeit und sagst von dir, du seist nicht digital. Wie kommt es, dass du bei der digitalen Generation dennoch Kultstatus geniesst?
Nein, es geht im Lied eher um die Gleichzeitigkeit verschiedener Realitäten. Wir im Strandresort und die anderen im Schlauchboot, das geht nur mit Abschottung innerlich oder mit Grenzzäunen. Das bringt natürlich ein ungutes Gefühl. Wir leben in einem Land, in dem man nicht wirklich etwas richtig oder falsch machen kann. Die Flucht aus dem selbst gewählten Gefängnis wäre wie der Flug des Ikarus, und da stürzt man ab. Hinter den Bergen ist es rot, dort tobt der Krieg.

Die gleichzeitige Notwendigkeit und Unmöglichkeit davonzufliegen ist ein altes Motiv von dir. Im Lied «Flieder» heisst es: «Nie meh – und immer wider». Ist das auch so ein Anaconda-Dilemma?Natürlich, die Dualität spielt mit. Wenn du katholisch erzogen bist, hast du diesen Teufel-Jesus-Mythos immer drin, selbst wenn ich selbst Agnostiker bin. Das ist eingetrichtert, und vielleicht braucht man das auch. Aber das Lied, auf das du dich beziehst, dreht sich eher um das Glück und die Hoffnungslosigkeit der Liebe in unserer Zeit.

Inwiefern?
Ich meine zum Beispiel Datingplattformen, die berechnen, wer in der Liebe zu wem passt. Sogar dieser Zauber wird einem gestohlen.

Und wie ist es mit jenem anderen Motiv, der Spannung zwischen der Lust am Leben und dem Tod, der einem bereits im Nacken sitzt?
Ich glaube, das Wissen um die Endlichkeit macht den Reiz des Lebens aus.

Im Song «Spoken Word» beklagst du dich darüber, dass dich alle volllabern. Warum ziehst du dich nicht zurück?
Ich bin ja zurückgezogen, lebe im Emmental und gehe kaum mehr unter die Leute. So verbrauche ich weniger Energie. Aber ich vermisse auch ein bisschen den geistigen Austausch mit Leuten, die eine ähnliche Ebene haben.

Der Kunstmaler Hans Stalder hat die meisten deiner Covers gestaltet. Gehört er zu jenen, mit denen du dich gern mehr austauschen würdest?
Ja, er leidet auch. Er ist künstlerischer Mittelstand. Ich meine, er ist ein wahnsinnig guter Maler, aber die Leute kaufen Kunst zum Spekulieren. Sie kaufen nicht einen Housi Stalder, sie kaufen eine Wertanlage. Dieses Denken siehst du auch bei der Musik. Die Eltern schicken ihr Kind in den Geigenunterricht, damit es besser wird in Mathematik, nicht weil Musik an sich einen Sinn hat.

Wie würdest du diesen Sinn benennen?
Eine Aufgabe der Kunst wäre es, spirituell zu sein in dem Ausmass, in dem die Religion diese Aufgabe verliert. Eine funktionierende Gesellschaft braucht ja verschiedene Elemente. Künstler sind eine Art Medizinmänner. Und je mehr die Religion diese Aufgabe verliert, desto mehr wäre es Aufgabe der Künstler, Dinge zu visualisieren, die nicht sichtbar sind.

Wie soll die Kunst das schaffen?
Wie die Leute deine Arbeit interpretieren, das kann völlig unterschiedlich sein. Nimm zum Beispiel den Song «Fischele», einige Leute finden ihn extrem lustig, aber eigentlich ist es eine himmeltraurige Geschichte. Ich war in einem Altersheim und habe gesehen, wie ein dementer Patient in einem Rollstuhl vor einem leeren Aquarium sass. Der Song rührt an der Frage: Wissen wir, was in so einem Menschen vorgeht? In deren Kopf können ganze Universen sein. Und dann stopfen sie dir vielleicht gegen deinen Willen Hering-Salat rein.

Wie kann man in Würde altern?
Was ist Würde? Das erfordert Menschenliebe. Es geht nicht, indem man sich von einem Roboter den Hintern putzen lässt. Jetzt soll man im Coop die Sachen selber einscannen. Da gehen soziale Kontakte verloren. Deshalb wehre ich mich gegen alle Arten der technologischen Entmenschlichung. Wie bei der Bahn, keine Schalter mehr, dafür mehr Videoüberwachung, mehr Leute, die durchdrehen, die einen Monitor-Job machen und in der Freizeit randalieren.

Im Song «Endosaurusrex» singst du: «Scho im Toufchleid han i grännet, wöu i im Lichehemd muess ga». Wenn du zurückschaust auf deine Kindheit, hast du dann den Eindruck, das Leben rausche an einem vorbei?
Ja, alles geht so schnell.

Ist der Text bei dir zuerst oder die Musik?
Die Musik ist im Text bereits erhalten. Es braucht Musiker, die das erkennen.

Kann man sagen, dein Sprachmaterial sei alles, was in der Luft liegt?
Ich liebe die Sprache, rede gerne mit den Leuten. Gespräche sind mir wichtig. Deswegen gehe ich auch in die kleinen Läden einkaufen. Für mich ist das ein sozialer Akt. Es ist traurig, wenn die Randregionen so abgehängt werden. Jetzt ist der «Sternen» in Trub zugegangen, und Trubschachen hat keine Post mehr. Ich verstehe, dass die Bauern dort SVP wählen. Die SVP macht Klientelpolitik, und niemand schaut zu den Bauern. Die Landbevölkerung ist in einer Identitätskrise. Das ist etwas, was die SP mal kapieren müsste. Die Abgehängten wählen diejenigen, die mit volkstümlichen Versatzstücken spielen. Blocher ist ja kein Bauer. Für mich ist er sogar schlechtes Bauerntheater. Dabei gibt es in Trub gutes Bauerntheater, bei dem sogar gejodelt wird. Das ist wirklich lustig. Ich schaue mir das gern an.

Wir sprachen von der Sprache
Ja, ja, schreib nicht zu viel Politisches ...

Du kommst halt schnell auf die Politik zu sprechen
Mein Interesse galt immer der Lyrik und der Politik. Bis fünfundzwanzig glaubte ich, gleich komme die Welt revolution. Und ich bin ja froh, dass sie in dieser Art nicht gekommen ist. Ich war ein einsamer Hubstaplerfahrer im Shoppyland. Als die Reithalle aufging, entstand ein Forum. Dort habe ich endlich Gleichgesinnte kennen gelernt. Für mich war Kunst etwas, von dem ich glaubte, damit liesse sich etwas verändern.

Glaubst du es nicht mehr?
Ich glaube, wenn man die Leute zum Denken bringen kann, muss man ihnen danach das Denken selber überlassen. Ich glaube nicht, dass man Atomkraftwerke wegsingen kann. Ich vertraue darauf, dass die Menschen denken. Und ich will Texte machen, die es den Leuten erlauben, ihre eigenen Geschichten zu imaginieren. Das ist vielleicht ein Mittel gegen die Angst. Der Spiessbürger hat immer Angst zu imaginieren, weil er fürchtet, es könnten sich dabei seine eigenen Abgründe auftun.

Wieso erreichst du mit diesem doch eher intellektuellen Ansatz so viele Leute aller Schichten?
Das ist eine Frage der Haltung. Bevor ich von der Musik leben konnte, war ich in der Fabrik. Wenn Gölä sagt, er sei ein Büezer, disqualifiziert er die Ar beiterschaft mit seinen Aussagen. Die Ar beiterschaft ist nicht so blöd, wie er tut.

Endo Anaconda
1955 wird Endo Anaconda (bürgerlich: Andreas Flückiger) als Sohn einer Österreicherin und eines Schweizer Polizisten in Burgdorf BE geboren. Als er fünf Jahre alt ist, verunglückt sein Vater tödlich. Mit zwölf Jahren besucht er ein Internat in Klagenfurt. Seine Sommerferien verbringt er bei den Grosseltern im Emmental. Nach einer Lehre als Serigraf in Wien kehrt Anaconda Anfang der 1980er-Jahre in die Schweiz zurück. Nach verschiedenen erfolglosen Projekten gründet er 1989 mit Balts Nill das Duo Stiller Has. Anaconda hat drei Kinder. «Schweiz am Sonntag»-Redaktor Pedro Lenz und Endo Anaconda kennen sich seit Jahren. Jetzt trafen sie sich in Bern zum Interview (unten). Auf der Bühne ist Anaconda eine Naturgewalt, hier am Open Air Gränichen (links). Marcel Siegrist