Herr Aebischer, der französische Präsident François Hollande sprach kürzlich bei seinem Besuch an der ETH Lausanne von einem Schweizer Wunder, einem Geheimnis für unseren Erfolg ...
Patrick Aebischer: Richtig.

… es ist die Fähigkeit, unsere Bildung direkt in die Unternehmen zu transferieren. Da scheinen Sie einen Bruder im Geiste gefunden zu haben.
Sie meinen den Sozialisten? (lacht)

Natürlich nicht. Sie gelten als der Prototyp eines Wissenschaftsmanagers. Wie kein anderer Hochschulrektor versuchen Sie, Bildung und Wirtschaft zu verknüpfen.
Ja, das ist unser Modell. Ich wurde schon oft beschuldigt, die EPFL zu stark amerikanisiert zu haben. Aber schauen Sie sich doch die Rankings der besten Universitäten weltweit an! Die US-amerikanischen wie Harvard oder das MIT dominieren. Dank ihrer Erkenntnisse und Technologien entstehen komplett neue Wirtschaftssegmente. Das beweist, dass man Bildung und Wirtschaft nicht trennen sollte.

Mag sein. Aber die Finanzierung der Schweizer Hochschulen ist eine andere als in den USA. Das meiste Geld erhalten sie vom Bund und den Kantonen.
Das Schweizer System ist grossartig. Die staatliche Finanzierung garantiert eine aussergewöhnliche Basisforschung. Dazu wären die Unternehmen nicht in der Lage. Aber bei der Basisforschung darf man nicht aufhören. Wir müssen weiterdenken und unsere Studenten so ausbilden, dass sie später einen Job finden. Und wo findet man Jobs? In den Unternehmen natürlich! Davon profitieren auch die Hochschulen, weil die Wirtschaft wieder in neue Projekte investiert. Die Antwort auf die Finanzierung der Universitäten ist also nicht Staat ODER Wirtschaft, sondern Staat UND Wirtschaft.

Das sehen viele Ihrer Kollegen anders.
Das ist mir egal (lacht). Gerade im Technologiebereich ist die weltweite Konkurrenz enorm. Eine Entdeckung kann man nur einmal machen. Es gibt keinen Trostpreis für den zweiten Platz. Darüber habe ich auch mit François Hollande gesprochen.

Über den zweiten Platz?
Über unsere Innovationskraft, die hat ihn fasziniert. Und natürlich hat er mich gefragt, warum so viele französische Studenten an der EPFL studieren. Er war total überrascht. Es sind nicht nur viele, es sind auch mit die Besten. Bei uns finden sie eben die nötige Infrastruktur.

Es wird ihm nicht gefallen, dass die talentierten jungen Franzosen lieber im Ausland studieren.
Das stört ihn nur bedingt, schliesslich kehren viele Studenten nach ihrer Zeit an der EPFL wieder nach Frankreich zurück.

Wäre es nicht sinnvoller gewesen, mit Hollande über den Ausschluss der Schweizer Hochschulen aus dem millionenschweren EU-Förderprogramm Horizon 2020 zu sprechen? Schliesslich hängt die Beteiligung über 2016 hinaus an der Personenfreizügigkeit.
Natürlich habe ich mit ihm darüber gesprochen. Aber auf seine Unterstützung können wir kaum hoffen. Hollande versteht unser Anliegen, verweist aber auf die Personenfreizügigkeit. Ein Stück weit verstehe ich ihn. Stellen Sie sich vor, ein Franzose kommt in die Schweiz und will, dass wir die direkte Demokratie abschaffen. Da würden wir auch nicht von unserer Position abrücken.

Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative warnten Sie vor einem «Grounding des Schweizer Forschungsplatzes». Sind Sie noch immer enttäuscht?
Die Westschweiz hat klar mit «Nein» abgestimmt.

Gemäss einer neuen Befragung sind die Westschweizer heute aber europakritischer als die Deutschschweizer.
Davon habe ich auch gehört, und es beunruhigt mich ein bisschen. Allerdings hat die Vergangenheit gezeigt, wie häufig solche Befragungen danebenliegen. Die Realität ist oft eine andere.

Sie glauben also nicht an einen Stimmungswandel in der Romandie?
Wie gesagt, fehlt mir ein echter Beweis dafür. Natürlich kann ich verstehen, dass Menschen skeptisch sind, wenn sie die Arbeitslosenquote in einigen europäischen Ländern anschauen. Aber wir lösen unsere Probleme nicht, indem wir uns abschotten. Wir sind so erfolgreich, gerade weil wir offen sind und die besten Leute ins Land holen können. Das gilt nicht nur für die Hochschulen, sondern auch für grosse Unternehmen wie Nestlé oder Novartis.

Könnten Schweizer Forscher diese Lücke nicht füllen?
Wir brauchen hochanalytische, geniale Menschen. Davon gibt es auf der Welt nicht allzu viele. 80 Prozent unserer Forscher sind Ausländer. Wenn wir nur aus acht Millionen Menschen unsere Wissenschafter aussuchen müssten, hätten wir sicher eine gute regionale Schule, aber keine Weltklasse-Universität.

Gleichzeitig künden Sie einen Numerus clausus für ausländische Studenten an. Das passt nicht zusammen.
Für die französischen Studenten haben wir die Anforderungen tatsächlich nach oben geschraubt. Das ist aber eine reine Kapazitätsfrage. In der Schweiz liegt die Maturaquote bei 20 Prozent, in anderen europäischen Ländern bei 40 bis 60. Unsere Quote ist tiefer, da wir eine hervorragende Berufslehre haben. Das Schweizer System erlaubt eine deutliche Selektion vor dem Hochschuleintritt.

Trotzdem beklagen Ihre Kollegen von der ETH Zürich regelmässig die Mathematikkenntnisse der Maturanden.
Die beklage ich auch, Schüler sollten mehr Mathematik büffeln. Auch Gymnasien müssen ihren Fokus stärker darauf legen – und auf die Naturwissenschaften. Wir versuchen mittlerweile, die Maturanden mit Onlinekursen oder einer Sommerschule auf unser Studium vorzubereiten. Das ist nicht allein Sache der Gymnasien.

Hat die Matura als Ticket für die Hochschulen ausgedient? Braucht es Aufnahmeprüfungen?
Nein, alle Schweizer Maturanden sollen die Chance haben, an einer Universität zu studieren. Ob sie erfolgreich sind, ist eine andere Frage. Bei den französischen Studenten sind wir an eine Grenze gestossen. Wir können nicht viel mehr als 10 000 Studenten an der EPFL unterrichten. Das hat unsere gute Beziehung zu den Franzosen aber nicht beeinträchtigt. Das nachbarschaftliche Verhältnis ist bei uns offenbar anders als in der Deutschschweiz.

Wie meinen Sie das?
Bei uns lesen Sie keinen Zeitungsartikel mit «Wir haben zu viele Franzosen in der Westschweiz». Das liegt vermutlich daran, dass wir dieselbe Sprache sprechen. Hochdeutsch weckt bei einigen Deutschschweizern anscheinend ein gewisses Unbehagen.

Verkennen Deutschschweizer die Leistungen der Romandie?
Ja, manchmal wird die Westschweiz unterschätzt. Es gibt zwei grosse Wirtschaftsregionen: Zürich und den Arc Lémanique (Genferseeregion). Den Aufschwung haben wir uns hart erarbeitet, davon profitiert das ganze Land. Als Minderheit muss man einen gewissen Stolz haben, wir dürfen nicht abhängig von den Deutschschweizern werden.

Die ETH Lausanne steigt in den internationalen Rankings schnell nach oben und überholt in manchen Bereichen sogar die ETH Zürich. Sind Sie endlich aus dem Schatten der grossen Schwester getreten?
Absolut. Es stimmt, vor 15 Jahren waren wir tatsächlich die belächelte kleine Schwester der ETH Zürich. Jetzt haben wir zwei Hochschulen auf höchstem Niveau. Das war meine Vision, als ich vor 15 Jahren das Amt angetreten habe. Es ist wie in der Pharmaindustrie. Die Schweiz hat Roche und Novartis. Beide sind wichtig für das Land, kommen sich aber nicht in die Quere.

Es ist bezeichnend, dass Sie die Wirtschaft als Vergleich heranziehen. Sie sitzen im Verwaltungsrat von Nestlé und sind Präsident des Novartis Venture Fund. Kein Wunder, fürchten viele Professoren den Einfluss der Unternehmen auf die Forschung und fordern auch von Ihnen Transparenz.
Transparenz? Wenn Leute von uns mehr Transparenz fordern, muss ich lächeln. Mit dieser Maschine (tippt auf das iPad) ist heute doch alles öffentlich. Im Internet finden Sie alles. Ich bin aber dagegen, Forschungsverträge mit Unternehmen öffentlich zugänglich zu machen, weil sonst die Konkurrenten Einblick in die Pläne der Firmen erhalten. Glauben Sie mir, es ist ein Mythos, dass wir von den Unternehmen beeinflusst werden.

Nestlé hatte ein Vetorecht auf zwei Lehrstühle.
Das war kein Vetorecht, wir haben uns nur ihre Meinung angehört. Aber mit dem Nestlé-Vertrag werden Sie mir wohl noch in den nächsten 20 Jahren kommen. Glauben Sie, unsere Professoren lassen sich sagen, woran sie forschen müssen? Das können Sie vergessen (lacht)! Wissen Sie, warum die Unternehmen zu uns kommen? Sie haben Angst vor dem Kodak-Syndrom, dass sie Marktführer sind, dann aber die technische Entwicklung verschlafen und in der Versenkung verschwinden. Die Firmen investieren in uns, weil sie sich einen technischen Vorsprung versprechen. Wissen Sie, von wem ich vor wenigen Monaten eine E-Mail erhalten habe?

Sagen Sie es uns.
Von Eric Schmidt, dem Google-Chef. Er stellte sich kurz vor und sagte, dass er in Europa sei und viel von der EPFL gehört habe. Er wollte uns besuchen. Ich zeigte ihm einen Nachmittag lang unseren Campus, danach gingen wir gemeinsam zum Dinner.

Da haben Sie ihn wohl gleich überzeugt, in die EPFL zu investieren.
Ihn interessierte das Human Brain Project, und er wollte mehr über unsere weltweit öffentlichen Onlinekurse (MOOC) wissen. Ausserdem fragte er nach unserer Drohnentechnologie. Drohnen könnten künftig in der Stratosphäre – als Hotspots – das Internet in die entlegensten Teile der Welt bringen. Daran hat Google Interesse.

Das wäre nochmals ein grosser Coup, bevor Sie aufhören. 2016 treten Sie zurück …
… dann bin ich endlich wieder ein freier Mann.

Welche Ziele verfolgen Sie bis dahin?
Ach, wissen Sie, ich bin zufrieden. Mir liegt viel am neuen Institut für «Digital Humanities», es verbindet Technologie und Kultur. Die innovativen Unternehmen der Zukunft, die Google und Facebook von morgen, werden die besten Kräfte aus den Natur- und den Geisteswissenschaften zusammenbringen. Das versuchen wir auch an der EPFL. Und natürlich möchte ich meinem Nachfolger ein bestelltes Feld hinterlassen.

Gehen Sie danach in die Wirtschaft, oder bleiben Sie der Wissenschaft verbunden?
Natürlich bleibe ich Wissenschafter. Ich möchte wieder unterrichten. Ich hatte zwar einige interessante Anfragen aus dem Ausland, aber ich werde bestimmt in Lausanne bleiben.

Da wird sich Ihr Nachfolger aber freuen, wenn Sie wie ein Damoklesschwert über ihm schweben.
Darin sehe ich kein Problem. 2017 bin ich ohnehin nur noch zwei Jahre von meiner Pensionierung entfernt. Ich werde mich nicht mehr einmischen. Meine Leidenschaft gilt dann den neuen Bildungsmethoden, den Massiv Open Online Courses. Die erfolgreichsten Hochschulen werden diejenigen sein, welche solche Online-Studiengänge anbieten. Die Zahlen explodieren.

Was macht Sie so sicher?
Ich habe Afrika bereist: Mitten im Nirgendwo habe ich Kinder gesehen, die nur begrenzten Zugang zu Wasser und Strom hatten. Aber sie hatten ein Handy – und Empfang. Sie loggen sich ein und besuchen unsere Kurse. Ich will in einem Jahr 100 000 afrikanische Studenten haben. Heute sind es 50 000. Jungen Menschen den Zugang zur Bildung zu geben: Das wird die Welt verändern.

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