Die letzte Generation bewahrte noch die Modekatalogseiten mit den Unterwäschemodels auf und masturbierte dazu. Pornohefte waren selten, Videos erst recht. Man musste sie am Kiosk kaufen, was Pubertierende Überwindung kostete. Oder man fand sie in einem Abfalleimer, was sehr selten der Fall war. Und dann musste man sie vor den Eltern verstecken. Zumindest in konservativ-religiösen Familien war das nicht ohne Risiko.

Heute haben Jugendliche ein Smartphone – das ändert alles. Pornografie ist nun jederzeit verfügbar. Internet-Portale wie YouPorn, FeuchtTube oder HotTube zeigen Millionen von kurzen Clips kostenlos. Wie bei Youtube werden die Videos von den Internetnutzern selber hochgeladen. Dabei sind nicht bloss ein paar nackte Brüste zu sehen, sondern alle möglichen und unmöglich geglaubten Sexualpraktiken.

Dass Jugendliche solche Seiten besuchen, ist wenig überraschend, schliesslich sind sie sexuell neugierig und kennen sich mit dem Internet aus. Besonders männliche Jugendliche schauen Pornos. Gemäss einer Studie der Zürcher Fachstelle für Sexualerziehung aus dem Jahre 2012 haben 94 Prozent aller 13-Jährigen schon einmal einen Porno gesehen. Bei den Mädchen sind es 50 Prozent. Andere Studien aus Deutschland beispielsweise kommen zu ähnlichen Ergebnissen. «Es gehört zum Alltag vieler Jugendlichen, Pornos zu konsumieren», sagt der Soziologe Olivier Steiner vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Die meisten Jugendlichen sehen sich schon Pornos im Internet an, bevor sie selber sexuelle Erfahrungen machen. Pornos vermitteln den Jugendlichen aber eine falsche Vorstellung von Sex: Eine unterwürfige Frau, die alles mit sich anstellen lässt, und ein omnipotenter Mann – das ist die Blaupause der meisten Pornoclips. Und diese hat natürlich eine Wirkung auf die Jugendlichen.

Eine Sozialarbeiterin aus dem Kanton Basel erzählt, dass ihr kürzlich ein Jugendlicher ernsthaft erzählt hat, dass er es als normal empfinde, dass man der Frau am Schluss ins Gesicht spritze. Und in einem Online-Forum wendet sich eine 14-Jährige verstört um Hilfe, weil sie mit ihrem Freund Analverkehr gehabt habe, dabei wollte sie das eigentlich gar nicht.

Doch wer aufgrund solcher Beispiele vermutet, dass Internetpornografie unsere Jugend verdirbt, hat ein ebenso verzerrtes Bild unserer Jugend wie Pornofilme ein verzerrtes Bild der Sexualität darstellen. «Es lässt sich empirisch nicht feststellen, dass Pornografie grundsätzliche einen negativen Einfluss auf Jugendliche hat», sagt Steiner. Hingegen zeigen verschiedene Befragungen, dass die meisten Jugendlichen durchaus wissen, dass der in Pornofilmen gezeigte Sex nicht der Realität entspricht.

Daran ändert sich auch nichts, wenn die Jugendlichen häufig Pornos konsumieren. Im Gegenteil: Eine eben veröffentlichte Masterarbeit der Zürcher Hochschule der Angewandten Wissenschaften zeigt zum ersten Mal, dass Jugendliche, die sich regelmässig Pornos anschauen, ihren Wahrheitsgehalt realistischer einschätzen. Von jenen 130 befragten Jugendlichen, die öfters als einmal pro Woche Pornos konsumieren, denken 84 Prozent, dass ein Liebespaar in der Realität nie oder nur selten so Sex hat, wie es in Pornos dargestellt wird. Bei jenen Jugendlichen, die weniger als einmal pro Woche Pornos anschauen, glauben das nur 64 Prozent. 36 Prozent hingegen denken, dass Liebespaare manchmal, oft oder immer auf diese Weise Sex praktizieren.

Pornofilme verrohen die Jugend also nicht. Stattdessen können sie sogar zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit Pornografie und Sexualität führen. «Jugendliche, die Pornos schauen, wissen viel besser, was sie in der Realität umsetzen wollen», sagt Stefan Caduff. Und das sind erst einmal eher konventionelle Dinge.

Trotz des Zugangs zu all den wilden Pornoclips haben die meisten Jugendlichen ein sehr traditionelles Bild von partnerschaftlichem Sex. Das geht aus einer Interview-Befragung unter deutschen Jugendlichen hervor.«Der ganze Hardcore-Scheiss», wie die Jugendlichen sagen, also ungewöhnlichen und gewalttätigen Sex, finden sie abstossend. Er ist «null erregend», «nicht mein Ding» geben die Jugendlichen zu Protokoll. Darauf reagiert anscheinend auch die Pornobranche. Die Anzahl der explizit mit «hardcore» beschrifteten Inhalte geht zurück, wie aus einer Datenanalyse des Portals Porngram hervorgeht.

Wirklich harte oder illegale Pornografie wird höchstens einmal in der Peergroup gekuckt, um damit anzugeben, vielleicht auch, um sich gemeinsam zu amüsieren, nicht aber zum Masturbieren. Und das, so wird aus der Befragung auch klar, ist der Hauptgrund, warum Jugendliche Pornos konsumieren. «Die geläufige Annahme, dass die Reize immer extremer und härter werden müssen, erweist sich als Phantasma der Erwachsenen», meint die Sexualforscherin Silja Matthiesen.

Die Angst vor einer sexuellen Verrohung der Jugend ist eine historische Konstante. Matthiesen weist darauf hin, dass Ende des 18. Jahrhunderts Pädagogen vor der moralischen und körperlichen Verwahrlosung durchs Masturbieren warnten und zu robusten Gegenmassnamen aufriefen. In den 1970er-Jahren dann empörten sich Ärzte darüber, dass bereits minderjährige die Pille verlangten.
Bei der jüngsten Debatte um Internetpornografie geht es nun nicht nur um Sexualkritik, sondern auch um Medienkritik. Sobald ein neues Medium auftaucht – wie hier die kurzen Internet-Pornoclips –, wird es erst einmal kritisiert. Das ist klar. Und das war bei Romanen im 18. Jahrhundert ebenso der Fall wie bei der Verbreitung des Videorekorders in den 1970er-Jahren und zuletzt bei den Computerspielen.

Auch hier hiess es anfänglich, dass Ego-Shooter die Jugend verderben würden. Sogar für die Ursache von Amokläufen wurden sie verantwortlich gemacht. Empirisch erhärten liess sich das aber nicht. Und heute wird vermehrt auf die positiven Effekte von Computerspielen hingewiesen. Auch die Diskussion um Internetpornografie dürfte in ein paar Jahren wesentlich entspannter geführt werden – wenngleich hier die aus religiöser Warte hervorgebrachte Kritik noch viel stärker ist.

Natürlich könne Pornografie auch negative Folgen haben, wenn Jugendliche biografisch belastet seien oder wenn sie regelmässig harte, illegale Pornografie konsumierten, sagt Olivier Steiner. «Wenn Pornofilme aber altersgerecht konsumiert werden, können sie zur sexuellen Identifikation beitragen.» Den Aufklärungsunterricht ersetzen sie aber nicht (siehe Artikel links oben). Sie beantworten zwar viele Fragen der Jugendlichen, generieren aber auch wieder neue. «Früher wollten Jugendliche wissen, was Analsex ist», sagt Caduff, «Heute fragen sie: ‹Worauf muss man bei Analsex achten und warum macht er den einen Spass und den anderen nicht?›»

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper