Er will die Menschen für neue Energien begeistern. Mit Fukushima rückt die Vision von Bertrand Piccard (53) wieder schlagartig ins Bewusstsein. Der Ballon- und Solarflug-Pionier über Atomstrom, Spartricks beim Händewaschen – und die Belastung, ein Piccard zu sein.

Herr Piccard, wie viel Energie haben Sie heute schon eingespart?
Bertrand Piccard: Ich bin seit sieben Jahren mit einem Hybridauto unterwegs und habe seither 24500 Liter Benzin eingespart. Ich heize mein Schwimmbad mit Solarenergie. Und ich habe unser Haus, das 1977 gebaut wurde, neu isoliert. Von einem Tag auf den anderen konnte ich die Heizung vier Grad tiefer einstellen. Das ist eine Energieersparnis von fast 40 Prozent. Energie hat einen Wert, den man nicht einfach wegwerfen sollte.

Ist diese Botschaft mit der Katastrophe von Fukushima bei den Menschen angekommen?
Die Leute brauchen offenbar eine Katastrophe, um Sachen zu verstehen, die wir schon lange wissen. Fukushima hat diesen Geist geweckt, aber wir dürfen uns nichts vormachen: Die Menschen vergessen schnell wieder. Sie werden sich bald nicht mehr an Fukushima erinnern. Umso mehr müssen wir erklären, wie Energie gespart werden kann. Ich bin überzeugt, dass die Leute bereit wären, auf neue Technologien zu setzen. Aber in der Industrie hat jeder Angst, den ersten Schritt zu machen.

Wie soll das geändert werden?
Durch kluge Gesetze und Normen. Die Regierungen müssten zum Beispiel sagen: Kein Auto ist erlaubt, dass auf hundert Kilometer über vier Liter Benzin braucht. Dann wäre die Autoindustrie gezwungen, daran zu arbeiten. Am Anfang gäbe es einen Aufschrei, aber dann immer mehr Elektromobile, Hybridautos und Fahrzeuge mit Wasserstoff oder Biobenzin. Es wäre ein grosser Erfolg. Das Gleiche gilt auch in anderen Gebieten.

Die Autoindustrie muss dazu gezwungen werden?
Genau. Hätte man General Motors dazu gezwungen, kleinere Motoren zu bauen, wäre die Firma nicht Konkurs gegangen, als der Ölpreis stieg.

Hat der Bundesrat erkannt, wohin die Reise gehen muss?
Viele Leute haben das realisiert. Ich habe sehr gute Beziehungen zu vielen Politikern in der Schweiz, aber ich sehe auch, wie abhängig sie von ihrer Partei sind. Es geht oft nicht um die Sache, sondern um den Kampf gegen andere Parteien und letztlich um Wählerstimmen. Deshalb wähle ich keine Parteien, sondern Kandidaten mit einer Vision. Ich wähle Politiker aus sechs verschiedenen Parteien, von der SP bis zur SVP. Wenn wir nur Politiker mit echten Visionen wählen, könnten wir die Schweiz in nur einer Legislatur verändern.

Wie?
Wir hören zu viel, die Schweiz brauche jedes Jahr zwei Prozent mehr Energie. Deshalb brauche es mehr Atomkraftwerke. Dieses Argument ist falsch. Wir könnten mit den heute zur Verfügung stehenden Techniken so viel Energie einsparen, dass wir keine Atomkraft mehr brauchen. Dieses Ziel kann extrem leicht erreicht werden. Wenn wir mit einem Flugzeug Tag und Nacht ohne Treibstoff fliegen können, zeigt das, es ist auch möglich, Erdöl beim Heizen und beim Autofahren zu ersetzen.

Konkreter.
Es gibt nicht nur eine, sondern Tausende kleiner Lösungen. Wie bei einem Puzzle. Es fehlt in der Politik an Leuten, die wagen, dies offen auszusprechen. Ich kenne eine Firma, die hat ein Waschpulver für kaltes Wasser erfunden. Wenn ein Land wie Amerika dieses Pulver einsetzen würde, gäbe es für das ganze Land eine Energieeinsparung von vier Prozent. Vier Prozent!

Mehr Beispiele, bitte.
Wenn Sie Ihre Hände waschen, dann drehen Sie am Knopf für Warmwasser. Aber schon, bevor es warm ist, haben Sie die Hände gewaschen. Es ist also kaltes Wasser und wurde erwärmt, bevor sie es benutzt haben. Wenn sie aber von Anfang an kaltes Wasser einstellen, macht es für die Hände keinen Unterschied. Dann ist es auch keine Verschwendung mehr.

Die Grünliberalen vertreten ganz ähnliche Visionen wie Sie und haben damit Erfolg. Haben Sie Freude daran?
Ich habe jedes Mal Freude, wenn ich sehe, dass jemand versteht, dass wir Ökologie und Ökonomie zusammenbringen müssen. Die Grünliberalen haben das verstanden, aber nicht nur sie: Es gibt auch in der SVP Leute, die in die richtige Richtung gehen. Es gibt Energiefirmen, die haben nichts begriffen, aber es gibt auch andere. Die Bernischen Kraftwerke zum Beispiel investieren sehr viel in erneuerbare Energien. Und es gibt auch auf der linken Seite Leute, die erkannt haben, dass es ohne Zusammenarbeit mit der Industrie keine Lösungen gibt.

Nach Fukushima fordern Wirtschaft und bürgerliche Politiker, Gaskraftwerke zu bauen und die Wasserkraft mehr zu nutzen. Was halten Sie davon?
Sie sprechen immer wieder von mehr Energieproduktion statt von Energieersparnis. Wir fragen uns: Brauchen wir mehr Wasserkraft? Mehr Atomkraft? Mehr Gaskraft? Aber wir sprechen nicht darüber, wie wir mehr Energie einsparen könnten. Dabei wäre das der Weg, die Wirtschaft zu unterstützen und zu stimulieren. Cleantech ist sehr profitabel.

Cleantech steht für saubere Technologien. Mehr als nur ein Schlagwort?
Cleantech ist nicht einfach nur Solarenergie. Die ist nur ein kleiner Teil davon. Cleantech bedeutet viele kleine Technologien, die zusammen grosse Einsparungen erlauben. Das kann ein neuer Hybridmotor sein. Oder eine neue Beschichtung für Schiffe, die den Widerstand im Wasser verringert. Das sind neue Produkte, welche die Welt braucht.

Sie sind gegen den weiteren Einsatz von Öl und Gas?
Ich bin nicht gegen die Leute, die alte Technologien verkaufen und Öl produzieren. Ich glaube nur, dass sie mehr Geld verdienen und besser leben können, wenn sie auf neue Energien setzen. Wenn wir für die Industrie mehr Wachstum und mehr Arbeitsplätze wollen, dann müssen wir genau in diese Richtung gehen. Die Industrie produziert Dinge, die wir schon alle haben – Computer, Handys oder Autos. Das gibt ein kleines, lineares Wachstum. Dabei gäbe es mit Cleantech die Möglichkeit für ein viel grösseres Wachstum.

Was würde es konkret für die Schweiz bedeuten?
Wenn wir zwei Prozent Energie pro Jahr einsparen, wird die Schweiz viel reicher sein, als wenn wir jedes Jahr zwei Prozent mehr Energie produzieren. Es ist wie in der Badewanne: Wenn der Stöpsel nicht dicht ist und das Wasser langsam abfliesst, lassen Sie trotzdem neues Wasser hinein. Aber richtig wäre doch, den Stöpsel zu reparieren. Durch dieses falsche Verhalten verlieren wir Energie. Das müssen wir zuerst lösen, bevor wir mehr Energie produzieren.

Welches Land hat Ihre Vision am besten begriffen?
Sie werden schockiert sein, wenn ich Ihnen jetzt sage: China. Die Chinesen kommen von hinten, aber sie werden schon bald vor uns sein. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Die Art und Weise, wie sich China verhält, entspricht nicht unseren demokratischen Vorstellungen. Aber: Die Chinesen sind sich des Energieproblems sehr bewusst und setzen gezielt auf neue Energien und Technologien.

Das geschieht wohl weniger aus ökologischen als aus wirtschaftlichen Gründen.
Die Chinesen machen es aus beiden Gründen. Das ist sehr wichtig. Wir können nicht Umweltschutz machen, der nicht profitabel ist. Und wir dürfen keine Industrie betreiben, die nicht umweltfreundlich ist.

Eines Ihrer grossen Vorbilder ist Jules Verne. Wenn Sie wie er in die Zukunft blicken: Wird es künftig möglich sein, dass Passagierflugzeuge mit Solarenergie fliegen?
Ich wäre verrückt, mit Ja zu antworten, und dumm, Nein zu sagen. Ich weiss zwar nicht, wie es technisch möglich wäre. Aber ich weiss, dass es unmöglich ist, so weiterzumachen mit der Umweltverschmutzung und der Energieverschwendung. Wahrscheinlich wird die Flugindustrie die Letzte sein, die vom Erdöl wegkommt, weil das technisch sehr schwierig ist. Auch rein wirtschaftlich betrachtet ist es so: In zwanzig Jahren wird Erdöl zu teuer sein, um damit noch alle Flugzeuge zu betreiben.

Wird Solar Impulse zum Vorbild der Flugindustrie?
Solar Impulse ist konstruiert, um Botschaften zu transportieren – und nicht Passagiere. Es ist nicht unser Ziel, eine Solarflugzeug-Industrie aufzubauen.

Sondern?
Der Grund, warum ich Solar Impulse gestartet habe, ist: Heute werden die Leute mit negativen Botschaften überhäuft, wenn es um Umweltschutz geht. Man zeigt ihnen Bilder vom schmelzenden Eis am Südpol und will ihnen Vorschriften machen. Damit motivieren Sie niemanden, der in seinem Auto im Stau steht, sein Verhalten zu ändern.

Was ist Ihr Rezept?
Ich glaube, dass wir das Gegenteil machen und von Lösungen sprechen müssen, von Begeisterung und von Profitabilität. Das ist die Idee von Solar Impulse: André Borschberg und ich wollen die Leute auf ein Abenteuer mitnehmen. Wir zeigen Optimismus, Träume, Begeisterung. So können die Leute denken: Aha, es gibt Lösungen. Und dann werden sie beginnen, nachzudenken, wie sie in ihrem eigenen Leben Energie sparen können und Cleantech benutzen.

Sie haben als Erster mit einem Ballon die Erde umrundet. Jetzt wollen Sie als Erster mit einem Solarflugzeug um die Welt. Ist es Ihr wichtigster Antrieb, der Erste zu sein?
Nein, das ist nicht ein Ziel. Aber es ist ein Mittel, um meine Botschaft zu verbreiten. Wären schon hundert Leute mit Solarenergie um die Welt geflogen, hätte niemand mehr ein grosses Interesse daran.

Was wird als grössere Leistung in die Menschheitsgeschichte eingehen – die Ballonfahrt oder der Solarflug?
Solar Impulse natürlich, weil es viel nützlicher ist als die Ballonfahrt. Das war nur ein persönlicher Traum. Aber Solar Impulse würde nicht existieren ohne den Ballonflug. Denn meine persönliche Glaubwürdigkeit habe ich erhalten, weil ich dieses Projekt zum Erfolg geführt habe. Die Leute wissen seither, dass ich Ausdauer habe und meine Ideen nicht jedes Jahr ändere. Nur deshalb war es möglich, dass ich für Solar Impulse 100 Millionen Franken erhalten habe, bevor das Flugzeug überhaupt gebaut war.

Sie nehmen momentan Flugstunden. Können Sie den Vogel noch gar nicht fliegen?
Erst seit wenigen Wochen. Ich habe letzten Monat die Prüfung beim Bundesamt für Zivilluftfahrt gemacht. Jetzt darf ich Solar Impulse selber fliegen. Ich werde jetzt üben, zuerst rund um Payerne, um mit dem Verhalten des Flugzeugs vertraut zu werden. Ich muss mehr üben als André Borschberg, der eine viel grössere Flugerfahrung hat als ich.

Ist es bei so einem schwierigen und gefährlichen Unternehmen ein Vorteil, Psychiater zu sein?
Für die Ballonfahrt war es sehr wichtig, nicht nur für das Leben an Bord, sondern auch für den Teamgeist. Aber auch Solar Impulse hat sehr viel zu tun mit meinem Beruf. Mein Ziel als Arzt ist, die Lebensqualität der Leute zu verbessern, die in meine Praxis kommen. Aber es ist nur ein Mensch pro Stunde. Mit Solar Impulse geht es um mehr Lebensqualität für unvergleichlich mehr Leute.

Solar Impulse ist im weitesten Sinne eine Massentherapie?
Jetzt muss ich aufpassen, sonst machen Sie daraus eine fette Schlagzeile (lacht). Ich würde so sagen: Solar Impulse ist ein Beispiel, das die Leute begeistern soll für neue Lösungen. Und das ist genau das, was ein Arzt in seiner Praxis macht. Man muss jeden Patienten ermutigen, etwas in seinem Leben zu ändern. Das Gleiche wollen wir mit Solar Impulse: Wir bringen Lösungen, und wir hoffen, dass die Gesellschaft verstehen wird, dass sie mit diesen Lösungen etwas verändern und verbessern kann.

Welches wird für Sie nach Solar Impulse das nächste grosse Abenteuer sein?
Ich glaube, Solar Impulse ist ein Projekt, das kein Ende hat. Wenn wir wirklich Erfolg haben, um die Erde zu fliegen, wird dieses Flugzeug ein unglaublich grosses Werkzeug für die Verbreitung unserer Botschaft sein. Wahrscheinlich konstruieren wir nachher ein drittes Flugzeug mit zwei Plätzen und fliegen nonstop um die Welt. Aber das ist noch ein Traum.

Ihr Vater war der erste Mensch, der zur tiefsten Stelle des Meeres tauchte, Ihr Grossvater flog als Erster mit dem Ballon auf 17 Kilometer Höhe. War es ein Druck, in diese Fussstapfen zu treten?
Mein Vater sagte mir nie, was ich machen sollte. Er sagte: Mach, was du willst, aber mach es gut. Es war also höchstens ein Qualitätsdruck.

Aber muss doch für Sie innerlich eine Belastung sein, dass Ihr Vater und Ihr Grossvater so berühmt waren. Oder nehmen Sie das locker hin?
Es ist keine Belastung, es ist eine Ermutigung. Aber es ist auch eine Verantwortung. Wenn ich Misserfolg habe, dann sagen die Leute: Er ist nicht so gut wie sein Vater und sein Grossvater. Wenn ich Erfolg habe, dann sagen die Leute: Es ist normal, es liegt in der Familie.

Spüren Ihre drei Töchter auch diese Abenteuerlust?
Ja, sie haben sehr viel Lust, Dinge zu probieren. Meine zweite Tochter ist vor ein paar Monaten 18 geworden, und sie hat ihr Taschengeld eingesetzt, um mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug zu springen. Ich muss gestehen: Mein Herz klopfte. Aber ich weiss noch nicht, was meine Töchter später machen werden. Sie müssen zuerst einen Beruf haben. Abenteurer, das ist kein Beruf, sondern eine Einstellung.

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