Als Claude Nicollier 1992 erstmals ins Weltall reiste, war dies ein grosser Schritt für die Schweizer Weltraumgeschichte. Der heute 71-jährige Waadtländer war der bisher einzige Schweizer, der unseren Planeten als Kugel gesehen hatte. Doch über die Jahre hinweg ging in der Öffentlichkeit vergessen, dass die Schweiz noch einen Vertreter in den unendlichen Weiten hatte: Walter «Wally» Schirra jr. – Mitglied der legendären «Mercury Seven», der Gruppe von sieben Astronauten des ersten bemannten Nasa-Programms (1961–1963). 1983 wurde ihre Mission gar von Hollywood verfilmt («The Right Stuff»). Als einziger Astronaut war Schirra auch bei den beiden darauffolgenden Programmen Gemini und Apollo mit an Bord. 2007 verstarb er in Kalifornien im Alter von 84 Jahren an den Folgen von Krebs.

Lukas Viglietti, Gründer der Organisation Swiss Apollo hat sich auf Spurensuche gemacht. Er hat die Geschichte von Wally Schirra aufgearbeitet und seine Ergebnisse der «Schweiz am Sonntag» vorgelegt: Alte Zeitungsartikel über die Raketenstarts, Schwarz-Weiss-Bilder, die Schirra und seiner Familie zu Besuch bei Präsident Kennedy zeigen, und Briefe an die Familie. «Ich will, dass die Schweizer wissen, was Schirra für ein Pionier war und wie sehr er unser Land liebte», sagt Viglietti. Schirras Geschichte beziehungsweise jene seiner Ahnen beginnt im Tessiner Dorf Loco, im Onsernone-Tal 1868 reiste Grossvater Giovanni mit seinen drei Brüdern über den Atlantik und liess sich in den USA nieder, wo er eine ausgewanderte Schwyzerin heiratete. Walters Eltern blieben in den Staaten, und so kam der kleine Wally am 12. März 1923 in New Jersey zur Welt.

Nach seinem Luftfahrttechnik-Studium startete Schirra eine Karriere in der US-Marine, unter anderem mit Flugeinsätzen Anfang der 50er-Jahre im Koreakrieg. So empfahl er sich für höhere Aufgaben. 1959 wurde er als Mitglied der ersten Astronautengruppe der Nasa der Öffentlichkeit präsentiert. Am 3. Oktober 1962 verliess er erstmals die Erde.

Der «Blick» titelte damals auf der Frontseite: «Tessiner Dorf Loco funkt an Schirra: ‹Herzlichen Glückwunsch, Walter›». Die Nachricht aus der Heimat seiner Verwandten hallte nach. Wally Schirra stattete der Schweiz zwischen 1967 und 1977 vier Besuche ab.

1969 schrieb die «Feuille d’Avis de Neuchâtel» gar, Schirra habe anlässlich eines Besuchs in Genf Journalisten gesagt, er würde gerne Schweizer Bürger werden. «Das wollte er tatsächlich», sagt Serafino Schirra. Der 88-jährige Cousin von Wally war früher Bürgermeister in Loco und lebt noch heute im Dorf. «Aber irgendwie ist das versandet.»

Umso glücklicher schien Schirra in einem Brief, den er 1975 seinem Cousin Serafino schickte. Darin freut er sich auf die Ehrenbürgerschaft, die er ein halbes Jahr später im Rahmen einer Zeremonie in Loco erhalten sollte. Vom damaligen Regierungsrat und späteren Bundesrat Flavio Cotti gabs Glückwunschzeilen.

Der 80-jährige Marco Blaser erinnert sich an Schirras Besuche. Der ehemalige TV-Direktor der italienischen Schweiz gilt als Tessiner Bruno Stanek und führte mehrere Interviews mit Schirra. «Er genoss seine Zeit in der Schweiz. Als er in Loco war, war das ganze Dorf aus dem Häuschen. Nicht zuletzt die Frauen.» Bis zum Tod Schirras pflegte Blaser Briefkontakt mit dem Nasa-Helden, der ihm zu sagen pflegte: «Im Weltall hatte ich nie solche Angst wie auf der Fahrt mit dir im Auto von Locarno nach Loco.»

«Meine Frau und ich schauen immer wieder mal in den Himmel und denken an Wally zurück», sagt Blaser. «Es war eine aufregende Zeit. Für die Welt und fürs Tessin.» Mitarbeit: Stefan Ehrbar

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