Herr Schmidt, Sie haben gemeinsam mit Josef Sachs ein Buch mit dem Titel «Faszination Gewalt» verfasst. Fasziniert Sie Gewalt?
Volker Schmidt: Gewalt wird in unserer Gesellschaft zu Recht geächtet, und ich ächte Gewalt auch. Trotzdem geht von jedem Schrecklichen auch etwas Faszinierendes aus. Bei Gewalt ist es wohl die Faszination am Bösen, am Verbotenen oder an der Machtausübung. Das zwiespältige Verhältnis, das wir zur Gewalt haben, ist gleichzeitig ihr stärkster Nährboden.

Ist eine Faszination für Gewalt eine Voraussetzung, um selber gewalttätig zu sein?
Schwere Gewalttaten passieren meist nicht aus heiterem Himmel. Häufig gehen Gewaltfantasien der Tat voraus. Ich bin überzeugt: Gewalt beginnt im Kopf.

Was für Gewaltfantasien hegen Jugendliche?
Es gibt Jugendliche, die beispielsweise in der Schule Kränkungen erlitten haben und sich deshalb Rachefantasien ausdenken. Andere wiederum handeln mehr aus der Situation heraus. Sie fühlen sich provoziert und sagen sich: Dem schlag ich eins.

Entwickeln sich solche Fantasien auch bei Ballergames?
Starker Konsum von solchen Spielen kann aggressives Verhalten fördern. Das Fatale ist: Kinder, die zu Aggressionen neigen und bei denen die Spiele die Hemmschwelle für Gewalttaten senken, spielen sie besonders gern. Ein psychisch gesunder Jugendlicher wird aber nicht gleich zum Gewalttäter, weil er am Wochenende «Call of Duty» spielt.

Bei welchen Jugendlichen reicht die Faszination für Gewalt so weit, dass sie notorische Gewalttäter werden?
Wächst ein Kind in geordneten und liebevollen Verhältnissen auf, entwickelt es gewalthemmende Verhaltensformen. Es lernt Fairness, Wiedergutmachung und Mitleid. All diese Faktoren beugen Gewalt vor. Gefährdet sind hingegen Kinder aus zerrütteten Familien, die erzieherisch verwahrlost sind und selber Gewalt erleben. Diese Kinder fallen oft schon im Kindergarten oder in der Primarschule negativ auf, indem sie andere Kinder peinigen oder im Unterricht stören. Sie haben eine niedrige Frustrationstoleranz, fühlen sich schnell provoziert und rasten aus. Ihr schlechtes Selbstwertgefühl verstärkt sich durch Misserfolge in der Schule. Bestätigung suchen sie im Verbund mit anderen schwierigen Jugendlichen und in der Gewalt.

Anders als die meisten Menschen scheinen gewisse jugendliche Gewalttäter auch keine Angst vor Schlägen oder Verletzungen zu haben.
Das stimmt. Eine kleine Gruppe von Jugendlichen hat enorme emotionale Defizite. Sie sind unfähig, Reue zu zeigen, kalt und gefühllos. Sie spüren sich nicht – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie sind schmerzunempfindlich. So merken sie nicht, wenn es draussen zu kalt ist, um nur ein T-Shirt zu tragen. Daher suchen sie starke Stimuli, um überhaupt etwas zu empfinden. Das kann eine illegale Fahrt mit Papas Auto oder eine Schlägerei sein. Denn häufig haben diese Jugendlichen auch keine Freizeitstruktur, und so kommt es, dass sie aus purer Langeweile zuschlagen.

Wie gross ist der Anteil jugendlicher Schläger, die psychisch krank sind?
Zunächst muss man sagen: Über 90 Prozent unserer Jugendlichen sind keine Straftäter und psychisch gesund. Von den Gewaltstraftätern haben jedoch 60 bis 90 Prozent psychische Auffälligkeiten. Das können ADHS, Depressionen oder gar psychopathische Persönlichkeitsmerkmale sein. Damit soll die Straftat der Jugendlichen nicht entschuldigt werden. Aber es legt nahe, dass therapeutische Massnahmen wichtig sind, um das Rückfallrisiko zu senken. Strafen allein reicht oft nicht aus.

Nach einer besonders brutalen Schlägerei kommt meist auch der Ruf nach härteren Strafen auf. Was bringen härtere Strafen?
Ich kann diese Forderung verstehen, und gerade bei schweren Gewalttaten habe ich zunächst denselben Impuls. Aus fachlicher Sicht ist dieser Impuls aber zu kurzfristig. Denn irgendwann ist der Jugendliche wieder draussen. Folglich ist es wichtig, dass er dann weniger gefährlich ist als vorher. Sie können eine Bombe nicht entschärfen, indem sie sie im Schrank einschliessen, sondern sie müssen sie aktiv entschärfen. Auf die Jugendlichen übertragen bedeutet das, dass man sie dazu bringt, sich mit ihren Taten auseinanderzusetzen.

Also Reue zu empfinden?
Ja, beispielsweise. Durch Haftstrafen allein schafft man das nicht. Im Knast finden es jugendliche Schläger oft «chillig». Dort gibt es einen Fernseher, sie werden in Ruhe gelassen, und wenn sie rauskommen, sind sie die Helden. Sozialpädagogische und therapeutische Massnahmen fördern die Persönlichkeitsentwicklung viel mehr und werden von den Jugendlichen oft als viel schwieriger und unangenehmer empfunden.

Der Fall Carlos zeigt: Diese Erziehungsmethoden funktionieren nicht immer. Wann kommt das Jugendgesetz an den Anschlag?
Es gibt eine kleine Gruppe von Intensivtätern, die zwischen Stuhl und Bank fallen und sich allen Strafen und Massnahmen widersetzen. Fälle wie Carlos spiegeln aber nicht den Alltag im Massnahmenvollzug wider. Meine Erfahrung ist, wenn Justiz, Sozialarbeit und Therapie eng zusammenarbeiten, dann sind Erfolge erzielbar – auch bei Straftätern mit schweren Delikten.

Wie viele Jugendliche fallen zwischen Stuhl und Bank?
Sehr wenige. Aber manchmal braucht es auch ungewöhnliche Wege und ein individuelles Massnahmen-Setting.

Für viele ist dies Kuscheljustiz.
Arbeit mit straffälligen Jugendlichen ist vor allem Beziehungsarbeit. Gute Beziehung ist aber nicht gleichbedeutend mit Nachgiebigkeit und Anbiederung. Von Kuscheljustiz habe ich in meiner jahrelangen Zusammenarbeit mit den Justiz-Behörden nichts mitbekommen.

Wenn Sie unser Jugendgesetz mit dem von Deutschland vergleichen, was müsste sich bei uns im Falle von Intensivtätern ändern?
In Deutschland können 18- bis 21-Jährige milder, das heisst gemäss Jugendstrafrecht bestraft werden, wenn sie noch sehr unreif sind. Das erlaubt der Strafverfolgungsbehörde mehr Flexibilität. In Deutschland können Jugendliche aber erst ab 14 Jahren belangt werden. Bei uns ist dies schon ab 10 Jahren möglich. Was sehr sinnvoll ist, denn die Täter werden immer jünger. Allerdings würde ich es gut finden, wenn Massnahmen für Jugendliche nicht automatisch mit dem 22. Lebensjahr enden würden, sondern individuell beispielsweise bis 26 verlängert werden könnten.

Die Täter sind nicht nur immer jünger, sondern erstmals seit 2010 nehmen die Fälle von Jugendkriminalität wieder zu. Wie sind diese Entwicklungen zu erklären?
Die Entwicklung der Jugendgewalt verläuft zyklisch. Sobald eine Gesellschaft stark im Wandel ist, frühere Werte nicht mehr gelten und dadurch eine Verunsicherung da ist, nimmt die Gewalt zu.

Befinden wir uns in einem solchen Wandel?
Vermutlich. Die soziale Kontrolle nimmt ab, und neu ist, dass die Alltagsgewalt bei einer bestimmten Gruppe Jugendlicher zunimmt.

Was verstehen Sie unter Alltagsgewalt?
Schlägereien vor Diskotheken, in den öffentlichen Verkehrsmitteln und in gewissen Wohnvierteln. Um sie geht es in den Diskussionen viel zu wenig. Stattdessen fokussieren sich die Politik und die Gesellschaft auf spektakuläre Einzelfälle. Die sind aber nicht das Hauptproblem. Erst diese Woche habe ich von einem Fall erfahren, wo ein Jugendlicher auf dem Heimweg so brutal zusammengeschlagen wurde, dass er jetzt mit Hirnblutungen im Koma liegt. Der Fokus sollte künftig darauf liegen, solchen sinnlosen Taten vorzubeugen.

Nimmt diese brutale Gewalt zu?
Erhebungen der Notaufnahmen zeigen, dass schwere Gesichts- und Oberkörperverletzungen häufiger vorkommen. Solch brutale Taten kommen vor allem zwischen 22 und 5 Uhr vor, wenn soziale Kontrollen fehlen, häufig Suchtmittel im Spiel sind und Jugendliche keine alternative Freizeitstruktur haben. Mangels Alternativen werden Schlägereien dann zum Freizeitsport.

Vor welchen Herausforderungen steht die Schweiz in Sachen Jugendgewalt noch?
Mir macht die Zersplitterung der Gesellschaft Sorge. Es gibt immer mehr gut behütete Einfamilienhaus-Quartiere, und auf der anderen Seite entstehen immer mehr Quartiere, wo sich Multiproblemfamilien ansammeln. Es findet eine Gettoisierung statt – und das führt zu sozialen Spannungen mit zunehmender Gewaltbereitschaft. Dieser Entwicklung müssen wir alle zusammen entgegenwirken.

Was schlagen Sie vor?
Zum Beispiel der Zersplitterung mit städtebaulichen Massnahmen entgegenwirken und Schulklassen besser durchmischen. Ganz allgemein sollten Kinder bereits in frühen Jahren einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung nachgehen. Also in einem Sportverein aktiv sein oder ein Instrument spielen. Es wird unterschätzt, wie positiv sich Musizieren auf die Hirnentwicklung auswirkt. Ebenfalls ist wichtig, dass die Eltern den Mut zur Erziehung nicht verlieren. Eltern sind das Rückgrat unserer Gesellschaft. Wenn sie überfordert sind, muss man ihnen möglichst rasch Hilfe zukommen lassen. Aber auch Schulen und Gemeinden, Sportvereine oder die offene Jugendarbeit müssen gemeinsam gegen Gewalt einstehen.

Gute Erziehung verhindert Jugendgewalt?
Gute Erziehung ist keine Garantie, aber sie ist ein wichtiger Faktor. Wer Respekt vor den Mitmenschen vermittelt bekommt, wird viel seltener gewalttätig. Andersherum kann ein drohender und aggressiver Erziehungsstil sich negativ auswirken. Auch ein Laisser-faire-Stil ist nicht zu empfehlen. Er kann zur Vernachlässigung führen und Vandalismus, Eigentumsdelikte oder Drogenkonsum begünstigen. Das Schlimmste ist, wenn Eltern ihr Kind verprügeln und dann zwei Wochen ignorieren.

Was sollte sich an Jugendstrafmassnahmen Ihrer Meinung nach künftig ändern?
Die Wartefristen für Heime und geschlossene Einrichtungen sind zu lang. Es dauert oft Wochen oder gar Monate, um einen Jugendlichen mit hohem Rückfallrisiko geschlossen unterbringen zu können. Während dieser Zeit sitzen sie oft mit Erwachsenen in Untersuchungshaft und kommen mit noch viel schlimmeren Tätern in Kontakt. Es braucht also mehr geschlossene Plätze und solche für Jugendliche mit schweren psychischen Störungen. Ebenfalls fehlen Fachleute in der Psychiatrie, die sich mit der Begutachtung und der Therapie von jugendlichen Straftätern auskennen.

Was schreckt die Jugendlichen am meisten vor Taten ab?
Taten, wo sie damit rechnen müssen, dass sie erwischt werden, von denen lassen sie am häufigsten die Finger.

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