Waldmeier ist die grosse Überraschung

Auf SF 1 sind im August drei Moderatorinnen und ein Moderator neu auf Sendung gegangen – eine erste Bilanz.

Moderatorinnen und Talker sind die Aushängeschilder eines Fernsehsenders. Und gehören quasi qua Funktion zur helvetischen Prominenz. Entsprechend sorgfältig werden sie ausgewählt, entsprechend gross ist das Interesse, das Medien und Publikum ihnen entgegenbringen.

Im August haben gleich drei Frauen und ein Mann neue Visitenkarten-Jobs beim Schweizer Fernsehen angetreten. Mittlerweile ist so viel Zeit vergangen, dass eine erste Bilanz angebracht erscheint. Bei dieser Wertung handelt es sich um eine radikal subjektive Beurteilung. Wobei bei der Entscheidungsfindung einige objektivierende Kriterien beachtet wurden: Präsenz etwa, Ausstrahlung sowie journalistische Beschlagenheit und Themenvertrautheit. Gemäss den Geboten der neuen Pädagogik wurde auf eine Notengebung verzichtet.

Corinne Waldmeier (37), moderiert seit 22. August «PULS»
Ich hätte keinen Rappen auf Corinne Waldmeier gewettet. Sie war mir als ziemlich aufgeregte Jungmoderatorin in Erinnerung, die einst im «Wohnduell» auf TV3 wild herumhühnerte. Surprise, Surprise! Waldmeier hat bei «Puls» sensationell begonnen. Und das Niveau mühelos gehalten.

Sie ist eine wohltuend frische Vermittlerin von Inhalten, die den Zuschauer grundsätzlich eher nachdenklich als fröhlich stimmen. Ihr gelingt es, themengerechte Seriosität mit jenem Schuss Optimismus zu verbinden, der einen auch vor dem Bildschirm hält, wenn das Schirmbild negative Resultate vermittelt.

Als Interviewerin wirkt Waldmeier gut vorbereitet. Sie redet über Gebresten und Therapien, als hätte sie nie etwas anderes gemacht, und ist mithin den Experten eine ebenbürtige Gesprächspartnerin. Ein Lottosechser!

Cornelia Boesch (36), moderiert seit 21. August die «Tagesschau»
Katja Staubers Pech wurde zu Cornelia Boeschs Glück: Weil die erfahrene «Tagesschau»-Sprecherin erkrankte, musste Boesch früher als geplant und Hals über Kopf von der 18-Uhr- in die Hauptausgabe der wichtigsten Informationssendung der Schweiz wechseln. Der unerwartete Frühstart verhinderte, dass sich bei der schönen Zürcherin Nervosität breitmachen konnte.

Der Auftakt gelang vorzüglich. Und seither ist von keinem Einbruch zu berichten. Die einstige Radio-Frau ist für die «Tagesschau» nicht nur optisch ein Gewinn, sie besticht auch durch Gelassenheit, Sachlichkeit und Souveränität. Darüber verfügt nur, wer mit solidem journalistischem Rüstzeug ausgestattet ist. Obwohl noch jung an Jahren, ist Cornelia Boesch bereits eine Anchorwoman, die dem Zuschauer den Zustand der Welt glaubwürdig zu vermitteln versteht. Eine Ausnahmeerscheinung.

Christine Maier (46), moderiert seit 2. August «10 vor 10»
Was Christine Maier am 2. August ablieferte, war ein veritabler Fehlstart. Die erfahrene Fernsehfrau, die schon 2005 und 2007 bei «10 vor 10» ausgeholfen hatte, und zwar mit Bravour, wirkte erstaunlicherweise heillos zittrig und beim Ablesen des Dollar-Kurses verhedderte sie sich prompt.

Wie zu erwarten war, legte sich das Zittern schnell. Mittlerweile moderiert Maier das Info-Magazin mit beruhigender Professionalität und hoher sprachlicher Kompetenz. Noch ist sie nicht vollzeitlich bei «10 vor 10», empfängt als «Club»-Leiterin weiterhin Talk-Gäste. Synergie-Gewinne gibt es allerdings nicht zu verzeichnen. Maiers eigentliche Stärke ist das Interview. Durch den «Club» gestählt, wüsste sie genau, mit welchen Fragen sie echte News aus wem herauskitzeln könnte. Diese Begabung kam in «10 vor 10» bislang noch kaum zum Tragen.

Roger Schawinski (66), moderiert seit 22. August «Schawinski»
«Hau mich nicht schon nach der ersten Sendung in die Pfanne»: So dünnhäutig wie kurz vor dem Start der nach ihm benannten Talk-Sendung habe ich Roger Schawinski kaum je erlebt. Er, der weder Freund noch Feind vor harscher Kritik verschont, bat gleichsam um Gnade und Schonfrist.

Die Frist ist abgelaufen. Und es stellt sich die Frage: Verdient der Meister Gnade? Er verdient Lob vor allem dafür, dass er den Mut hat, vor laufender Kamera zu altern. Gewinnen kann er mit «Schawinski» nämlich nichts.

Denn er ist der Schawinski, der er immer war: stets fix und ungeduldig. Häufig hämisch und süffisant. Manchmal einseitig vorbereitet und besserwisserisch. Das muss man mögen, um es gut zu finden. Sicher ist: Mit «Schawinski» hat kein neues Fernsehzeitalter begonnen, Schawinski hat Schawinski nicht neu erfunden.

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