Martina Hingis, wo feiern Sie dieses Jahr Weihnachten und Neujahr?
Martina Hingis: Weihnachten verbringe ich mit meiner Familie hier in der Schweiz, im kleinen Kreis. An Neujahr sitze ich wohl im Flugzeug nach Australien. Das Turnier in Brisbane beginnt ja schon am 4. Januar. Dort spiele ich mit meiner indischen Doppelpartnerin Sania Mirza.

Sie befinden sich in Ihrer dritten Tenniskarriere. Woher kam 2013 der Motivationsschub, als Sie sich entschlossen, wieder Profiturniere zu spielen?
Ich habe gemerkt, dass ich es noch immer kann. Ich trainierte an der Akademie von Patrick Mouratoglou in Paris Talente, unter anderem mit der Russin Anastassija Pawljutschenkowa und der Deutschen Sabine Lisicki. Das sind Topspielerinnen. Lisicki war Finalistin vor zwei Jahren in Wimbledon. Ich konnte mithalten, beging wenig Fehler. Das habe ich seit der Kindheit drin, das geht nicht so schnell verloren. Und ich habe noch immer einen grossen Kampfgeist.

Sie sind auch eine passionierte Reiterin. Treibt Sie der Kampfgeist auch abseits des Tennisplatzes an?
Gewinnen will man immer. Aber ich bin realistisch. Beim Reiten habe ich stets verneint, dass ich mal bei einem CSI starte. Ich weiss, wo mein Können liegt, und für das Spitzenlevel hätte ich von klein auf reiten müssen. Nehmen Sie Topreiter wie Steve Guerdat oder Rodrigo Pessoa. Dort liegt das Reiten in der Familie. Und mir liegt Tennis im Blut.

Aber Reiten ist zu 100 Prozent Ihre Leidenschaft, und Tennis ist auch Arbeit?
Im Tennis kann ich Passion und Beruf vereinen. Aber natürlich gibt es auch mal Tage, wo ich lieber nicht auf dem Court stehen würde, das ist normal. Zurzeit geniesse ich die Zeit im Engadin, wo ich ausreiten kann, das ist ein Paradies hier. Ich bin auch gerne am Strand, aber da fehlen mir irgendwann die Berge.

Gehen Sie auch auf die Piste?
Ja. Morgens gehe ich jeweils mit meinem guten Freund und Coiffeur Hugo Rütimann, bei dem ich in Samedan meine Pferde eingestellt habe, sehr früh zum Skifahren, die Pisten sind fantastisch präpariert. Und nach zwei Stunden, wenn die anderen Leute hochkommen, steigen wir auf die Pferde um. Die letzten sechs Monate waren sehr intensiv, darum geniesse ich jetzt einige Tage ohne Tennis und schalte einfach ab.

Wann bereiten Sie sich auf nächste Saison vor?
Ich habe ja bis jetzt immer gespielt, zuletzt zwei Wochen in Indien bei der Champions Tennis League für Hyderabad, dort sogar auch im Einzel. Ich bin schon fast übertrainiert. Ich kann problemlos eine Pause einlegen.

Müssen Sie mit 35 Jahren mehr in die Fitness investieren als früher?
Sagen wir es so, ich trainiere heute vielleicht bewusster. Früher definierte meine Mutter die Trainingseinheiten sehr minuziös. Aber ich habe ja nie aufgehört, Tennis spielen, machte bei Schaukämpfen mit. Und ich habe Spielerinnen gecoacht, auch Belinda Bencic.

Welchen Einfluss hat Ihre Mutter Melanie Molitor heute auf Ihr Spiel?
Wir tauschen uns ständig aus. Sie verfolgt alle meine Spiele und sagt mir, wenn ihr etwas auffällt auf Youtube oder im Live-Stream. Das Schweizer Fernsehen überträgt ja meine Spiele nicht immer.

Haben Sie sich beim Fernsehen beschwert?
Ja, letzten Sonntag vor ganzem Publikum im «Sportpanorama» (lacht). Beim US Open hat das SRF erst meine beiden Finalspiele übertragen, das Doppel und das Mixed mit meinen indischen Partnern Leander Paes und Sania Mirza. Lieber spät als nie. Das indische Fernsehen überträgt hingegen alle unsere Partien, von der ersten Runde an.

Sie haben zwei indische Partner, im Doppel und im Mixed. Reiner Zufall?
Das ist so. Mit Leander Paes spielte ich schon vor Jahren Teamtennis, das ist die US-Meisterschaft. Er hat mich immer gefragt, ob wir nicht das US Open gemeinsam spielen wollten. Er hatte damals aber Cara Black als Partnerin und mit ihr schon einige Grand-Slam-Titel gewonnen. Da wollte ich nicht blöd aussehen. Ich will eine Partnerin sein, um zu gewinnen, nicht nur um mitzumachen. Das ist nicht mein Ding.

Wie bekannt sind Sie in Indien?
Die indischen Medien spielen fast verrückt, wenn wir auftauchen. Sania und Leander werden wie Staatspräsidenten behandelt. Die Inder schätzen es schon sehr, dass ich Sania dazu verholfen habe, Grand-Slam-Titel zu gewinnen und die Nummer eins im Doppel zu werden.

Gab es schon Angebote für einen Bollywood-Film?
Nein, das ist auch nicht mein Ziel. Aber für die Finals beim US Open kamen etwa 25 TV-Teams angeflogen. Und in Indien habe ich Tausende Selfies mit Fans gemacht. Ich werde überall erkannt.

Ist ein Einzel-Comeback kein Thema?
Definitiv. Kürzlich spielte ich zwar einige Einzel in Indien in dieser Champions League. Aber das war etwas anderes. Da spielt man nur einen Satz, ich schlug die Nummer 55 der Welt, Heather Watson, mit 5:4.

Na also …
… aber nach diesem einen Satz brauchte ich fast zwei Tage Erholung. Fürs Einzel müsste ich viel härter trainieren. Da geht es nicht nur um einzelne Matches, sondern auch um die Kontinuität.

2015 haben Sie im Mixed drei und im Doppel zwei Grand-Slam-Titel gewonnen, dazu die WM im Doppel. Wird der Stellenwert dieser Disziplin verkannt?
Auf jeden Fall. Früher waren halt auch die guten Einzelspielerinnen dabei. Die Williams-Schwestern. Anna Kurnikowa und ich waren die Spice Girls auf der Tour. Seither hat die Aufmerksamkeit nachgelassen. Die Topspielerinnen fehlen. Und wenn sie es dann mal probieren, dann verlieren sie gleich.

Sie werden an den Olympischen Spielen 2016 in Rio mit Roger Federer das Mixed-Turnier bestreiten. Sind Sie dann der Chef auf dem Platz?
Das sehen wir dann. Als wir letztes Mal vor 15 Jahren beim Hopman-Cup in Australien zusammen spielten, haben wir auf jeden Fall gut harmoniert. Ich hatte mehr Erfahrung, und er hat sich schön mitziehen lassen. Damals holten wir den WM-Titel. Jetzt wäre eine Olympia-Medaille noch schöner. Wir sind beide Profis und wollen das Beste rausholen. Darum hat er sich auch Zeit gelassen mit seiner Entscheidung. Aber ich denke, wenn er sich mal entschieden hat, dann steht er dahinter. Das erwarte ich.

Wie hat er Ihnen seinen Entscheid mitgeteilt?
Er hat mich angerufen. Ich hatte ihn im Februar in Dubai gefragt, als wir uns dort getroffen haben, ob das Mixed für ihn immer noch ein Thema sei. Er hatte mich vor vier Jahren für London angefragt. Da war ich aber noch nicht bereit. Diesmal bin ich sicher eine standesgemässe Partnerin.

Was ist der grösste Unterschied zwischen dem Mixed und dem Frauen-Doppel?
Im Mixed ist das Können der Frau noch mehr gefordert. Du musst deine Seite verteidigen, auch wenn der Mann beim Aufschlag und Return Druck macht. Es geht nicht nur darum, die eigenen Stärken auszuspielen, sondern auch die eigenen Schwächen zu verstecken. Bei mir ist es das Spiel am Netz. Da kann ich mich voll auf Leander verlassen. Und der Mann darf kein zu grosser Gentleman sein. Diejenigen, die nett sein wollen, bekommen von den Frauen eins auf den Deckel und merken es erst, wenn sie verloren haben.

Schlagen die Männer bei Ihnen voll auf?
Sicher. Im US-Open-Final war es sehr schwierig für mich, gegen Sam Querry zu retournieren. Er ist einer der besten Aufschläger. Aber am Ende entscheiden auch die Nerven. Als es um alles ging, servierte er einen Doppelfehler.

Nehmen Sie Ihre Siege heute anders wahr als damals als Teenagerin?
Schon. Die ersten Jahre sind unglaublich schnell vorbeigezogen. Kaum hatte ich gewonnen, musste ich schon fürs nächste Training wieder auf den Platz. Jetzt habe ich mehr Zeit, die Erfolge zu geniessen, auch um zurückzublicken, was ich denn überhaupt geleistet habe. Es ist ja heute fast unvorstellbar, dass jemand mit 16 Jahren ein Grand-Slam-Turnier gewinnt. Die Einzige, die es fast schaffte, war Maria Scharapowa, als sie mit 17 Wimbledon gewann.

Weil das Spiel physischer wurde?
Nicht nur das. Es gibt die Altersbeschränkung, dass man erst mit 18 das volle Programm spielen darf. Dann ist es eine Frage des Kopfes, denn das Können haben einige. Aber der Glaube daran, es zu schaffen – dafür braucht es einiges. Man muss dranbleiben, so wie Belinda Bencic, die kürzlich Serena Williams geschlagen hat. So einen Match nach Hause zu bringen, ist sehr schwierig.

Mit welcher Partnerin möchten Sie in Rio antreten? Belinda Bencic oder Timea Bacsinszky?
Beide sind sehr stark. Timea fragte mich letzten Sonntag bei den «Sports Awards». Und Belinda kenne ich ja sehr gut. Im Februar spielen wir im Fed-Cup gegen Deutschland, und dann könnte ein Entscheid fallen.

Ist der Fed-Cup-Titel auch ein Ziel?
Klar. Gegen Deutschland haben wir sehr gute Chancen. Und wenn Belinda, Timea und ich gesund bleiben, ist vieles möglich.

Nach Rio stellt sich für Sie die Frage, wie lange Sie weiterspielen möchten.
So weit plane ich nicht voraus. Ich konzentriere mich zunächst auf die neue Saison.

Aber könnten Sie sich vorstellen, mit 40 noch zu spielen, so wie einst Ihr Vorbild Martina Navrátilová?
Mit 40 spiele ich wohl nicht mehr. Da gehen manche schon an Krücken (lacht). Aber Phänomene gibt es immer wieder.

2015 haben Sie rund 2 Millionen Dollar an Preisgeld erspielt. Was bedeutet Ihnen Luxus?
Genügend Geld zu haben, bietet mir Freiheit und die Möglichkeit, etwas Schönes zu kaufen, wenn mich etwas in einem Geschäft anlächelt. Aber es geht nicht nur ums Materielle. Ich habe mir mein schönes Leben hart erarbeitet.

Haben Sie noch mit Patty Schnyder Kontakt, die früher mit Ihnen in den Top Ten vertreten war?
Nein. Aber ich lese immer wieder mal, was sie so macht. Zuletzt spielte sie ja auch wieder.

Was ist mit anderen Top-Spielerinnen aus den 90er-Jahren?
Anna Kurnikowa und ich schreiben uns regelmässig. Ich sehe sie ab und zu, wenn ich in Florida bin. Manchmal gibt sie mir Tickets für Konzerte von ihrem Freund Enrique Iglesias. Mit Monica Seles und Lindsay Davenport spreche ich auch noch.

Und Steffi Graf?
Das ist eine etwas andere Generation. Und sie hat ja mit zwei Kindern bestimmt viel um die Ohren.

Verspüren Sie einen Kinderwunsch?
Es kommt, wie es kommt. Aber ich möchte nicht über mein Privatleben sprechen.

Wie ist Ihr Kontakt zu den Williams-Schwestern?
Mit Venus verstehe ich mich sehr gut. Sie hat wie ich eine eigene Kleiderkollektion, und da tauschen wir uns immer wieder mal aus.

Als Sie die Nummer 1 waren, war die Konstanz in den Top Ten höher. Heute hat man das Gefühl, die Topspielerinnen würden ständig wechseln. Täuscht dieser Eindruck?
Nein, das ist tatsächlich so.

Woher kommt das?
Ich denke, dass es oft an der Einstellung in der Ausbildung fehlt. Vielen jungen Spielerinnen fehlt es an Disziplin. Wir standen früher regelmässig sechs Stunden auf dem Platz. Heute sagen sie nach vier Stunden, es reicht. Man macht ein bisschen Rückhand, Vorhand und Aufschlag. Zwei Minuten für Volley-Übungen sind schon zu viel. Dabei sind diese Trainings das Einmaleins, um Erfolg zu haben. Das muss man intus haben.

Im Männer-Zirkus herrscht eher eine Konstanz.
Aber auch nur bei den Top 4, und das seit Jahren. Die einst jungen Talente kamen nie ganz nach vorne. Bei Dimitrov hiess es schon vor fünf Jahren, er sei der nächste Federer. Roger ist immer noch vorne. Berdych und Tsonga haben noch keinen Grand Slam gewonnen. Gael Monfils könnte unglaubliches Tennis spielen, wenn er sich selber in den Hintern treten würde. Novak Djokovic macht hingegen alles für den Erfolg, ist total fanatisch, macht stundenlang Stretching und kann sein Bein wie eine Ballerina heben.

Sie kamen mit 13 Jahren auf die Tour. Dann kam der erste Rücktritt mit 23, wegen gesundheitlicher Beschwerden und weil Sie Abstand brauchten.
Ich hatte vor allem Angst, mich ernsthaft zu verletzen, weil ich ständig übermüdet war.

Welcher Rücktritt war schwieriger? Der erste, oder der zweite 2007 nach Wimbledon, der wegen der Dopingsperre erzwungen war?
Sicher der zweite. Beim ersten war ich noch jung, und ich wusste, dass ich wieder zurückkommen könnte. Im zweiten Jahr meines Comebacks hatte ich wieder mehr körperliche Beschwerden, und dann lief es halt dumm in Wimbledon.

Machen Sie sich noch oft Gedanken darüber?
Über dieses Thema möchte ich nicht mehr sprechen.

Kommen nun wieder mehr Werbeangebote nach den vielen Erfolgen?
Es tut sich einiges, aber ich war auch früher nicht übertrieben aktiv als Werbebotschafterin.

Was würden Sie anders machen, wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken?
Ich wüsste nicht was. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere.

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