Kyoto – Berlin – Männedorf: Unterschiedlicher könnten die Welten nicht sein, in denen Adolf Muschg sich bewegt. Wohlfühlt er sich an allen drei Orten, auch wenn er manchmal einen Kulturschock erlebt. Etwa wenn er vom geordneten Kyoto, wo die Familie seiner Frau Atsuko lebt, in seine Zweitwohnung ins chaotische Berlin kommt. «Dort kann man froh sein, wenn einen die Verkäuferin überhaupt bedient», meint er und amüsiert sich über die Berliner Schnauze. Die Schweiz und Japan hätten hingegen einige historisch bedingte Ähnlichkeiten, wie etwa die insulare Mentalität.

Über Japan, das er in zahlreichen Werken literarisch verarbeitet hat, könnte Muschg stundenlang philosophieren. Diese Passion drückt sich auch in seiner Einrichtung in Männedorf aus, wo er seit über 20 Jahren lebt. Nachdem es für die Familie im umgebauten Kleinbauernhaus aus dem Jahr 1763 zu eng geworden war, hat er 1993 gleich nebenan ein Atelierhaus bauen lassen: Ein grosser, heller Raum mit einem Flügel in der Mitte und japanischen Rollbildern an den Wänden ist das Reich seiner Frau.

Im anderen Zimmer hat sich der Schriftsteller seine Schreibwerkstatt eingerichtet. Von seinem Pult, auf dem sich die Papierstapel türmen und eine Pfeifenkollektion auf den Gebrauch wartet, blickt er auf eine japanische Gartenlandschaft mit Teich.

Bei unserem Besuch liegen die Steine und klein geschnittenen Bäume unter einer Schneedecke begraben. Bei diesen Temperaturen hat sich der 19-jährige Kater Kuma (japanisch: Bär) in eine warme Ecke im alten Bauernhaus verzogen – «auch wenn er sonst Gesellschaft mag», wie Muschg meint.

In seinem Atelier mit den dunklen Steinfliesen fallen die begehbaren, eiförmigen Buchregale des Designers Beat Frank auf, die mitten im Raum stehen. Ursprünglich waren sie dafür gedacht, den Platz an den Wänden frei zu halten. Das sei ihm allerdings nicht gelungen, meint der Autor mit Blick auf die Bücher. Und das ist nur ein Bruchteil, die älteren Bücher befinden sich im Haus nebenan. Er könne einfach nichts wegwerfen. «Wie Ablagerungen, die sich im Verlauf des Lebens angesammelt haben.»

Passend dazu reiht sich auf einer Leiste Stein an Stein; Fundstücke, die Muschg seit seiner Studentenzeit von jeder Reise heimgebracht hat. «Sie stehen mit ihrer langen Geschichte für den Gesamteindruck eines Ortes.» Ein Stein aus der ehemaligen jüdischen Festung Masada, ein Basalt aus Nordjapan oder gar ein kleiner Brocken von der Akropolis, den er vor Jahrzehnten mitgebracht hat, als die antike Stätte noch frei begehbar war. «Das würde ich heute nicht mehr machen», sagt er schmunzelnd.

Eine persönliche Geschichte verbindet ihn meist auch mit der restlichen Einrichtung: Die Bildrolle, die Szenen aus dem mittelalterlichen Genji-Buch zeigt, hat ihm einst Max Frisch geschenkt. «Er hat es von einer Japan-Reise heimgebracht. Als er bereits schwer krank war, meinte er bei einem Abendessen, das Bild wäre etwas für mich. Am nächsten Tag stand ein Paket vor der Tür.» Der grimmig dreinblickende Samurai-Krieger in der Ecke hingegen stammt aus dem Familienbesitz seiner Frau, deren Grossvater Kalligraf im Kaiserhaus war. Und das zerknautschte graue Sofa ist das einzig übriggebliebene Erbstück aus Muschgs Elternhaus in Zollikon.

Auch durch die Nähe zu Zollikon hegt er zu Männedorf heimatliche Gefühle: «Es ist die Rückkehr zur Quelle meiner Herkunft.» Nachdenklich saugt er an seiner Pfeife und sagt: «Heimat ist eine Konstellation, bei der man das Recht für sich beansprucht, mitzureden, mitzufühlen und mitzuschimpfen.» Dies macht der als Querdenker bekannte Autor oft. «Ich lege es nicht darauf an – und der Imagebildung dient es schon gar nicht. Manchmal begehe ich auch eine ordentliche Dummheit», räumt er ein und spricht dabei seine kürzliche Reaktion auf die Kritik seines Werks «Löwenstern» an.

Der grosse Intellektuelle handelt zeitweise durchaus aus dem Bauch heraus, daran ändert auch das Alter nichts. «Im Alter hat man keine geringere Aufgabe, als ein freier Mensch zu werden. Die Zeit wird kürzer, aber ich arbeite an der Breite, an der Aufmerksamkeit im Augenblick.» Etwa in seinem Atelier, denn das Schreiben sei für ihn das Abenteuer, das bleibt, wenn man aus Altersgründen auf anderes verzichten muss.

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