Herr Weber, wo verbringen Sie Ihre Sommerferien?
Franz Weber: Sommerferien? Habe ich keine.

Sie gönnen sich nicht einmal in Ihrem erfolgreichsten Jahr als Umweltschützer eine Auszeit?
Ich gehe ab und zu weg, nach Südfrankreich oder nach Paris, aber ich arbeite immer. Ich muss arbeiten! Immer, immer, immer.

Sie müssen nicht. Sie wollen!
Nein, es geht nicht anders. Ich bekomme täglich Briefe von Bürgern und von Organisationen, die mich um Hilfe rufen, weil wieder irgendwo die Landschaft verschandelt oder ein Dorf kaputtgemacht wird. Dann muss ich da sein oder jemanden hinschicken! Dann machen wir Opposition! Wir reichen Rekurse und Einsprachen ein, jeden Tag verhindern wir neuen Unsinn.

Die Zweitwohnungsinitiative scheint Ihnen neuen Schub gegeben zu haben.
Sicher. Und diesen Schub möchte ich nutzen. Ich habe lange genug als Journalist gearbeitet, um zu wissen, wie man die Presse und die Öffentlichkeit in Atem hält.

Wie denn?
Um für ein Anliegen Aufmerksamkeit zu erlangen, muss man den Zeitungen das geben, was ihnen gefällt. Die berichten doch nur, wenn ihre Leser nicht einschlafen. Ich bin immer voll draufgegangen, auch heute noch.

Ist es gesund, im Alter von 84 Jahren noch so viel zu arbeiten?
Sie machen mich fast zu jung. Am 27. Juli werde ich 85.

Wie feiern Sie den Geburtstag?
Mit einem Fest im Grandhotel Giessbach am Brienzersee. In jenem Hotel, das man abreissen wollte und das wir 1983 mit der Stiftung «Giessbach dem Schweizervolk» gerettet haben. Wir werden nächste Woche ein schönes Mittagessen machen, es gibt Musik, eine glatte Sache.

Woher nehmen Sie die Energie für Ihr Engagement?
Ich mache ja nicht alles allein. Meine Tochter und meine Frau unterstützen mich wahnsinnig. Das ist ganz wichtig. Die Kraft hole ich aus der Überzeugung, das Richtige zu tun. Ich muss voll durchdrungen sein von einer Idee – das macht Kräfte frei. Und ja, ich habe auch eine Poesie in mir drin: Ich glaube an die Schönheit, am liebsten wäre ich ja Literat geworden. Darum ging ich 1949 nach Paris. Ich wollte ein kleiner Gottfried Keller sein.

Stattdessen gründeten Sie eine Stiftung und holen nun Millionen von Spendenfranken herein.
Es ging mir nie um den persönlichen Gewinn. Am Anfang zahlte ich alles selber, bis zum letzten Rappen. Ich hatte sogar Schulden. Dann gründete ich die Stiftung, und seither holen wir Geld rein für unsere Sache: Wir wollen unsere Schweiz schützen, unsere Landschaft schützen. Und wir engagieren uns auch im Ausland, zum Beispiel für Robbenbabys in Kanada.

Sind Sie dabei reich geworden?
Nein, nein. Alles Geld wird in Kampagnen gesteckt. Und die Spenden kommen nicht von selber, wir rufen immer: Helft uns, helft uns, helft uns! Wir erhalten von Zehntausenden von Leuten mal 20, mal 100, auch mal 1000 Franken. Dafür bin ich sehr dankbar.

Was wollen Sie noch erreichen?
Als Nächstes wollen wir die Abstimmung im Waadtland zum Schutz des Weingebiets Lavaux gegen die Bauspekulation gewinnen. Da ist eine verrückte Kampagne gegen uns im Gang.

Haben Sie gesamtschweizerisch neue Initiativen im Köcher?
Wenn die Zweitwohnungsinitiative nicht buchstabengetreu umgesetzt wird, starten wir eine zweite Initiative. Dann gehen wir wieder voll drauf. Eine knappe Mehrheit der Schweizer und eine Mehrheit der Kantone haben unserer Initiative zugestimmt – trotz millionenschwerer Propaganda der Gegner. Ohne diese unheimlichen Geldmittel hätten sogar 70 Prozent zugestimmt. Und der Volkswille muss nun dringend umgesetzt werden.

Sind Sie denn gar nicht kompromissbereit?
Ich bin kein Fanatiker, aber gegen Verwässerungen. Eines haben wir schon erreicht: Die ganze Schweiz diskutiert über den Irrsinn der kalten Betten. Die Arbeitsgruppe, die Bundesrätin Doris Leuthard eingesetzt hat, ist jetzt am Werk und hat einen ersten Entwurf für eine Verordnung gemacht. Ich bin ja auch dabei in dieser Gruppe, besuche aber nicht jede Sitzung. Der Entwurf ist nur zum Teil in meinem Sinn. Wichtig ist jetzt vor allem, dass der Baustopp so schnell wie möglich greift.

Noch ist offen, ob die Verordnung zur Initiative am 1. September 2012 oder am 1. Januar 2013 in Kraft tritt.
Je früher, umso besser. Zurzeit machen die Kantone, was sie wollen, obwohl Frau Bundesrätin Leuthard gesagt hat, der Baustopp gelte ab sofort. Ich werde einen «Marsch auf Bern» veranstalten, sollte die Initiative verschleppt werden. Dann soll man halt sagen, ich sei ein Querulant. Egal.

Sie kokettieren. Ein Querulant zu sein, das gefällt Ihnen doch.
Nein, das gefällt mir nicht. Aber manchmal muss es sein. Darum gehe ich auch ins Wallis und lasse mich dort mit Gülle übergiessen.

Das geschah tatsächlich?
Ja, in einem Restaurant. Ich kämpfte gegen den Höhenflugplatz in Verbier – Walliser hatten mich alarmiert! Warum soll man von Hamburg nach Verbier fliegen können? So ein Quatsch. Also ging ich hin. Eine Serviertochter schüttete mir zehn Liter Gülle über den Kopf und sagte: «Sie wollen doch die reine Natur. Hier ist sie!»

Warum ist der Widerstand gegen den Landschaftsschutz im Wallis so stark, viel stärker als im Bündnerland? Jetzt auch wieder, beim Raumplanungsgesetz?
Die Walliser sind rabiater als die Bündner. Im Wallis macht man die Ortschaften masslos kaputt. Ganz schlimm ist es gerade in Crans-Montana.

Dort will FC-Sion-Präsident Christian Constantin grosse Bauprojekte realisieren.
Herr Constantin ist zu einem persönlichen Feind von mir geworden. Seine Projekte sind unheimlich. Eine Schande, was er in Crans-Montana vorhat: ein kleines New York in den Bergen. Die spinnen doch. So macht man die Grundlage des Tourismus kaputt. Was ist Tourismus? Nichts anderes als Propaganda für schöne Landschaften, für Ruhe, für Freude.

Die Zweitwohnungsinitiative kostet im Baugewerbe der Bergkantone gemäss Schätzungen etwa 10 000 Arbeitsplätze. Lässt Sie das kalt?
Die Menschen, die es betrifft, sind mir nicht egal. Man soll ihnen anderswo Arbeit geben. Aber die 10 000 Stellen im Bau, die nur dazu da sind, die Landschaft zu verschandeln, die reuen mich nicht. Diesen Geschäftemachern muss man das Handwerk legen. Sehr viele Walliser sehen das genau gleich.

Im Moment ist Landschaftsschutz en vogue. In Zürich wurde die grüne Kulturlandinitiative überraschend angenommen. Warum gerade jetzt?
Überall, wo man hingeht, sieht man Baumaschinen, Verbetonierung, Hochhäuser, Ferienwohnungen mit geschlossenen Fensterläden. Die Leute spüren, dass hier etwas unwiderruflich zerstört wird. Wo gibt es noch unberührte Landstreifen? Man muss nach Frankreich gehen, um grössere grüne Gebiete zu sehen. Bei uns wird alles enger.

Das hat auch mit der Zuwanderung zu tun. Die Bevölkerung wächst rasant, seit die Personenfreizügigkeit mit der EU gilt.
Wir müssen schauen, was noch erträglich ist. Wie viel Platz hat es in unserem Land? Nicht mehr viel. Wir müssen langfristig denken. Leider läuft es gerade umgekehrt: Für kurzfristiges Wirtschaftswachstum holt man zu viele Leute rein. Auch hier: Es geht nur ums Geschäft, ums Geld.

Sie glauben, dass die Zuwanderung für Natur und Landschaft nicht mehr verkraftbar ist?
Es kann so nicht weitergehen. Wir müssen uns doch fragen: Was wird aus unserem Land, aus unserer Lebensgrundlage? Mir geht es nicht um Ausländer oder Schweizer, sondern nur um die Frage: Wie können wir die Schweiz schützen, bewahren, ja: Wie können wir sie retten?

Sind Sie ein grüner Patriot?
Man sagte auch schon, ich sei der Wilhelm Tell des Umweltschutzes (lacht). Ich liebe die Schweiz. Als Kind sammelte ich Postkarten mit schönen Landschaftsbildern, ich mochte es auch, Landkarten zu studieren. Ich dachte: Wie sieht es wohl in Andermatt aus? In Faido? Das fragte ich als Bub in Basel, wo ich wohnte, die Lokführer. Und die erzählten mir, wie wunderbar es in den Alpen sei, und im Tessin!

Und heute haben Sie den Eindruck, die Schweiz sei überfüllt?
Für mich war das eigentlich nie ein Thema. Mir ging es immer um den Landschaftsschutz. Ich mag die Ausländer! Und ich mag das Ausland: Ich kämpfte in so vielen Ländern, in Japan, in Kanada, im Senegal, im Kongo. In Togo gründeten wir einen Nationalpark, in Australien gibt es ein «Franz Weber Territory». Aber heute frage ich mich schon: Was ist für unser Land noch verkraftbar?

Und Ihre Antwort?
Es leben zu viele Leute in der Schweiz. Wir müssen stoppen! Und damit müssen sich alle befassen. Ich bin weder links noch rechts. Ich habe Freunde in allen Parteien. Jede Partei sollte den Landschaftsschutz grossschreiben, und jede Partei sollte sich auch damit auseinandersetzen, dass wir bei der Bevölkerung am Limit sind.

Haben Sie als Umweltschützer keine Mühe, wenn Sie hier ähnlich denken wie die SVP?
Es geht mir um die Sache, nicht um Parteien. Man muss aufhören mit der Einwanderung. Das Problem ist die Geschäftemacherei. Die Schweiz glaubt, mit den Ausländern Geld zu verdienen. Wir brauchen wieder eine Ehrlichkeit, eine Ethik, langfristiges Denken.

Die Umweltorganisation Ecopop hat eine Volksinitiative «gegen Überbevölkerung» lanciert, die eine Begrenzung der Zuwanderung fordert. Was halten Sie davon?
Das ist der richtige Weg. Für ein Land gilt dasselbe wie für eine Wohnung: Es mögen nicht unbegrenzt viele Leute rein.

Und dann gibt es die SVP-Initiative gegen die Masseneinwanderung, welche die Einwanderung aus der EU kontingentieren will.
Kontingente finde ich richtig. Klar, der Titel der Initiative ist sehr bildhaft. Es ist von «Masse» die Rede. Aber Volksinitiativen brauchen immer Titel, die hinhauen. Darum hiess meine auch «gegen den uferlosen Zweitwohnungsbau».

Im Tourismus wollen alle die Ausländer, und dort bleiben sie aus …
Es kommen mehrere Dinge zusammen: der starke Franken, aber in den letzten Wochen vor allem das schlechte Wetter. Das spüren wir auch im Giessbach. Bei schlechtem Wetter fehlen die Gäste, sobald es schön ist, ist das Hotel wieder voll. Giessbach ist rentabel.

Viele Schweizer Hotels kämpfen mit Problemen. Woran liegts?
Es hat schon auch mit dem Zweitwohnungsbau zu tun, und an vielen Orten ist die Landschaft so verschandelt, dass der beste Trumpf weggefallen ist. Ich finde zudem, die Hotels machen zu wenig Reklame. Man muss halt etwas tun. Ich bin überzeugt, man kann jedes gute Hotel zum Laufen bringen.

Der österreichischen Hotellerie gehts besser.
Die Österreicher schützen eben die Landschaft viel konsequenter, sie überbauen nicht alles. Im Tirol sind nur 8 Prozent Zweitwohnungen erlaubt, und bei uns stört man sich daran, dass es nun eine Begrenzung von 20 Prozent gibt.

Sie verkörpern eine Mischung aus linkem Umweltschutz und rechter Heimatliebe. Was bedeutet für Sie die Schweiz?
Die Schweiz ist ein Beispiel für die ganze Welt. Das spürt man, wenn man in Paris, in Kanada oder in den USA ist. Jeder auf der ganzen Welt weiss, dass die Schweiz ein freies Land ist, und vor allem ein unglaublich schönes Land. Darum kämpfe ich, dass sie so erhalten bleibt, und dass sie nicht den Spekulanten zum Opfer fällt! Das ist sogar im Interesse der Weltgeschichte: Ein Land, das sich erhält, das das Werk seiner Urväter bewahrt – das ist ein Beispiel für die Welt. Ja, ich sage es: Ich bin stolz, Schweizer zu sein.

Franz Weber kommt am 27. Juli 1927 in Basel zur Welt. 22-jährig reist er nach Paris und wirkt dort als Dichter und Journalist. Nach Linguistik- und Philosophie-Studien an der Sorbonne berichtet er für deutsche und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften aus der ganzen Welt – häufig sind es Reportagen über den Schutz von Landschaften. Sein politischer Kampf für den Umweltschutz beginnt 1965. Franz Weber verhindert, dass im Oberengadin aus dem 30-Seelen-Ort Surlej eine Stadt für 25 000 Einwohner wird. 1975 gründet er die Stiftung Franz Weber. Mit der Tochter-Organisation Helvetia Nostra lanciert Weber unter anderem die eidgenössischen Volksinitiativen «Tiere sind keine Sachen!» oder «Gegen Kampfjetlärm in Tourismusgebieten». Dank Weber wird 1977 das Waadtländer Weinbaugebiet Lavaux geschützt, und in den Achtzigerjahren bewahrt er das Grandhotel Giessbach vor dem Abriss. Sein grösster Erfolg ist die Annahme der Volksinitiative gegen den uferlosen Zweitwohnungsbau am 11. März 2012. Franz Weber ist verheiratet und Vater der 37-jährigen Vera Weber, die sich für dieselben Anliegen engagiert.

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