Er ist die Fussballstimme Deutschlands. Jetzt ist er Schweizer. Marcel Reif, Kommentator und Fussballexperte, hat zuletzt nicht nur den roten Pass erhalten – er hat auch den deutschen abgegeben. Dabei hätte er Doppelbürger sein können. Doch das kam für Reif nicht infrage. «Für mich war schnell klar: wenn ich Schweizer werde, dann richtig», sagt der 63-Jährige und schiebt eine Liebeserklärung an die Schweiz hinterher: «Hier ist mein Lebensmittelpunkt, von hier will ich nie mehr weg.» Das bleibt anderen Schweizern nicht verborgen. Nach seiner Einbürgerung erhielt Reif ein persönliches «Willkommen»-Mail. Der Absender: Fifa-Präsident Sepp Blatter.

Seit 13 Jahren wohnt Reif bereits in Rüschlikon, einer beschaulichen 5400-Einwohner-Gemeinde am Zürichsee. Davor lebte er drei Jahre mit seiner damaligen Ehefrau, einer Schweizerin, in Zürich. Heute ist Reif mit der Münchner Medizinprofessorin Marion Kiechle verheiratet. Zwei seiner drei Söhne besitzen den Schweizer Pass.

Den Interviewtest bestand der Neuschweizer problemlos. Mit den Behördenvertretern unterhielt sich Reif über die laute Kirchenglocke oder warum er die Post manchmal erst am Nachmittag erhält. Doch das stört Reif nicht im Geringsten. Ihm gefalle, dass Schweizer einige Dinge oft «es bitzeli» gelassener angehen, das tue ihm gut, sagt er mit einem Schmunzeln. Sein Schweizerdeutsch ist fast akzentfrei.

Zum Schluss des Einbürgerungsgesprächs zählte Reif noch die Bundesräte auf. Schliesslich habe er die Namen extra auswendig gelernt. Ohnehin interessiert er sich für die Schweizer Politik. Stolz verkündete Reif vergangenen Sonntag, erstmals in der Schweiz abgestimmt zu haben. Das war bei Günther Jauch, der wichtigsten deutschen Talkshow auf ARD. Gemeinsam mit Thomas Minder, dem Vater der Abzockerinitiative, sollte er den Deutschen die Schweizer Mentalität näherbringen.

Doch am wohlsten fühlt sich Reif nicht in einer Talkrunde, sondern noch immer als Kommentator im Fussballstadion. Er schafft es, sowohl die eingefleischten Fussballfans (er wurde mehrfache als bester Sportkommentator ausgezeichnet) als auch Fernsehkritiker (er ist Träger des Grimme-Preises) zu begeistern.

Fehlt Reif zum perfekten Glück also nur noch der Job als Chefkommentator der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft? Nein, «niä im Läbä» würde er die Nati kommentieren, sagt er. Die Schweizer TV-Kultur lasse sich kaum mit der Deutschen vergleichen. Ausserdem sei er schon lange mit Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld befreundet. Da halte er sich lieber raus.

Marcel Reif ist 1949 in Walbrzych, Polen, geboren. Deutsch lernte er erst mit acht Jahren, als seine Familie nach Kaiserslautern zog. Später studierte er Publizistik in Mainz. Vor seiner Karriere als Sportkommentator war er als freier Mitarbeiter beim ZDF für die Sendungen «heute» und «heute-journal» tätig.

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