Herr Locher, die Festtage stehen vor der Tür. Was bedeutet Ihnen Weihnachten?
Gottfried Locher: Weihnachten ist die Zeit im Jahr, während der ich runterfahren kann. Weihnachten ist eine geheimnisvolle Zeit, draussen ist es finster, umso heller leuchten die Lichter in der Dunkelheit. Weihnachten berührt mich.

Wie feiern Sie?
Zu Hause, mit meiner Familie, meiner Frau und meinen drei Kindern. Wir gehen nicht weg. Alle guetzeln und wir singen viel. Es ist fast der einzige Zeitpunkt im Jahr, an dem wir alle füreinander so richtig viel Zeit haben.

Für viele bedeutet Weihnachten das Gegenteil: Stress pur. Warum ist es bei Ihnen nicht so?
Vor Weihnachten ist auch mein Leben hektisch. Das hat aber einen Vorteil: So wird mir bewusst, dass die Adventszeit eine Wartezeit ist – das Fest steht noch bevor. Obwohl ich sehr viele Termine habe, achte ich darauf, jeden Tag ein paar Minuten freizuhalten. Dann zünde ich eine Kerze an, lese in der Bibel und bete. Ohne Seitenblick auf das Handy, ohne SMS und E-Mails.

Sie verbinden den Advent also auch mit Rückzug, mit Zeit für sich selbst.
Ja, das brauche ich. Ich habe mich in diesem Advent in das Kloster Einsiedeln zurückgezogen. Mindestens zweimal im Jahr klinke ich mich aus, in der Fastenzeit und eben in der Adventszeit. Der Advent ist ein Stachel im Fleisch der Hektik. Dafür gibt es das Kirchenjahr ja auch. Es ist ein anderes Jahr als beispielsweise das Fiskaljahr und zeigt uns: Wir stecken mit einem Bein noch in einer anderen Welt.

Viele Menschen besuchen an Weihnachten die Kirche, obwohl sie das sonst vielleicht gar nicht mehr oder nur noch sehr selten tun. Warum ist das so?
Ich glaube, das ist so, weil viele Leute spüren, dass wir an Weihnachten ein doppeltes Geheimnis feiern: Wir feiern die Geburt. Ich selbst hatte das Glück, dreimal an diesem Geheimnis teilhaben zu können. Es kam mir jedes Mal vor wie ein Wunder. Dazu gibt es eigentlich gar nicht mehr zu sagen. Alle spüren, hier passiert etwas Umwerfendes, etwas Urmenschliches.

Und das zweite Geheimnis?
Dass Gott selber Mensch wird. Wir haben nicht einen Gott, der weit entfernt ist, sondern einen Gott, der sich ins Elend der Menschen herablässt. Er wird ja nicht in einem Luxusspital geboren, sondern unter einfachsten Umständen. Das ist die Weihnachtsgeschichte. Sie übersteigt alle Vernunft und sagt doch so viel. An Weihnachten geht der Himmel auf.

Glauben Sie denn tatsächlich, dass bei allen Leuten die Geburt von Jesus Christus präsent ist?
Ich glaube, die tiefe Sehnsucht nach Gott steckt in allen von uns. Auch in jenen, die gegenüber der Kirche und dem Glauben voller Skepsis sind. Wer an Weihnachten in die Kirche geht, findet dort einen guten Ort, um Gott näher zu kommen. Das spüren viele, seien sie noch so kirchenkritisch. Der christliche Glaube hat nichts an Kraft verloren. Ich habe nicht den Eindruck, dass unsere Gesellschaft entchristlicht ist.

Leben wir überhaupt noch in einem christlichen Land?
Ja, diesen Eindruck habe ich stark. Und der ist auch messbar: Dreiviertel der Menschen in der Schweiz sagen ausdrücklich, sie seien christlich. Zwei Drittel sind in Landeskirchen, etliche tausend besuchen Freikirchen oder gehören der wachsenden orthodoxen Gemeinde an. Es gibt auch viele Leute, die nichts mehr mit der Kirche anfangen können und sich trotzdem an christlichen Werten orientieren.

Wie spüren Sie das im Alltag?
Ich stelle fest, dass die Kirche ein Thema bleibt. Ich weiss manchmal gar nicht, wieso. Nachdem man nun Jahrzehnte damit verbracht hat, die ganze Fragwürdigkeit der Kirche, die sie ja auch hat, in den Mittelpunkt zu stellen, bleibt dieses Gefühl: Die Kirche hat uns etwas Wichtiges zu sagen. Wer soll denn von Weihnachten erzählen, wenn nicht die Kirche und deren Angehörige, die ein Krippenspiel aufführen oder die Weihnachtsgeschichte lesen?

Gibt es noch andere Beispiele?
Das Christentum hat über die Glaubensgrenzen hinweg Werte entfaltet. So konnten beispielsweise Sozialwerke entstehen, wo man sorgfältig mit den schwächeren Menschen umgeht.

Geht es der Schweiz der christlichen Werte wegen so gut?
Das Christentum tut gut daran, bescheiden zu bleiben, früher sagte man: demütig. Der christliche Glaube ist keine Anleitung zu äusserem Wohlstand. Für die Schweiz entscheidend ist die Eigenverantwortung der Menschen. Ich kenne kein Land, in dem sie so sehr hochgehalten wird wie in unserem. Jede und jeder ist verantwortlich für sein Tun. Und das ist durchaus auch eine christliche Überzeugung.

In einem Streitgespräch mit SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli plädierten Sie im vergangenen Jahr dafür, dass sich die Kirche auch in die politische Debatte einmischen soll. Welche Rolle spielt die Kirche im öffentlichen Diskurs heute?
Wo christliche Werte verletzt werden, kann die Kirche nicht schweigen. Das Evangelium von Jesus Christus ist keine Privatsache.

Denken Sie an ein konkretes Thema?
Nehmen wir die Abtreibungsfinanzierung. Ein Thema, bei dem es viel einfacher ist, schwarz oder weiss zu denken, denn in Graustufen. Die Kirche aber hat sich für Letzteres entschieden: für eine differenzierte Haltung. Während eines ausführlichen Meinungsbildungsprozesses im Kirchenrat diskutierten wir über die Frage. In der Stellungnahme von Anfang November kann man das Ergebnis dieses Prozesses nachlesen: Wir finden, dass Abtreibung keine Privatsache ist.

Sie plädieren nicht nur dafür, dass die Kirche am öffentlichen Diskurs teilnimmt, sondern sprechen sich auch für eine innerkirchliche Diskussion aus, die zu mehr Einheit bei den Protestanten führen soll.
Wenn sich die Kirche äussert, ist das nicht nur Sache der Kirchenleitung. Ich möchte die Basis mehr einbeziehen. Ich denke beispielsweise an eine landesweite Synode, wo Kirchenmitglieder aus der ganzen Schweiz zusammenkommen und sich austauschen. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich die Kirche einmal pro Jahr zu einer wichtigen Frage äussert.

Sie wollen Agendasetting betreiben?
Ja, ich will eine Kirche, die Orientierung gibt. Es gibt viele Themen, die wir auf das Tapet bringen wollen, beispielsweise die Rolle der Schweiz als multireligiöses Land. Die Zeiten sind vorbei, als die Kirchen eine Monopolstellung hatten und deshalb gar nicht glaubwürdig sein mussten. Heute zählt die Glaubwürdigkeit. Daran müssen wir arbeiten. Eine Kirche, die etwas zu sagen hat, wird auch gehört.

Sie sehen die geforderte Vereinheitlichung als Prozess, um nach Inhalten zu suchen?
Ja. Und um eine Stimme zu haben.

Wo gibt es denn Differenzen?
Um das vorwegzunehmen: Ich spüre einen grossen Willen zur Einheit, die auch bereits vorhanden ist. Wenn ich mehr Einheit fordere, meine ich vor allem das Sichtbarmachen von Einheit über die einzelnen Kirchgemeinden hinaus. Heute spielt sich das Leben dort ab. Das ist historisch gewachsen und ist auch gut so. Aber die Kirche muss nun in einem grösseren Kontext wahrgenommen werden. Diesbezüglich befinden wir uns auf einem guten Weg.

Was konnten Sie sonst noch anstossen in Ihren beiden ersten Jahren als Präsident des Kirchenbundes?
Der Kirchenbund, das Haus hier, ist ein Powerhaus geworden. Es macht Freude, mit diesen Leuten hier zu arbeiten. Viele meiner Mitarbeiter wissen auf einem Gebiet mehr als ich. So soll es sein. Wir wollen die Besten anziehen. Und: Wir haben keine Hemmungen mehr, über unsere Probleme zu sprechen. Ja, die Kirche ist in der Krise. Wir wissen das und sprechen die Schwierigkeiten offen an.

Sie haben oft über den eklatanten Mitgliederschwund gesprochen.
Weil es vor allem die Journalisten tun. Aber ich nehme den Mitgliederschwund sehr ernst. Ohne Menschen gibt es keine Kirche. Es betrübt mich, wenn es uns nicht gelingt, das Evangelium glaubwürdig zu verkündigen. Hier müssen wir ansetzen. Wachstum beginnt mit innerem Wachstum, mit Qualität, nicht mit Quantität. Weihnachten ist ein gutes Beispiel: Wer eine Weihnachtsfeier erlebt, die ihn berührt und beglückt, der spürt letztlich, dass die Kirche nicht egal ist für sein Leben. Weihnachten kommt eigentlich immer im falschen Moment, kommt ohne Rücksicht auf die Tragik des Lebens und unterbricht diese für einige gute Stunden.

Sie betonten auch, gute Gottesdienste seien eine wichtige Aufgabe der Kirche. In diesem Zusammenhang kritisierten Sie Predigten als zu kopflastig.
Eine gelungene Predigt gehört für mich zu jedem Gottesdienst. Aber sie ist bestimmt nicht alles. Ich bestehe nicht nur aus Kopf. Ebenso wichtig ist mir die Musik, das Singen, das Gebet, das Abendmahl. Liturgie ist ein Gesamtkunstwerk. Nur als Kunstwerk berührt uns der Gottesdienst. Ich spüre einen Wunsch nach mehr Ganzheitlichkeit und kann dieses Bedürfnis auch nachvollziehen. Es gibt sie, eine gute Mischung aus verschiedenen Elementen, wir müssen sie nur finden.

Sie setzen auf Gottesdienste. Die neue protestantische Bewegung «Fresh Expressions» auf eine unkonventionelle Kirche, die aus dem Kirchenraum ausbricht. Was halten Sie davon?
Ich bin gegen ein Entweder-oder. Manchmal habe ich Freude an Neuem, Unkonventionellem, manchmal brauche ich das Bekannte, Traditionelle. Und vor allem brauche ich einen Ort neben meinem Alltag, einen Sakralraum neben all den Büros und Sitzungszimmern, in denen ich mich ständig aufhalte. Die Kirche bietet mir geistliches Asyl. Und mir tut das gut.

Sie klingen skeptisch.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin dafür, Neues auszuprobieren. Ein Erneuerungsprozess ist zwingend notwendig. Grundsätzlich bin ich offen gegenüber neuen Ideen. Skeptisch bin ich höchstens gegenüber einer Geringschätzung der Menschen, die vor uns gelebt haben. Es gibt einen uralten Glaubensschatz, und wir sollten ihn wiederentdecken. Da gäbe es noch einiges Schönes. Zum Beispiel ist es noch nicht so lange her, seit in den reformierten Kirchen wieder Osterkerzen leuchten. Auch die Osternacht ist Mode geworden – ein uralter Brauch.

Eines Ihrer Ziele ist auch die Förderung der Ökumene, die sich, wie Sie neulich an einer Tagung feststellten, in einer tiefen Krise befindet.
Ja, so ist es. Und um je wieder aus dieser Krise herauszufinden, müssen wir Klartext sprechen. Die Katholiken und die Protestanten finden kein gemeinsames Kirchenverständnis. Diese Wunde muss freigelegt werden, damit sie endlich heilen kann. Beide Seiten, die römisch-katholische und die evangelisch-reformierte, haben Hausaufgaben zu machen. Ich nenne hier nur die eigenen: Wir brauchen mehr inner-evangelische Übereinstimmung.

Sie sprachen mit Kardinal Kurt Koch über den Stellenwert des Abendmahls. Sprechen Sie da nicht an den Leuten vorbei?
Ja, klar, auf den ersten Blick schon. Aber letztlich ist die Frage für die Gläubigen sehr wichtig. Das Abendmahl ist ein Schatz, den wir unbedingt neu entdecken müssen. Es ist kein Zufall, dass gerade das Abendmahl die Konfessionen trennt – es geht eben um etwas Wesentliches. Hier wird der Gottesdienst lebendig und persönlich. Ich werde im kommenden Jahr mehr dazu sagen.

Sie haben Bischof Felix Gmür bei dessen Ernennung 2011 zur Freundschaft eingeladen. Wie entwickelt sich diese Freundschaft?
Felix Gmür ist ein schlechtes Beispiel, weil da einfach gar keine Annäherung passiert ist. Aber zu Abt Martin beispielsweise habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Mit ihm wollte ich eigentlich auch eine gemeinsame Weihnachtsbotschaft veröffentlichen. Leider hat es zeitlich nicht gereicht. Ich hoffe, dass es an Ostern klappt. Ein gutes Verhältnis habe ich auch zu Markus Büchel, dem neuen Präsidenten der Schweizerischen Bischofskonferenz. Und natürlich zu Kardinal Kurt Koch, mit ihm verbindet mich eine langjährige Freundschaft. Sonst könnten wir ja auch nicht so fröhlich streiten miteinander. Die Ökumene lebt von solchen Freundschaften.

Ist Weihnachten nicht auch ein guter Moment für Freundschaft und Einheit?
Ja, bestimmt. An Weihnachten feiern wir alle das Gleiche. Wir müssen diese Einheit nur endlich sichtbarer machen.

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