An der Unterlippe trägt sie ein Piercing, ein Ohrloch ist gedehnt. Um ihren linken Unterarm hat sich die 34- Jährige Jacqueline vor acht Jahren zwei schwarze Ringe tätowieren lassen. Dahinter steht die Erinnerung an zwei Unfälle. Auch die anderen Tätowierungen – inzwischen sind es sechs – erzählen alle eine Geschichte aus ihrem Leben, sagt sie.

Luca ist 24 und Möbelschreiner. Auch auf seinem Unterarm prangt ein Ringtattoo. So ähnlich seine Tätowierung derjenigen von Jacqueline ist, so verschieden sind die Beweggründe, die hinter dem Motiv stehen. Bei Luca bedeuten die Ringe Freundschaft. Er hat sie sich mit seinen zwei besten Freunden stechen lassen. «Ich denke, viele Leute tätowieren sich, damit sie Eindruck schinden können», sagt er. Bei ihm sei der Gedanke der Verewigung einer Freundschaft vordergründig gewesen. Aber nach dem Stechen – das gibt er zu – habe er sich schon ziemlich cool gefühlt.

Als sich die 25-jährige Annie die Ringe tätowieren liess, dachte sie sich nicht viel dabei. Eine unüberlegte Aktion, aber so sei sie halt. Bei einer Entscheidung höre sie auf ihr Bauchgefühl. Es sei ihr Fels in der Brandung. Und gerade deswegen sei ihr Tattoo Teil ihrer Identität. Weil sie Ursprung ihrer Spontanität ist.

Jacqueline, Luca und Annie sind nicht die Einzigen, die zufälligerweise dasselbe Tattoo auf ihren Körpern tragen. Je gesellschaftsfähiger Tätowierungen werden, umso öfters sind dieselben Motive auf verschiedenen Körpern anzutreffen. Galten Tattoos in den 70er-Jahren noch als Merkmal von Mittellosen oder Drogensüchtigen, so sind sie heute Ausdruck der Individualität.

Das bestätigt der Psychologe Erich Kasten von der University of Applied Sciences in Hamburg. Seit rund zehn Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Piercing, Tattoo und anderen Körperveränderungen und ist Verfasser des Buchs «Body Modification».

Er sagt, dass Tattoos heute viel mit Selbstfindung und Individualisierung zu tun haben. «Es gibt Abertausende attraktiver, junger, blonder Mädchen, aber nur dies eine mit einem Drachen-Tattoo auf dem Arm.» Inzwischen seien aber schon so viele Leute tätowiert, dass es immer schwieriger werde, damit die eigene Individualität zu unterstreichen: «Viele haben dasselbe oder ein sehr ähnliches Tattoo.»

Für ein Ringtattoo haben sich auch Sascha und Nina entschieden. Der Beweggrund hinter den zwei Linien an ihren Unterarmen war die Geburt der gemeinsamen Tochter Anouk. Für Sascha und Nina ist das Tattoo ein Familiensymbol. Nina sagt, dass ihre Tochter aus ihrer Beziehung zu Sascha herauswachse. Ein Ring, der für diese Bindung steht, findet sie darum ein geeignetes Symbol.

Bei Jelena wiederum ist dasselbe Tattoo reiner Körperschmuck. Die Ringe hat sie sich mit 16 Jahren stechen lassen, einfach nur, weil sie es schön fand. Ästhetik sei ihr wichtig, sagt sie: «Ich mag schöne Sachen und umgebe mich gerne mit kleinen Schätzen.»
Die Ringtattoos sieht man in Zürich schon fast an jeder Ecke an einem Unterarm. Sehr beliebt sind auch Federn, Vögel oder die Unendlichkeitsschlaufe, sagt Sandee, Tätowiererin aus Zürich. Ihr linker Arm ist von der Schulter bis ans Handgelenk voll tätowiert. Auf dem rechten Unterarm trägt sie ein Bild, das ihre Mutter in jungen Jahren zeigt. Den Platz, den es rund um dieses Tattoo noch gibt, hält sich Sandee extra frei. Sie steht auf der Warteliste eines deutschen Tätowierers, der ihren Arm künstlerisch mit Tattoos vervollständigen soll.

Seit vier Jahren sticht sie die Wünsche ihrer Kunden auf die Körper. Dass sich dabei die Motive wiederholen, sei häufig der Fall. «Im Unterschied zu früher, wo Tattoos an verborgenen Körperstellen getragen wurden, will die heutige Generation sie meist dort, wo sie auch gesehen werden», so Sandee. Darum wird häufig voneinander abgeschaut. Schon einigen jüngeren Kunden musste sie den Wunsch, dasselbe Tattoo wie ihr Lieblingsstar zu stechen, wieder ausreden. Auch die Geschichten, warum sich ihre Kunden für ein bestimmtes Motiv entscheiden, ähneln sich genau so häufig wie die Motive selbst.

Individualität sei wichtig, sagt Erich Kasten. Gerade in einer Massengesellschaft spiele das eigene Ich eine zunehmend stärkere Rolle für die Ausbildung eines positiven Selbstbewusstseins. Das Bedürfnis, sich voneinander zu unterscheiden, ist kein neues Phänomen: «Die Menschen tun das seit Tausenden von Jahren. Schon Urvölker haben mittels Tätowierungen Stammeshierarchien festgelegt», so der Psychologe. Die Möglichkeiten, wie sich die Menschen voneinander unterscheiden können, wechseln ständig.

Kasten glaubt darum, dass in 20 bis 30 Jahren, wenn die jugendliche Generation erwachsen ist, sich deren Kinder etwas einfallen lassen müssen, um sich von ihren tätowierten Eltern abzugrenzen. Er prognostiziert, dass die Body-Modification-Szene in Zukunft noch viel extremer werden könnte.

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