Suizid-Versuch überlebt: «Auf Google habe ich nach dem todsicheren Rezept gesucht»

Im Säliwald in Olten: Daniel Göring spricht über seine Vergangenheit. Foto: André Albrecht

Im Säliwald in Olten: Daniel Göring spricht über seine Vergangenheit. Foto: André Albrecht

Daniel Göring war Informationschef des Bundesamtes für Zivilluftfahrt. Beim Swissair-Grounding und bei Flugzeugabstürzen mit über hundert Toten war er an vorderster Front dabei. Jetzt spricht der 48-Jährige erstmals darüber, wie er selber ins Trudeln geriet. Er hatte ein Burnout und versuchte sich das Leben zu nehmen.

Herr Göring, jemanden, der Flugzeugabstürze hautnah miterlebt und in den Medien Stellung dazu nehmen muss, kann nichts mehr umhauen. Entspricht diese Einschätzung Ihrem eigenen Selbstbild?
Daniel Göring: Ich erlebte in den zehn Jahren als Informationschef beim Bundesamt für Zivilluftfahrt immer wieder Ausnahmesituation und stand tagelang unter Strom. Deshalb war ich überzeugt, dass ich mit schwierigen Situationen fertig werde.

Trotzdem erlebten Sie Ende 2012 Ihren persönlichen Absturz – ein Burnout mit Suizid-Versuch. Wie kam es dazu?
Es schlichen sich langsam Symptome von Überlastung in mein Leben. Aber ich habe die Warnsignale nicht wahrgenommen und verdrängt. Es wäre eine Art Schwäche gewesen, sich einzugestehen, dass ich jetzt einfach nicht mehr kann. Und das wollte ich nicht.

Sie meinen das Managersyndrom – allzeit bereit?
In etwa. Ich war überzeugt, dass man in so einer Position Entbehrungen auf sich nehmen muss und es normal ist, dass man gefordert wird. Wer das nicht will, soll im Hintergrund arbeiten. Aber er hat dann keinen spannenden Job. Das war meine Einstellung.

In dieser Zeit trennten Sie sich von Ihrer Frau und kündigten Ihren Job. Waren das auslösende Faktoren für Ihr Burnout?
Indirekt. Wie erwähnt, waren die Warnsignale schon vorher da. Allerdings wusste ich damals nicht, dass ein Burnout die Vorstufe zu einer Depression ist. Das ist deshalb zentral, weil Ersteres besser behandelbar ist. Eine Depression erschüttert einem in den Grundfesten der Existenz.

Wie äusserte sich das bei Ihnen?
Ich fand mich nach zehn Jahren Bazl reif für eine neue Herausforderung und wurde Kommunikationschef von Orascom, der Firma die in Andermatt ein Ferienresort baut. Da ich bis dahin die Warnsignale des Burnouts missachtet hatte, brach die Depression schliesslich mit voller Wucht durch. An der neuen Stelle konnte ich bei Problemen nicht wie vorher auf meine Routine zurückgreifen. Der Schutz, der mich davor bewahrte in eine unheilvolle Spirale zu geraten, existierte nicht mehr.

Wie machte sich dies bemerkbar?
Wenn Sie über längere Zeit Ihre persönlichen Ressourcen überbeanspruchen, ist dies wie bei einem Automotor. Kurzfristig können Sie diesen in den roten Bereich drehen, aber längerfristig verjagt es dann die Zylinder.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Ich stand eines Morgens in einem Andermatter Hotel vor dem Spiegel und sah eine zerknitterte Gestalt. Da fragte ich mich, warum ich mir das antat. Wegen des Geldes? Wegen der Funktion als Chef der Kommunikation? Wegen des Ansehens? Ich hatte keine Antwort auf die Fragen. Ich stand verkatert an einem fremden Ort und hatte keine Ahnung warum.

Wäre dies nicht der richtige Zeitpunkt gewesen, Hilfe zu suchen?
Da ist es schon zu spät gewesen, ich war nicht mehr fähig dazu. Ich hatte die Grenze zur Depression schon überschritten und geriet in einen Zustand zunehmender Isolation und Handlungsunfähigkeit.

Wie muss man sich das vorstellen?
Meine alte Freundin, die Sehnsucht, kam wieder zu Besuch. Die Sehnsucht, sich in nichts aufzulösen und einfach zu verschwinden. Ich sagte mir, dass ich jetzt mit ihr gehen würde.

Wollen Sie damit sagen, dass Sie den Wunsch hatten, Suizid zu begehen?
Es schien mir die einzig erlösende Aussicht zu sein. Ich begann gezielt auf Google nach dem todsicheren Rezept zu suchen, um mich aus dem Leben verabschieden zu können.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Zwischen Sitzungsterminen habe ich in meinem Büro im Internet nach Medikamenten gesucht, die mich in Übermengen ans Ziel bringen würden. Es zeigte sich dann, dass mein Plan nicht so einfach zu bewerkstelligen war. Die Pharmaindustrie hatte die gefährlichsten Mittel vom Markt genommen. Ich musste Alternativen finden.

Männer begehen eher Suizid mit der Waffe oder durch Erhängen. Haben Sie auch daran gedacht?
Ich bin nicht martialisch veranlagt. Ich wollte meinem Umfeld ein solches Szenario ersparen. Dazu gefiel mir der Gedanke, einfach einzuschlafen und nie mehr aufzuwachen. Ich forschte im Internet weiter und fand eine Tabletten-Kombination, die so wirken sollte, dass ich nicht mehr zurückkehren würde.

Haben Sie damals den Punkt ohne Rückkehr bereits überschritten?
Absolut. Ich nutzte die Mittagspausen, um in den Apotheken gezielt die benötigte Menge Pillen zu besorgen. In der freien Zeit über Weihnachten wollte ich meinen Plan umsetzen. Ich empfand mich damals als ein Irrtum der Geschichte. Einer, der endlich ausgeräumt gehörte.

Ein Selbstmord an Weihnachten. Haben Sie nicht daran gedacht, was dies für Ihre Kinder und Ihre engste Umgebung für eine Tragödie darstellt?
In meinem damaligen Zustand war ich nicht mehr zu solchen Gedanken in der Lage. Es hat sich einfach ergeben, dass ich an dem Wochenende vor Weihnachten alleine war. Niemand konnte mich stören, und es war deshalb der günstigste Zeitpunkt, um meinen Plan zu realisieren und zu gehen.

Gab es Momente, wo Sie daran dachten, was mache ich da eigentlich?
Nein. Es ging mir nur noch darum, die eigene Existenz möglichst schnell zu beenden. Ich stand am Abend nach einem fünfzehnstündigen Arbeitstag in der Küche und spürte eine monumentale Ermattung. Ich habe nicht mehr gemocht, ich konnte nicht mehr und wollte nicht mehr. Ich war isoliert, hilf- und orientierungslos. Es gab nur noch den Wunsch zu verschwinden – für immer.

Das ist nicht geglückt. Haben Sie im letzten Moment die Notbremse gezogen?
Zuerst lief alles nach Plan. Ich mixte mir meinen tödlichen Tabletten-Cocktail zusammen und nahm ihn ein. Doch mein Magen machte nicht mit, sodass ich mitten in der Nacht erwachte und mich mehrmals übergeben musste. Mein Körper schwemmte so einen grossen Teil der giftigen Substanzen weg.

Dass Sie noch am Leben sind, verdanken Sie auch Ihrer Freundin. Sind Sie ihr heute dankbar dafür?
Natürlich. Sie versuchte, mich an diesem Abend erfolglos zu erreichen. Sie wusste, dass es mir nicht gut ging, und hatte in ihrer Verzweiflung meine Eltern aus dem Bett geklingelt. Da sie nur einige Strassen weiter wohnten, standen sie am frühen Morgen vor meiner Tür. Dann fuhren sie mich ins Spital.

Wissen Sie noch, was Ihre Gedanken waren, als Sie im Spitalbett aufwachten?
Ich realisierte emotionslos, dass mein letzter Weg mich nicht ins Nichts geführt hatte, sondern in die Notaufnahme des Spitals. Damit war das Problem nicht gelöst. Ich akzeptierte, dass mein Leben weitergehen sollte. Aber ich hatte keine Ahnung wie.

Wie sind Sie aus dem schwarzen Loch wieder herausgekommen?
Mir war klar, dass ich professionelle Hilfe und eine Therapie brauche. Da erlebte ich die angeblich nicht existierende Zweiklassen-Medizin am eigenen Leib. Es dauerte einen Monat, bis ich einen Platz für eine stationäre Therapie bekam. Mit einer Zusatzversicherung wäre es schneller gegangen. Dank der Hilfe eines Psychotherapeuten konnte ich die Wartezeit überbrücken. Ich war unfähig, mit Menschen in Berührung zu kommen – hatte keine feste Tagesstruktur. Ich wanderte dann oft durch den Wald, las viel und begann meine Erfahrungen zu Papier zu bringen.

Daraus ist ein Buch geworden, das diese Woche auf den Markt kommt. Gibt es nicht schon genug Literatur zu dem Thema?
(Lacht) Das haben ein paar Verlage, die mein Buch abgelehnt haben, auch gesagt. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass es für Aussenstehende schlicht nicht fassbar ist, was in einem bei einem Burnout mit nachfolgender Depression abläuft und wie es abläuft. Deshalb ist es mir wichtig, mit dem Buch aufzuzeigen, wieso ein Kranker so reagiert, wie er reagiert. Ich wollte illustrieren, dass es Möglichkeiten gibt, sich aus einer Depression zu befreien und wieder ein normales Leben zu führen.

Fühlen Sie sich bereits wieder stark genug, mit intimen Details zu Ihrem Suizidversuch in eine breite Öffentlichkeit zu treten?
Damals, bei meinem psychologischen Vorgespräch für einen Therapieplatz, habe ich mir gesagt, wenn die mir helfen aus dem Schlamassel rauszukommen, will ich etwas zurückgeben. Mit dem Buch will ich meinen Teil dazu beitragen, dass das Thema Depression gesellschaftlich mehr Akzeptanz erhält und offener darüber gesprochen werden kann. Deshalb bin ich auch bereit als Person hinzustehen und zu erklären, dass ein Burnout oder eine Depression alle treffen kann – ob Manager oder Büezer spielt keine Rolle. Entscheidend sind die psychischen Belastungen und die Wirkung des Umfeldes, plus meist noch weitere Faktoren.

Stichwort Manager und Burnout. Wie haben Sie die Selbstmorde von Swisscom-Chef Schloter sowie dem Zürich Finanzchef Wauthier erlebt?
Diese passierten zu einem Zeitpunkt, in dem ich zu fest mit mir selbst beschäftigt war, um gross darauf reagieren zu können. Heute beschäftigen mich solche Fälle stark. Und es trifft mich, wenn Menschen derart verzweifelt sind, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sehen aus ihrer Situation.

Die Schweiz hat trotz ihrem Wohlstand eine der grössten Suizidraten. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Jetzt, wo ich aus meinem Tief heraus bin, gibt mir das enorm zu denken. Gerade vor kurzem hat sich in meinem beruflichen Umfeld ein junger Mann das Leben genommen. Solche Ereignisse zeigen, dass nach wie vor Bedarf besteht, das Thema in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Statistiken zeigen zudem, dass von den 1400 Suiziden pro Jahr in der Schweiz 70 Prozent ein depressives Element in sich hatten. Für die Politik und die Gesundheitsbehörden gibt es hier Handlungsbedarf.

Was raten Sie Angehörigen und dem engen Umfeld, wenn sie mit einem Burnout-Fall mit Selbstmordgefahr konfrontiert werden?
In so einer Situation können Angehörige selber kaum etwas ausrichten. Sie kommen nicht mehr an die Person heran. Man darf von ihnen auch nicht erwarten, dass sie selber eingreifen. Angehörige können nur professionelle Hilfe beiziehen – alles andere ist meiner Meinung nach zum Scheitern verurteilt. Aber auch diesen Schritt, der oftmals gegen den Willen des Betroffenen gefällt werden muss, ist für die Angehörigen schwierig. Ich weiss nicht, wie ich auf einen solchen Interventionsversuch reagiert hätte. Trotzdem sollte er nicht unterlassen werden.

Sie sind wieder zurück in der Arbeitswelt. War der Weg zurück schwierig?
Ich habe von Anfang an die Vorwärtsstrategie gewählt und meine Depression bei Anstellungsgesprächen thematisiert. Das hat auch zu Absagen geführt. Bei der Bundesverwaltung hat es schliesslich mit der Anstellung geklappt. Gleichzeitig zeigte es mir, dass eine Depression immer noch als Makel in der Geschäftswelt angesehen wird. Das hat mich zusätzlich bestärkt, mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

Haben Sie Strategien entwickelt, die Sie vor einem Rückfall schützen?
In erster Linie habe ich gelernt, dass ich am Feierabend loslasse. Wichtig ist auch, dass man einen Ausgleich ausserhalb der Arbeit hat – egal was das ist. Nur darf dieser Ausgleich nicht seinerseits zu einer Belastung werden. Sonst wirkt er kontraproduktiv.

Daniel Göring. Der Hund mit dem Frisbee. Der Weg in eine Depression und zurück ins Leben. Verlag elfundzehn. Am Donnerstag, 27. März 2014, findet im Theaterstudio Olten die Buchvernissage statt. Beginn ist um 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

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