Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz wählt klare Worte: Die jüngste Geldpolitik der Nationalbank habe ihn nicht überzeugt, sagt er im Interview mit der «Schweiz am Sonntag». Die Negativzinsen hätten nicht zu einer Schwächung des Frankens geführt, dieser werde weiter überbewertet bleiben. Dies habe gravierende Folgen für die Wirtschaft, warnt Vincenz. Die Schweiz stehe vor einer Auslagerungswelle, Zehntausende Jobs würden noch gestrichen. Mit einem starken Franken werde es den Werkplatz in seiner heutigen Form nicht mehr geben. Auch der emeritierte Basler Wirtschaftsprofessor Peter Bernholz warnt vor falschen Hoffnungen. Es sei nicht zu erwarten, dass sich die Überbewertung des Franken mindere, schreibt er in einem Gastbeitrag.

Raiffeisen-Chef Vincenz fordert, dass die Geldpolitik neu geregelt und die Nationalbank neu aufgestellt werde. «Wir brauchen mehr Transparenz darüber, wie die SNB zu ihren Entscheidungen gelangt», sagt er im Interview. Analog zur US-Notenbank solle auch die Nationalbank ihre Entscheidungsfindung offenlegen müssen. In einer Demokratie habe man das Recht, die Hintergründe zu den Entscheidungen zu erfahren. Zudem solle das Direktorium der Bank auf mindestens fünf Personen erweitert werden.

Gleichzeitig brauche es eine Grundsatzdebatte über die Zukunft der Schweiz. «Sind wir bereit, die negativen Folgen zu tragen?», fragt der Raiffeisen-Chef. Die Schweiz müsse sich auf ihre Funktion als Innovationsstandort konzentrieren. «Das heisst aber auch, dass wir exzellent ausgebildete Arbeitskräfte ins Land holen müssen.» Die Schweiz müsse die Infrastruktur auf zehn Millionen Einwohner ausrichten. Es brauche Transportkapazitäten zwischen St. Gallen und Genf sowie Basel und Lugano.

Eine so ausgerichtete Wirtschaft kenne jedoch Verlierer. «Der Graben zwischen Gutverdienenden und solchen, die nicht mithalten können, würde grösser», sagt der Raiffeisen-Chef. Um das abzufedern, brauche es in der Schweiz neue Sozialwerke. Gleichzeitig hält er fest: «Ich finde es besser, wenn wir uns weiter spezialisieren und uns nicht dem Mittelmass angleichen.»

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