Herr und Frau Schweizer finden immer später zum Elternglück. Mütter, die mit 40 und mehr Jahren Kinder zur Welt bringen, gibt es doppelt so viele wie vor einem Jahrzehnt. Das Bundesamt für Statistik sagt dasselbe in präzisen Zahlen: 5114 Ü40-Mütter gebaren vergangenes Jahr ein Baby. Vor zehn Jahren waren es
2810 und vor dreissig Jahren 980.

Dazu passen die mehr als drei Mal mehr Spätzünderväter. Heute hat jedes sechste Neugeborene in der Schweiz einen Vater über vierzig. «Es findet eine Verschiebung der Lebensphasen statt», sagt Beat Fux, Soziologieprofessor der Universität Salzburg. Gerade Frauen mit einem überdurchschnittlichen Bildungsniveau und einer guten Berufsposition würden sich häufig erst, wenn der Karriereweg abgeschlossen ist, die Frage nach einer Familie stellen. Diese Entwicklung erachtet Fux als problematisch. Denn das Aufschieben der Geburten ins höhere Alter zeige, dass es in den vorangehenden Lebensabschnitten schwierig war, das Kinderhaben mit den beruflichen Interessen zu verknüpfen.

Am wenigsten Geburten gab es 2003; da brachten die Schweizerinnen durchschnittlich 1,2 Kinder zur Welt. Heute sind es wieder 1,43. «Vielleicht zeigen die Veränderungen der schweizerischen Familienpolitik erste Früchte», mutmasst Fux.

Der Soziologe sieht im späten Elternglück für die Gesellschaft auch Vorteile. So hätten Ü40-Eltern eine Geburt eher überlegt und geplant. «Das führt einerseits zu einer vergleichsweise hohen Wertschätzung, und späte Eltern sind tendenziell scheidungsresistenter.» Allerdings verändert sich das familiäre Zusammenleben. «Vor dreissig Jahren erlebten Teenager ihre Eltern als 40- bis 50-Jährige, somit in der Blüte ihrer Schaffenskraft. Kinder später Eltern werden als Teenager ihren Vater und ihre Mutter als Frührentner kennen, die vielleicht mehr Zeit und Geld in ihren Nachwuchs investieren», sagt Fux.

Die älteste Mutter der Schweiz schenkte mit 66 Jahren noch Zwillingen das Leben – die Medizin machte es möglich. Doch darf man überhaupt in jedem Alter Eltern werden? Die Philosophin Susanne Brauer äussert Bedenken. «Künftige Mütter und Väter sollten sich genau überlegen, was sie dem Kind beispielsweise dadurch zumuten, dass seine Eltern schon länger pensioniert sind, wenn es die Matur macht», sagt Brauer. Sie forscht seit Jahren über Ethik in der Biomedizin und über Reproduktionsfreiheit. Eine Altersgrenze für werdende Eltern hält Brauer nicht für anwendbar. «Die körperliche Verfassung und die Einstellung zu einem Leben mit Kind sind bei jeder Frau und bei jedem Paar anders.» Daher könne man nicht sagen, mit 45 darf eine Frau noch Mutter werden, mit 48 hingegen auf gar keinen Fall. «Aber man sollte bei der Entscheidung das Kindswohl berücksichtigen.» Und ja, Mediziner sollten eine künstliche Befruchtung verweigern, wenn das gesundheitliche Risiko zu gross sei.

6000 Frauen lassen sich in der Schweiz jährlich künstlich befruchten. Knapp 20 Prozent waren 2012 über 40 Jahre alt. Doch die Fortpflanzungsmedizin stösst umso eher an Grenzen, je älter die Frauen sind. Mit 35 liegt die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, um 80 Prozent; danach fällt sie steil ab. Mit 40 liegt die Chance noch bei 10 bis 20 Prozent. Das erlebt die Gynäkologin Estilla Maurer-Major, die sich auf Fortpflanzungsmedizin spezialisiert hat und in Zürich eine Kinderwunsch-Praxis führt, oft: «Für viele Frauen ist der Kinderwunsch lange nicht aktuell, und dann ist es plötzlich zu spät, sogar für Behandlungen», sagt Maurer-Major.

Medizinisch spricht einiges gegen eine späte Geburt. So liegt bei Frauen über 40 das Risiko, eine Fehlgeburt zu erleiden, bei über 50 Prozent. Ebenfalls treten häufiger Fehlbildungen auf. Deshalb kreiden Teile der Gesellschaft spätes Mutterglück an. Ausser Acht gelassen wird dabei, dass die späte Vaterschaft ebenfalls nicht ganz gefahrlos ist. Denn je älter ein Mann zeugt, desto eher kommt ein Kind mit gesundheitlichen Defiziten zur Welt oder erkrankt im Laufe seines Lebens. So ist das Risiko, ein autistisches Kind zu zeugen, bei einem 50-jährigen Vater doppelt so hoch wie bei einem 25-jährigen.

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