Von Renzo Wellinger und Stefan Künzli

Es ist noch kein Superstar vom Himmel gefallen. Auch Madonna trat vor ihrem Durchbruch in kleinen Clubs auf. Doch während sich heutige Pop-Ikonen Jahrzehnte Zeit lassen durften, wird von aktuellen Bands und Künstlern eine Karriere im Eiltempo erwartet. Die sogenannten «Hotlists» von BBC, vom «New Musical Express» und anderen schüren diese Erwartungen. Die stilistische Vielfalt ist gross und die Newcomer sind vielversprechend.

Einer, der auf kaum einer Liste fehlt, ist Chance The Rapper aus Chicago. Sein im Netz veröffentlichtes Mixtape «Acid Rap» brachte ihm die berechtigten Vorschusslorbeeren ein. Seine cleveren Rhymes unterlegt er mit jazzigen und raffinierten Arrangements. Der 20-Jährige ist ein Versprechen. Er war bereits mit Eminem auf Tour und auch Madonna sah sich einen seiner Gigs an – möglicherweise auf der Suche nach neuen, unverbrauchten jungen Musikern für ihr nächstes Album.

Ein geeigneter Gastsänger dafür wäre Sam Smith. Der 21-Jährige aus London, der schon jetzt als Shootingstar gehandelt wird, ist auch bei uns kein Unbekannter: Seine unverwechselbare Soul-Stimme steckt hinter dem Refrain des Hits «La La La» von Naughty Boy, der im letzten Jahr auf Platz 2 landete und seit 32 Wochen in der Schweizer Hitparade steht. Ob Sam Smith dem Hype um ihn gerecht werden kann, wird sein Solo-Debüt «In The Lonely Hour» zeigen. Es erscheint Ende Mai.

Eine ganze Reihe kreativer Köpfe von der Insel hofft dieses Jahr auf den Durchbruch. Die «Brit School», eine von der britischen Musikindustrie geförderte Talentschmiede, die bereits Adele und Jessie J hervorbrachte, sorgt mit den beiden blutjungen Sängerinnen Rainy Milo (18) und Ella Eyre (19) für Nachschub. Milo ist die geheimnisvollere, progressivere, die schleppenden Hip-Hop und Electronica mit jazzigen Klängen verknüpft. Eyre ist näher bei einem breiten Publikum, reitet auf der Nostalgiewelle und erinnert mit ihrem wuchtigen Organ an Amy Winehouse.

Eine ebenso aufsehenerregende wie eindringliche Stimme hat auch der 24-jährige Sampha. Der Londoner Musiker steht mit den aus Los Angeles stammenden Sängerinnen Jillian Banks (25) und Kelela (30) sowie FKA twigs (25) für eine neue Generation von Musikern, die den R ’n’ B der Neunziger (Aaliyah oder TLC) mit zaghaften, zerhackten Minimal-Beats für das 21. Jahrhundert adaptieren. Sie schreiben keine Hitparaden-Songs. Sind sozusagen die Alternative für jene, die mit dem Hitparaden-Pop von Katy Perry und Rihanna nicht warm werden. Eine spannende, originelle Musik, die das andere sucht und durchaus wegweisend sein kann. «Wie Brandy, aber schräger», beschreibt Kelela ihren basslastigen Stil.

Dreckig wummernde Bässe stehen 2014 hoch im Kurs. Genau wie R ’n’ B feiert auch House, die melodiöse Spielart elektronischer Musik, ein Comeback. In den Clubs sorgen Acts wie das Produzenten-Duo Gorgon City mit einer Mischung aus UK-Garage, Hip-Hop und Jungle für frischen Wind.

Etwas fröhlicher geht es bei Rotschopf Chlöe Howl zu. Die Britin wird aufgrund ihrer frechen Texte bereits mit Lily Allen verglichen. In der Schweiz wird die 18-Jährige beim m4music in Zürich eine Kostprobe aus ihrem für Sommer erwarteten Debütalbum geben. In Sachen Pop ist auch von der britischen Sängerin Foxes (24), die für den Gesang auf dem Song «Clarity» soeben einen Grammy erhielt, einiges zu erwarten. Und Nina Nesbitt (19) könnte mit ihren poppigen Folk-Songs, die an Amy Macdonald erinnern, ein Mainstream-Publikum begeistern. Live wird die Schottin am 18. Juli beim Blue Balls Festival in Luzern auftreten.

Natürlich kommen 2014 auch Rock-Fans auf ihre Kosten. Bandnamen wie Thumpers, The 1975 und Royal Blood sollte man sich unbedingt merken. Der 20-jährige George Ezra, der Altmeister wie Bob Dylan zu seinen Vorbildern zählt, begeistert mit seinen Blues-durchtränkten Songs nicht nur ältere Musikliebhaber, sondern dank seines Aussehens auch weibliche Teenager.

Die Liste an neuen, aufstrebenden Talenten ist lang und viele werden die hohen Erwartungen nicht erfüllen können. Auch die letztjährigen Favoritinnen, die Rapperin Angel Haze und die drei Folk-Schwestern von Haim, konnten das nur bedingt. Das Musikbusiness ist unberechenbar und trotz der hohen Qualität sind auch die aktuellen Hotlists kein Karrieregarant.

Die Hotlists sind aber auch unvollständig. Denn pikanterweise ist die Band Clean Bandit, der erste Chartbreaker des Jahres, auf keinem Newcomer-Radar aufgetaucht. Ohne Vorankündigung ist das Quartett mit dem Song «Rather Be» auf Platz 1 der britischen Charts gestürmt. Bisher hat die Band nur die hinteren Chartsränge besetzt, doch «Rather Be», dieser Oldschool-House-Song mit Sängerin Jess Glynne und den klassischen Streicheranleihen, ist ein Knaller. Bereits wurde der «Sound Of The Summer 2014» ausgerufen. Ein Sommer-Hit im Januar? In der schnelllebigen Musikbranche ist nicht zu erwarten, dass der Höhenflug des Songs bis in den Sommer anhält. Und der nächste potenzielle Popstar ist nur einen Klick entfernt.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper