Herr Hayek, Sie sind diese Woche am Industrietag der Gewerkschaft Unia aufgetreten. Warum?
Nick Hayek: Weil man in der Schweiz viel zu wenig über die Industrie spricht. Es dreht sich alles um die Börse, um Konsum, um die Finanzen. Aber was es bedeutet, hierzulande ein Produkt zu entwickeln und dann auch herzustellen: Das verschwindet immer mehr aus dem Bewusstsein unserer Gesellschaft. Das ist mir und auch den Gewerkschaften wichtig, und darüber haben wir am Industrietag gesprochen.

Machen Sie sich Sorgen, dass sich die Schweiz deindustrialisiert?
Gehen Sie einmal ins Verkehrshaus Luzern: Da treffen Sie tolle Schweizer Marken an, viele davon gibt es nicht mehr. Für die Wertschöpfung eines Landes – und letztlich für seine Unabhängigkeit und den sozialen Frieden – ist es entscheidend, dass es Produkte herstellen und weltweit vertreiben kann. Und zwar nicht nur Luxus- oder Nischenprodukte, sondern auch Massenprodukte! Wenn wir nur noch Dienstleistungen und Handel haben, werden wir unseren Wohlstand über kurz oder lang verlieren.

Davon sind wir weit entfernt. Die Industrie steuert nach wie vor etwa 20 Prozent zur Schweizer Wertschöpfung bei.
Dass wir noch gut dastehen, hängt damit zusammen, dass die Industrie in den Regionen stark verankert ist. Sie ist dort Teil der Lebensrealität, man sieht das auch am Lehrlingswesen. Es gibt aber auch Gegenden, wo man keiner Fabrik mehr begegnet. Dadurch verlieren die Menschen mehr und mehr die Bedeutung der Industrie für unsere ganze Gesellschaft aus den Augen. Umso mehr, als auch viele Medien lieber über das Casino Börse berichten.

Haben Sie diesen Eindruck?
Das Schweizer Fernsehen bringt jeden Tag zur besten Zeit vor den Nachrichten eine Börsensendung. Da gehts nur um Schlagworte und Gerüchte. Was soll das? «Grosser Verlierer: die Swatch Group! Sie verliert heute 4 Prozent!», heisst es dann. Als wäre das tägliche Auf und Ab von Bedeutung. Und am anderen Tag spricht man mich auf der Strasse drauf an: «Ich habe gehört, dass Sie Verlust machen. Ich hoffe, dass es Ihrer Firma bald wieder besser geht!» Viele Leute setzen Börsenbewegungen mit dem effektiven Geschäftsgang des Unternehmens gleich. Das ist Quatsch und entspricht nicht der positiven Kultur unseres Landes. Das Fernsehen sollte diese Sendung durch Industrie-Highlights ersetzen.

Warum stört Sie das so?
Weil die Kurzatmigkeit und die Börsenmentalität à la Amerika auf die einzelnen Menschen negativ abfärben. Auch auf viele Manager, Investoren und auf die Gesellschaft als Ganzes. Dies ist Gift für eine positive Geisteshaltung. Hier geht es nur um Geld. Und damit sind wir wieder bei der Industrie: Sie braucht Zeit. Um ein neues Produkt, wie ein Uhrwerk, zu entwickeln und herzustellen, benötigt man vier Jahre. Man muss eine Fabrik aufstellen, Maschinen entwickeln lassen – wenn möglich in der Umgebung. Das bindet Geld. Diese Zeit und dieses Geld aufzubringen, ist unsere Gesellschaft immer weniger bereit. Das hat langfristig gravierende Folgen.

Umso mehr, als der starke Franken eine Belastung bleibt.
Wir hatten immer einen starken Franken. Das ist okay. Aber zurzeit ist er massiv überbewertet. Die Zentralbanken der USA, Europas, Japans und andere orientieren ihre Geldpolitik daran, dass es zuerst ihren Ländern nützt. Natürlich geht es immer auch um Inflation, aber ihre Geldpolitik dient vor allem der Steuerung der Konjunktur und damit der Exportindustrie. Und die Schweizer Nationalbank? Sie gibt ihr Instrument des Mindestkurses mit einer Panik-Aktion preis und bringt damit Industrie und Tourismus in Nöte – wobei die Freigabe an sich ja noch verständlich wäre.

Was ist denn unverständlich?
Die Kursfreigabe musste irgendwann kommen. Aber die SNB hatte drei Jahre Zeit, um eine Strategie für einen Ausstieg aus dem Mindestkurs zu entwickeln und Allianzen zu schmieden – in der Politik und in der Wirtschaft. Das hat sie verpasst. Sie ist fantasielos und mutlos. Sie schaut einfach zu. Gibt es die Nationalbank überhaupt noch? Doch, es gibt sie: Man sieht es an den vielen Interviews der Direktoriumsmitglieder. Haben EZB-Chef Draghi oder die Fed-Präsidentin Yellen so was nötig? Und in den Interviews senden unsere Notenbanker dauernd Signale der Unsicherheit und Machtlosigkeit. Das ist grossartig – für die Spekulanten.

Die Nationalbank interveniert durchaus noch, immerhin ist der Kurswieder bei 1.10.
Er kann nächste Woche wieder bei 1.04 sein, wenn irgendwo auf dem Globus ein Konflikt ausbricht. Verheerend ist, dass die Nationalbank dann nichts mehr tun kann. Weil das Direktorium ja bei der Abschaffung des Mindestkurses der ganzen Welt gesagt hat, dass es nicht 10, 20 oder 50 Milliarden Franken stemmen kann. Eine Nationalbank muss unabhängig sein. Aber Unabhängigkeit bedeutet Stärke. Wir aber haben ein Nationalbank-Direktorium der Schwäche, ein Direktorium der Angst. Es fehlt an Leadership.

Sie fordern den Rücktritt des SNB-Direktoriums?
Ich habe nichts gegen diese Leute. Aber sie haben sich selber demontiert: durch ihre öffentlich erklärte Kapitulation und ihre katastrophale Kommunikation. Seit dem 15. Januar stochern sie nur noch herum. Das ist gefährlich für den Standort Schweiz.

Wen wünschen Sie sich denn im Direktorium?
Es geht mir nicht um Namen, sondern um die Geisteshaltung und um Führungsqualitäten. Unter Jean-Pierre Roth entwickelte die Nationalbank kreative Lösungen – das zeigte sich bei der UBS-Rettung. Das war Leadership. Und Herr Roth hat auch hervorragend kommuniziert. Erinnern Sie sich an den einen Satz: «Die UBS hat keine Zeit. Die SNB hat Zeit. Wir sind da für die Ewigkeit.»

Sie überschätzen den Einfluss: Auch das beste Direktorium hat keine Chance, den Frankenkurs
gegen die Marktkräfte dauerhaft zu manipulieren.

Es war einmal ... Sind wir in der Märchenstunde? Marktkräfte! Entschuldigen Sie. Der Kurs des US-Dollars wird im Wesentlichen von der US-Notenbank bestimmt, die die Notenpresse auf Hochtouren laufen lässt ...

... aber die USA sind ein riesiges Land.
Hören wir auf, unser Land kleinzureden. Als die Nationalbank sagte: «Es gilt jetzt ein Mindestkurs von 1.20», hat das sofort gewirkt, sie musste gar nicht gross intervenieren. Weil unser Land stark ist und die Nationalbank damals glaubwürdig war. Wir haben manchmal einen Minderwertigkeitskomplex und der zeigt sich auch in unserer Position mit der EU über die Masseneinwanderungsinitiative.

Da handelt der Bundesrat ebenso ängstlich, wie Sie es der Nationalbank vorwerfen?
Es heisst immer, dass es schlecht für die Schweiz wäre, wenn die Bilateralen fallen würden. Das stimmt. Nur, für die EU wäre es noch schlechter. Wir sind ein enorm wichtiger Partner für Europa. Und wir sind in vielem ein Vorbild für Europa. Das ist eine gute Voraussetzung für einen Verhandlungserfolg. Wir dürfen nicht arrogant sein, aber selbstbewusst.

Sind Sie zweckoptimistisch?
Nein, ich spreche aus Erfahrung, ich weiss, wie man verhandelt. Das Volk hat einen klaren Auftrag gegeben, den kennt auch die EU. Darauf kann sich der Bundesrat in den Verhandlungen berufen. Aber er darf keine Angst zeigen. Er muss geistig dazu bereitet sein, vom Verhandlungstisch wegzulaufen, wenn sich die andere Seite nicht bewegt. Gleichzeitig muss er den Kompromiss schon im Hinterkopf haben, aber eben nicht gleich auch noch auf dem Gesicht tragen.

Kommen wir auf eine andere Weltgegend zu sprechen. In China, einem wichtigen Absatzmarkt für Sie, verlangsamt sich das Wachstum, die Börse hat eine Talfahrt erlebt. Wie schätzen Sie die Lage dort ein?
Die chinesische Gesellschaft und ihre Regierung machen einen positiven Wandel durch. Die Regierung will nicht zurück und wieder überall eine zentralistische Planung durchdrücken. Sie will eine offenere Wirtschaftspolitik führen. Sicher macht sie auch Fehler: Dass sie allen empfahl, an der Börse zu investieren, war unklug. Das sind kurzfristige negative Ereignisse. Aber alles in allem gab es keine grosse Beunruhigung. Wir verkaufen auch dieses Jahr an Chinesen in China und ausserhalb Chinas mehr als im letzten Jahr, in Lokalwährungen.

Die ganz grossen Wachstumszahlen sind vorbei.
Das kommt darauf an: Bei der Marke Swatch haben wir in Mainland China 15 Prozent Wachstum und andere Marken wachsen weiterhin einstellig in Lokalwährungen und in Stückzahlen. In China wird die Mittelklasse immer grösser. Wir reden von 200 bis 350 Millionen Menschen. Und die wollen alle die Welt sehen.

Und kaufen auf ihren Reisen Uhren?
Ja. In Luzern und in Interlaken sahen wir im Juli und August ein Wachstum von teilweise 50 Prozent und mehr bei den Uhrenverkäufen! So gute Zahlen hatten wir noch nie. Und das hat natürlich mit den Chinesen zu tun, die hier Ferien machen.

Drückt die neue Smartwatch von Apple auf Ihre Verkaufszahlen, wie Analysten glauben?
Das ist Unsinn. Mein Vater sagte immer, mach das Gegenteil von dem, was die Analysten sagen, dann bist du auf dem richtigen Weg.

Was bedeutet denn die Smartwatch für die Swatch Group?
Für uns ist das grossartig: Das Interesse an Uhren mit zusätzlichen Funktionen ist dank Apple gestiegen. Das hilft uns. Wir haben seit dem Jahr 2000 versucht, solche Uhren zu verkaufen. Mit wenig Erfolg. Viele Leute hat das wenig interessiert. Jetzt ist Apple da und bringt zusätzliches Interesse. Das ist eine Bereicherung für uns. Ich muss für unsere Swatch Touch Zero One überhaupt keine Werbung machen: Die Uhr verkauft sich von allein. Gerade in den USA ist das Interesse an Uhren dank Apple stark gestiegen. Interessanterweise haben wir bei Swatch in den USA in den letzten Monaten vier- bis fünfmal mehr mechanische Uhren verkauft als vorher.

Als die Japaner in den Achtzigerjahren ihre Quarzuhren herausbrachten, wäre die Schweizer Uhrenindustrie beinahe untergegangen. Warum wird die Smartwatch heute keine vergleichbare Herausforderung?
Weil die Schweizer Uhrenindustrie damals in einer ganz anderen Lage war. Damals hat sie sich nur auf Luxus konzentriert, überhaupt keine Innovationen mehr entwickelt. Man hat es sogar bei Longines zugelassen, sie in Korea und in den USA herzustellen, ohne Rücksicht auf das Swiss Made. Das war die völlig falsche Strategie. Mit Swatch und Tissot haben wir der Schweizer Uhrenindustrie wieder ein Fundament in der Massenproduktion gegeben. Wenn sie die Massenproduktion kontrollieren, können sie auch in Ruhe Luxusuhren herstellen. Die Schweizer Uhrenindustrie ist bis heute eine der innovativsten Industrien der Welt.

Wie laufen die Arbeiten an Ihrer neuen Superbatterie?
Wir machen grosse Fortschritte. Die Batterie ist heute schon – als Prototyp – mindestens zwischen 10 und 20 Prozent besser als alles, was auf dem Markt ist. Wir haben über 20 Patente für diese Batterie. Sobald wir in die Massenproduktion gehen, ist mit weiteren Effizienzgewinnen zu rechnen.

Wann ist es so weit?
Der Entscheid ist gefällt, das Geld ist gesprochen. 2016 wird es mit einer ersten Serie losgehen. Das Swatch-Group-Tochterunternehmen Renata wird die Produktion für Belenos an ihrem Hauptsitz in Itingen BL übernehmen.

Solche Batterien könnten die Automobilindustrie revolutionieren. Das hat bekanntlich Ihr Vater schon mit dem Smart probiert – ohne Erfolg. Warum klappt es diesmal?
Wir sind in einer ganz anderen Situation. Wir werden die neuen Batterien von Renata herstellen lassen. Renata produziert heute schon 800 000 Batterien pro Tag, natürlich keine Autobatterien. Damals war das Ziel ein komplettes Auto, und mein Vater brauchte dafür die Zusammenarbeit mit einem Autokonzern. Wir stellen aber nur eine wichtige Komponente für zukünftige Elektroautos her. Auf die Mitarbeit eines Autokonzerns sind wir nicht angewiesen.

Mit der Hilfe der Autokonzerne ist nicht zu rechnen?
Viele Autokonzerne sind heute noch nicht bereit für eine Revolution.

Wer will denn die Revolution? Öl ist doch wieder billig.
Mobilität braucht eine Revolution. Wenn Chinesen und Inder auch Auto fahren wollen wie Europäer und Amerikaner, kommen wir darum nicht herum.

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