Von Peter Rothenbühler *

Am Donnerstag feiert Medienpionier Roger Schawinski seinen 70. Geburtstag. Die grosse Party steigt erst zwei Tages später in Zürich, mit vielen Freunden und Bekannten. Roger hätte mit dem Fest auch noch zehn Jahre warten können. Denn was sind heute schon 70 Jahre? Die runde Zahl ist nicht mehr, was sie einmal war. Roger platzt fast vor Energie, Kreativität und Unternehmungslust. Er führt sein eigenes Lokalradio, hat eine Talkshow am Schweizer Fernsehen, die immer wieder gut ist für Schlagzeilen, er schreibt Bücher, reist und kümmert sich um seine Familie. Er hat eine Life-Work-Balance gefunden, um die ihn viele 50-Jährige beneiden.

Zum Beispiel jene Leute, die bei der unschönen Live-Auseinandersetzung mit dem Islamhasser Thiel nichts besseres fanden, als Roger wegen seines Alters anzugreifen. Ja, er ist der älteste Talkmaster der Schweiz, na und? In Amerika und Italien weiss man schon lange: je älter, desto besser. Beispiele: Larry King (mit 81 noch am TV), Johnny Carson, David Letterman, aber auch Oprah Winfrey, die 62 wird und nicht aufhören mag. Ich habe im «Corriere della Sera» immer nur die tägliche (!) Kolumne von Indro Montanelli («haltet euch die Nase zu und wählt Democrazia Cristiana») gelesen, diesem «erleuchteten Konservativen», der die Feder erst fallen liess, als er mit 92 starb.

Es ist wie in der Musik: Ernest Ansermet gab sein letztes Konzert mit dem Orchestre de la Suisse Romande zwei Monate vor seinem Tod, er war sechsundachtzig. Die meisten Pianisten spielen, bis der Klavierdeckel zufällt, letzte Woche durfte ich eine Vernissagerede halten für den bekanntesten Kunstmaler der Westschweiz, Walter Mafli, ich ging um Mitternacht ins Bett, er erst um eins. Er ist gerade 100 Jahre alt geworden und jasst gern bis spät. Was sind dagegen schon 70-Jährige! Junge Schnösel. Und so sieht Schawi auch aus: blendend, die Haare immer noch schwarz wie vor zwanzig Jahren, und offenbar färbt er tatsächlich nicht nach.

Bei ihm darf man den Udo-Jürgens-Song «Siebzehn Jahr, blondes Jahr» abwandeln auf siebzig Jahr, schwarzes Haar. Auch Udo wollte mit 80 noch auf Tournee. Nur der Tod konnte ihn bremsen. Nicolas G. Hayek fiel am Pult um, mit 82, und mein Lieblingsverleger, der grosse alte Charles von Graffenried blieb bis 87 aktiv und einflussreich. Schawi ist also keine Ausnahme. Wenn ich mich umsehe, stelle ich fest, dass es noch nie so viele pensionierte 70-Jährige gab, die keinen Gedanken ans Aufhören verschwenden, sich beruflich sogar neu orientieren, Firmen gründen, einfach mit dem grössten Vergnügen weitermachen, natürlich ausserhalb der grossen Firmen, wo alle Human-Resource-Abteilungen immer noch jeden 64-Jährigen sanft, aber bestimmt darauf hinweisen, dass er bald nicht mehr dazugehört und einen Kurs «Vorbereitung auf die Pensionierung» besuchen darf.

Ich selbst habe diese Art, mit 60-Jährigen umzugehen, als hochnotpeinlich und eher demütigend empfunden. Seit ich pensioniert bin und mich unabhängig organisiert habe, wird über das Alter der Flasche nicht mehr gesprochen, nur noch über den Inhalt, und der wird mit dem Alter besser (hm, hm!).

Schawi hätte sich sehr gut «zur Ruhe setzen» können, wie man früher sagte, Kohle hat er genug. Aber er hat nie geschuftet, um reich zu werden, er hat sich amüsiert, er wollte etwas bedeuten, etwas bewegen, und das hat er in der Schweizer Medienszene mehr als jeder andere, als Gründer der neuen «Tat», als Gründer des «Kassensturzes», als Radio-Pirat (Radio24), als Fernsehunternehmer und als Buchautor. Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass die meisten Männer ihre grosse «Alterskrise» irgendwann zwischen fünfzig und sechzig durchmachen, sich ängstlich fragen, wie lange gehöre ich noch dazu, was kann ich noch bringen, soll ich überhaupt noch mitmachen.

Schawi hat seine Krise vor 15 Jahren durchgemacht, als er seinen Führungsleuten mitteilte (ich war dabei), er werde bald die operative Leitung seines Medienunternehmens abgeben, sich auf den Posten des VR-Präsidenten zurückziehen und mehr für die Familie da sein, schreiben und das Privatleben geniessen. Unter uns gesagt: Niemand hat ihm geglaubt, dass er nur noch im Garten seiner Zürichberg-Villa Yogaübungen machen will. Er hielt damals die bekannte Rede von Machern in der Fünfzigerkrise, die sich dann irgendwann mal wieder aufraffen und nochmals durchstarten. Wenn man sie denn lässt. Und wenn sie gut sind. Warum ist Schawi der älteste Talkmaster der TV-Szene? Weil er der Beste ist (ex aequo mit Markus Gilli). Das hat mit dem Alter nix zu tun. Punkt.

Vor zehn Jahren habe ich mal bei «Le Matin» eine Titelseite mit der Schlagzeile «Diese jungen Sechzigjährigen» gemacht, sie war sehr erfolgreich, man sah da Leute wie Paul McCartney und einige bekannte Schweizer, die gerade 60 wurden. Paul McCartney ist heute über 70 und geht wieder auf Tournee. Heute müsste mein Titel heissen: «Diese jungen Siebzigjährigen». Ich könnte zahlreiche Schweizer Persönlichkeiten aufzählen, die irgendwo an der Spitze waren und heute als Pensionierte um die 70 eine neue Aktivität entwickeln, mit einer Gelassenheit und einer Selbstironie, zu der sie vorher nicht fähig waren. Ich nenne nur einige bekannte Zeitgenossen: Christoph Blocher, Jean Ziegler, Frank A. Meyer, Thomas Held, Thomas Hürlimann, Polo Hofer, Franz Steinegger, Peter Bodenmann, alle frischer als viele Fünfziger!

Und warum ist eigentlich der grosse Erich Gysling nicht mehr am Bildschirm, wenn’s darum geht, die Welt zu erklären? Übrigens: Auch 80 ist nicht mehr, was es einmal war: aber von Emil (neue Tournee ab 9. September), Peter Bichsel oder gar Charles Aznavour (geht mit 90 auf Tournee) und andern wollen wir ein andermal reden.


*Peter Rothenbühler, 67, ist Kolumnist bei der «Schweizer Illustrierten», die er von 1988 bis 1999 als Chefredaktor geführt hat.

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