Es war die Polizeigewalt vom letzten Sonntag, die eine der friedlichsten und freundlichsten Massendemonstrationen der Neuzeit ausgelöst hat. Die Dämmerung war noch nicht vorüber, als die ersten von 87 Tränengas-Granaten kamen. Die Menge, damals noch hauptsächlich Studenten, keuchte, hustete, rotzte und sammelte sich wieder. Die Demonstranten standen hin und streckten die Arme in die Höhe und packten die Schirme aus, als die Polizei Pfeffersprays zückte.

«Es bricht mir das Herz. Ich hätte das niemals für möglich gehalten. Ich bin extrem enttäuscht», sagt Verkäufer Terence Lai noch mit tränenden Augen, kurz nachdem die Schwaden gewichen waren.

Am nächsten Tag stehen gegen 200 000 Menschen auf der Strasse. Hongkong rutscht in eine Art Ausnahmezustand. Aus einem Studentenstreik erwächst innert eines Tages eine Bewegung, die Rückhalt in der ganzen Bevölkerung geniesst. Die Polizei ist überrumpelt, die Politiker überrascht -- doch beide lernen schnell. Ihre neue Taktik: aussitzen. Die Demonstranten nisten sich im Regierungsviertel ein.

Ich marschiere mit einem lokalen Kollegen in später Nacht auf dem Queensway in Richtung Proteste. Wir gehen auf den Gleisen des ikonischen Trams von Hongkong, hier liebevoll «Ding Ding» genannt. Daneben fahren eigentlich sechs Spuren Autos. Doch die Demonstrationen haben den Verkehr in der ganzen Innenstadt lahmgelegt. Über 270 Buslinien fahren nicht. Nur die Metro verbindet Ost und West.

Wir gehen in Stille. Wolkenkratzer ragen dunkel in den Himmel, die Strasse liegt leer vor uns. Wir hängen beide unseren eigenen Gedanken nach, als es ihm urplötzlich entfährt: «Scheisse Mann, ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals hier auf dieser Strasse gehen würde. Das gibts nur einmal im Leben!» Er ist sichtlich aufgeregt und zündet sich nervös eine Zigarette an. Für Hongkonger ist der Protest eine Zäsur, etwas bis anhin Unvorstellbares, das nun direkt vor ihrer Haustür geschieht.

Die Proteste versetzen viele in der Stadt in eine fiebrige Aufgeregtheit. Am Dienstag treffe ich die Wirtschaftsstudentin Ming Yang Sit. Die 24-Jährige studiert Betriebswirtschaftslehre. Sie sitzt im Stadtteil Mong Kok in Kowloon an einer Strassenkreuzung auf dem Boden, auf ausgelegten Kartonschachteln und betreibt eine Versorgungsstation. Um sie herum türmen sich Kekspackungen, Wasserflaschen und Regenschirme.

Die Proteste, ursprünglich nur auf der Insel, sind aufs Festland hinübergeschwappt. Seit zwei Tagen schläft Sit bereits hier auf der Strasse. «Studenten haben abends um elf am Ausgang E1 der Metro eine Blockade gestartet», erzählt sie. Spontan sei sie um zwei Uhr morgens hingegangen und habe eine ihrer Stationen gegründet, zusammen mit neun anderen Studenten, die sie vorher noch nie gesehen hatte. Über eine Whatsapp-Gruppe organisieren sie Schichtbetrieb. Das ist typisch für diese Bewegung, die sich selbst organisiert.

Die Freiwilligen sind hauptsächlich Studenten, die gerade da anpacken, wo es nottut. Tagsüber, beim Schlendern durch die Menschenmassen, liegt ein Lächeln auf meinen Lippen. Eine so wundervolle Demo habe ich noch nirgendwo gesehen.

Zwei 16-Jährige schleppen einen Karton durch die Menge und verteilen Hustenbonbons, Wasser und Bananen. Studenten halten mir die Kamera oder den Regenschirm, während ich über Geländer klettere oder irgendwo in der Höhe Fotos schiesse. Keine Aggressivität, keine Fluchwörter, keine Pflastersteine. Niemand raucht oder trinkt Alkohol. Stattdessen machen Schülerinnen und Studenten Hausaufgaben.

Teams sammeln mit schwarzen Güselsäcken Abfall ein, packen an einem zentralen Orten alles wieder aus, um es zu recyclen. Als ich eine Wasserflasche leer trinke, tritt Sekunden später ein Student hinzu und nimmt mir die Flasche aus der Hand. Er packt sie in einen Abfallsack und holt mir eine neue an der nächsten Versorgungsstation. Gekühlt.

Politische Karikaturen und Slogans hängen überall an den Strassenlaternen, einzelne in Deutsch, Französisch oder Russisch mit dem Ziel, internationale Aufmerksamkeit zu erlangen. Mittlerweile sind alle internationalen Medien auf Platz. Der bekannte US-amerikanische Kriegsberichterstatter James Nachtwey läuft mir bereits zum dritten Mal über den Weg. «Die Aufmerksamkeit der Medien ist das Einzige, was die Studenten vor der Regierung schützt», sagt Dennis Kwok von einer pro-demokratischen Partei an einer grossen Versammlung.

Vier Fernsehstationen berichten live um die Uhr, und online sind sowieso alle. Die Demonstration geschieht ebenso im Netz wie auf der Strasse. Zur Demonstranten-Ausrüstung gehört neben einer gelben Schleife auch eine dicke Batterie fürs Smartphone. Wenn etwas passiert, ist es zehn Minuten später im Internet zu finden. Das fördert aber auch Gerüchte. Das Bild eines Panzers der chinesischen Volksbefreiungsarmee verursacht am Montag kurz Panik. Über die Bluetooth-App Firechat, die ohne Mobilfunk auskommt, verbreiten sich solche Bilder in Windeseile, meistens ohne Quelle.

Hongkong ist ein kapitalistisches Paradies. Die Heritage Foundation hat die Stadt im Jahr 2014 zum 20. Mal hintereinander zum «freiesten Wirtschaftsstandort der Welt» gekürt. Die Sorge um die Wirtschaft ist immer das erste Argument der Gegner der Bewegung. Aber bislang kommen die Banken gut zurecht. Das alltägliche Geschäft läuft weiter. Ein britischer Risikomanager, der seit 20 Jahren in Hongkong lebt, hält die Sorge für übertrieben: «Aus makroökonomischer Sicht ist das für Hongkong kein Problem», sagt er. Der Informatiker Simon Law arbeitet in einer chinesischen Investment-Bank. Auch er sei nicht betroffen. «Die Leute sitzen direkt unter meinem Büro», sagt er, «wir spüren überhaupt keine Auswirkungen.

Zu den Verlierern gehören kleine Läden und Geschäfte, die wegen der Demonstrationen schliessen müssen. Vor einem japanischen Luxus-Restaurant in Wan Chai, hundert Meter vor der Strassenblockade, treffe ich Verdi, der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. «Wir haben die Hälfte der Kundschaft verloren», sagt er. Aber das sei ihm egal. Er unterstütze die Protestierenden, obwohl er selbst nicht auf die Strasse könne.

Die Luxusläden im nun besetzten dichtestbesiedelten Bezirk der Welt, Mong Kok, sind weiterhin offen. Chinesische Touristen haben ungestillten Konsumhunger und mischen sich mit Demonstranten. Fast-food-Franchisen und Kioske haben Rekordumsätze. Die «Regenschirm-Revolution» hat auch Andrew Li von der Fabrik City Gear Limited ein gutes Geschäft beschert. Er kann sich zurzeit vor Bestellungen für gelbe Regenschirme kaum retten. «Wir haben nur 20 bis 30 Stück auf Lager», sagte er. Die Produktion daure sieben Tage. «Offen gesagt, hätte ich welche, ich würde sie alle gratis abgeben», sagte er.

Das ist die Attitüde der meisten hier. So viele Bürger wollen spenden, sodass die Demonstranten mindestens dreifach überversorgt sind. Arbeiter, wie der 40-jährige Winkie Chan, kommen nur nach der Arbeit oder an freien Tagen. Dafür bringen sie Wasser, Schutzmasken und Regenschirme. «Die Generation über 40 kann Vorräte bringen», sagt er.

Die Regierung kommt den Demonstranten am Freitag entgegen und bietet Gespräche an. Die Studenten, die bis dahin das Gebäude von Regierungschef C. Y. Leung umzingelten, akzeptieren dies. Doch dann greift am Abend ein Mob die Demonstrierenden in Mong Kok tätlich an. Es fliesst Blut, die Angreifer schleppen Barrikaden weg und reissen Zelte nieder.

Die Polizei greift kaum ein. Ein Polizeisprecher sagt, die Studenten müssten sich nicht wundern, wenn eine illegale Demonstration angegriffen werde. Die Strassenkreuzung, wo Ming Yang Sit am Dienstag sass, ist gestern Morgen wie verwandelt. Die friedliche Stimmung, die knapp eine Woche anhielt und die einst so geschäftige Nathan Road in eine Fussgängerzone verwandelte, ist einer nervösen Anspannung gewichen. Sits Materiallager ist verschwunden. Die Studentenführer sagen die Gespräche ab.

Mit gelassener Miene stehen Ben, ein 22-jähriger Student, und ich gestern Samstag in der Menge. Auf dem Trottoir schreien 50 Menschen Flüche gegen die Demonstranten. Ihn liess das kalt. «Die haben nur Essen und Geld im Kopf», sagt er. Sie verständen nicht, warum die Studenten hier seien. Zwei Tage zuvor sei er hier an einer öffentlichen Diskussion gewesen. Aber als sie ihnen das Mikrofon angeboten hätten, habe niemand sprechen wollen. «Einige sind sicher bezahlt», sagt er.

Die Indizien, dass jemand Mitglieder des Hongkonger Untergrunds angeheuert hat, um Unruhe zu stiften, sind kaum mehr zu widerlegen. In der Vergangenheit erhielten solche Handlanger bis zu 500 Dollar pro Tag, um Demonstrationen für Demokratie zu stören. Eine altbekannte Taktik. Doch in der medialisierten Menge funktioniert sie nicht mehr.

Als am Samstagabend ein Mann einer Frau an die Brüste greift -- eine der Strategien, um Unruhe zu stiften -- steht das Video zehn Minuten später in drei Versionen im Internet. Einzelne User identifizierten den Mann umgehend als den Boss eines Restaurants mit Namen «Hei Kee Spicy Crab». Sein Umsatz dürfte einbrechen.

Aber die Darstellungen, dass die Demonstranten von Peking-freundlichen Schlägern drangsaliert wurden, wie es im Ausland dargestellt wird, stimmt nicht ganz. Da sind auch arme Hongkonger darunter, die in der Gegend wohnen und keine Kunden mehr haben. Hongkonger, die mit dem Bus nicht mehr nach Hause kommen. Alte Leute, die nicht mehr zum Arzt kommen. Sie verlieren Geld und Zeit in einer Stadt, in welcher beides sehr viel bedeutet. Die Unterstützung, die durch alle Gesellschaftsschichten geht, erodiert langsam.

Die Strassen sind manchmal, frühmorgens, fast leer. Nur Hartgesottene bleiben über Nacht und schlafen auf dem Asphalt. Aber jeden Abend schwillt die Menge wieder an, stetig, bis an den Versammlungen, zu welchen die Organisatoren aufrufen, bis zu 200 000 zusammenkommen.

Die Darstellung der Proteste als einer rein politischen Meinungsäusserung greift zu kurz. Sie sind auch ein Ventil für Unmut über steigende Preise und eine Politik, die sich zunehmend nach dem Festland und den Reichen richtet. Der Protest hat eine starke sozioökonomische Komponente. Universitäts-Abgänger verdienen um die tausend Franken im Monat. «Wir brauchen 30 Jahre, um eine Wohnung zu kaufen, ohne Wohnung können wir nicht heiraten. Was für eine Zukunft haben wir?», fragt ein Student auf Twitter in einer Nachricht, die weit verbreitet wurde.

Heute Sonntag ist ein wichtiger Tag. Gestern Abend verkündete Regierungschef C. Y. Leung, dass die Blockaden bis Montagmorgen geräumt sein müssen. Dann entscheidet sich, wie sich China die Zukunft von Hongkong vorstellt, sollten die Strassen weiterhin besetzt sein. Die Zeitung der kommunistischen Partei hat in zwei Artikeln bereits vor Konsequenzen gedroht und eine ähnliche Sprache verwendet, wie vor dem Militäreinsatz 1989 rund um den Tiananmen-Platz.

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