Auf dem Campus der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in Dübendorf treffen wir den Direktor, Gian-Luca Bona. Ein Städtchen am Rand von Zürich scheint ein unpassender Ort für einen international anerkannten Physiker und Forschungs-Manager zu sein, der zuvor ein Top-Mann im US-Riesenkonzern IBM war. Doch Empa ist ein Fixpunkt in einem globalen Forschungsnetzwerk.

Herr Bona, für den US-Konzern IBM entwickelten Sie einen Laser für den Datenversand über grosse Distanzen mit. Heute leiten Sie eine Eidgenössische Anstalt, die Material prüft. Wie passt das zusammen?
Gian-Luca Bona: Das war einmal, die Empa hat sich massiv gewandelt. Heute prüfen und zertifizieren wir nur noch hochkomplexe Produkte. Alltäglicheres, wie das Testen einer neuen Tür auf Brandfestigkeit, wird zwar zum Teil immer noch hier in Dübendorf durchgeführt, doch meist von privaten Firmen oder Branchenorganisationen. Unsere Hauptaufgabe ist heute, Innovationen zu zünden und so weit voranzubringen, dass daraus neue Produkte entstehen können.

Wäre ein neuer Name fällig?
Ja, durchaus. Aber so steht es eben in den Verordnungen des Bundesrats. Leider bekomme ich nicht so einfach einen Bundesratsbeschluss, der das ändert (lacht). Ich habe auch keine 10 Millionen, um eine neue Marke zu lancieren. Zudem ist Empa ein positiv besetzter Begriff, er steht für Qualität.

Was tun Sie, damit auch die Öffentlichkeit den Wandel mitbekommt?
Guerilla-Marketing. Ich erzähle überall, dass wir Innovationen anstossen, indem wir private Unternehmen und akademische Forschung zusammenbringen. Darum haben wir Demonstrations- und Transferplattformen, wie Nest und Move, auf dem Gelände. Es geht darum, Forschung und deren volkswirtschaftlichen Wert sichtbar zu machen.

Sie arbeiten mit privaten Sponsoren. Macht diese Vermischung Sinn?
Absolut. Es ist genau der Weg, den wir hier in der Schweiz gehen müssen. Wir brauchen eine Sozialpartnerschaft. Stabile, liberale staatliche Strukturen, die eine Förderung zulassen, über den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) oder über die Kommission für Technologie und Innovation (KTI); private Stiftungen, die man in der Schweiz noch viel stärker ausbauen könnte; und grosse Forschungsabteilungen der privatwirtschaftlichen Konzerne.

Was ist mit den KMU?
KMU müssen wir in diese Partnerschaft einbinden, was manchmal nicht einfach ist. Aber so entstehen schöne Nischenprodukte und stille Stars, die Weltmarktführer sind. Verbessern können wir uns auch bei den Investitionen in Jungunternehmen. Da könnte unsere Finanzindustrie einen besseren Job machen und mehr Mut zeigen – dort würde eine Hochrisikostrategie sogar Sinn machen. Im Silicon Valley gibt es spezialisierte Investoren, die etwa nur in Speicher- oder Medtech-Firmen investieren. Bei uns fehlt das.

Warum?
Ich glaube, dass die technisch-wissenschaftliche Szene und die Finanzindustrie zu sehr auseinandergedriftet sind. Im Silicon Valley pflegen Hightech-Unternehmer, Wissenschaftler und Banker einen viel legereren Umgang.

Verkaufen sich die Wissenschaftler nicht auch schlecht?
Bestimmt. Wir in Europa hängen dem humboldtschen Bildungsideal nach, bei dem ein Wissenschaftler einsam im Elfenbeinturm vor sich hinbrütet. In den USA ist es gang und gäbe, dass ein Physikprofessor rausgeht und seine Idee in einem Start-up umsetzt.

Die Vernetzung könnte schwieriger werden. Die Hochschulen bangen um die Teilnahme am EU-Forschungsprogramm Horizon 2020. Was bedeutet das für die Empa?
Bei der Empa machen Mittel aus dem EU-Fördertopf etwa 10 Prozent des Budgets aus. Fallen diese Gelder weg, werden wir nicht nur weniger Austausch und Zusammenarbeit haben, sondern im Extremfall auch merklich weniger Fördermittel. Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass es so schlimm kommt. Auch vor Horizon 2020 haben die Schweiz und die EU Wege gefunden, zusammenzuarbeiten. Aber die einfachen Mechanismen, die wir jetzt haben, würden erschwert. Es gäbe mehr Bürokratie.

Wieso bringt der Wegfall eines EU-Programms mehr Bürokratie?
Die Horizon-2020-Projekte sind ganz einfach aufgebaut. Man schaut sich die Projekte mit einem Pool von internationalen Experten gemeinsam an und wählt aus. Fertig. Wenn die Schweiz und die EU die Projekte wieder separat finanzieren, muss man schauen, wer das Projekt bewilligt hat. Bei EU-initiierten Projekten muss ein Schweizer Forschungsteam anfragen: Können wir dazustossen, oder braucht es noch eine Evaluation von unserer Seite? Das führt zu langwierigeren Prozessen.

Welchen Einfluss hat der Brexit?
Unsere Verhandlungsposition wird noch viel schwieriger. Es ist heute schon so: Wenn wir in Brüssel mit Leuten von der Forschung sprechen, höre ich immer, dass man mit uns gerne zusammenarbeitet und uns weiterhin dabei haben will. Doch eine Stufe höher klingt es anders. Da heisst es: ‹Schauen wir mal, wie ihr die Masseneinwanderungsinitiative umsetzt und ob das mit unserem Recht kompatibel ist.› Nach dem Brexit wird die EU schauen, dass das UK keine Privilegien erhält. Dieses Powerplay wird sie uns gegenüber noch viel härter spielen. Wir sind eine kleine Volkswirtschaft, und wir haben uns zunehmend marginalisiert.

Aber Israel kann auch bei Horizon 2020 mitmachen. Wieso geht das dort und bei uns nicht?
Stimmt. Israel und zum Teil auch Taiwan haben einen Sonderstatus. Man muss aber sehen, dass dies nicht das Gleiche ist wie bei einer Vollmitgliedschaft. Ich hoffe, dass wir am Schluss wenigstens eine Teilassoziierung für die Schweiz aushandeln können. Damit könnte ich leben. Aber es wäre natürlich schade. Denn die Statistik zeigt klar, dass die Schweiz mehr Gelder aus dem EU-Topf erhält, als sie einzahlt. Den Brexit bedauere ich jedoch auch aus europäischer Sicht.

Warum?
Das Schlimmste, das uns ins Europa passieren kann, ist, dass wir uns global betrachtet an den Rand drängen lassen. Heute geht die Post immer stärker in Asien ab. Legen wir uns in Europa durch politische Querelen selbst lahm, werden wir das beim Lebensstandard spüren. Deshalb glaube ich, dass sich die Vernunft durchsetzen wird, auch wenn das vielleicht Wunschdenken ist.

Der chinesische Top-Down-Ansatz in der Innovation hat viele Bewunderer. Warum eigentlich?
Wenn es funktioniert, kann man so in kurzer Zeit erstaunlich viel bewegen. Aber es kann auch eine Investitionsruine entstehen. Dagegen sind wir hier besser geschützt, weil Projekte nur fortgesetzt werden, wenn sie Unterstützung aus der Privatwirtschaft erhalten. So hat man einen Markttest.

In China wird auch Forschung finanziert, bei der es länger bis zu kommerziellen Anwendungen dauert. Wie ist das bei uns?
In diesem Bereich haben wir eine Schwäche. Ich setze mich deshalb stark für das «Bridge»-Programm ein, das demnächst ins Parlament kommt. Eine Unterstützung der präkompetitiven Forschung würde uns erlauben, auch Projekte besser zu finanzieren, die drei oder vier Jahre brauchen bis zur Markteinführung.

Macht das nicht der Nationalfonds oder die KTI?
Nein. Der Nationalfonds hört mit seiner Arbeit auf, wenn die Grundlagen, etwa eines Materials, verstanden sind. Und die KTI setzt dort an, wo es einen fertigen Business-Case gibt. Aber viele Innovationen stecken irgendwo dazwischen: Es gibt etwas Neues, aber die Anwendung – sprich das marktfähige Produkt – ist noch nicht klar.

Da könnte der Staat mehr machen?
Nicht nur der Staat. Auch vermögende Private könnten sich mehr engagieren. Statt einen Eishockeyclub oder ein Kulturzentrum zu unterstützen, könnten sie Fonds aufstellen, die solche langwierigen Innovationsprojekte finanzieren würden. Nichts gegen Kultur und Sport, die sind auch auf Förderung angewiesen. Aber in der Innovation tun die Wohlhabenden in der Schweiz heute noch zu wenig.

Warum das?
Ich glaube, viele kennen die Möglichkeiten noch nicht, die sie hätten, um etwas für die Gesellschaft zu tun. Uns fehlt da die Tradition.

Können Sie eine Technologie nennen, bei der «Bridge» wichtig wäre?
Etwa der 3-D-Druck. Wir gehören heute zur Spitze. Aber wir könnten diese Chance verpassen, das ist meine Sorge. Es wäre nicht das erste Mal. Auch in der Software-Programmierung haben wir mit Pascal eine der ersten Programmiersprachen erfunden. Die weltweit führenden Software-Konzerne sind aber nicht in der Schweiz angesiedelt.

Warum könnte sich das beim 3-D-Druck wiederholen?
Es ist eben auch so eine Technologie, bei der es lange dauern kann, bis man damit Geld verdient. Ich kenne persönlich KMU, die seit fünf oder sechs Jahren investieren. Doch nun kommt der starke Franken dazwischen: Sie können diese Investitionen nicht mehr stemmen. Die aktuelle Produktion muss effizienter werden, für langfristige Projekte fehlt das Geld. So kann der starke Franken Innovationen verhindern.

Wie finanziert die Empa heute Innovationen, die lange brauchen?
Das ist eine Herausforderung. Für eine neue App oder Software findet sich ja schnell ein Käufer. Vielleicht wird man dabei sogar der nächste Marc Zuckerberg. In der Materialforschung dauert alles viel länger. Für unsere neuen Solarzellen haben wir sage und schreibe 18 Jahre gebraucht, um von den ersten Laborversuchen zum markttauglichen Produkt zu gelangen. Und Geld hat damit noch immer niemand verdient.

Wie hat das Projekt überlebt?
Solche Projekte starten wir häufig mit eigenem Geld. Später kommt vielleicht der Nationalfonds oder eben Horizon 2020 dazu. Letzten Endes ist das also staatliches Geld. Die wenigsten Unternehmen wagen sich früh an Projekte, aus denen vielleicht zehn Jahre später etwas Vorzeigbares herausspringt. Sind aber erst einmal Vorarbeiten geleistet, kommt idealerweise das Interesse aus der Privatwirtschaft. Sonst habe ich meine Arbeit nicht richtig gemacht und es ist kein Bedürfnis am Markt da.

Mit wem arbeiten Sie für die Solarzellen zusammen?
Mit Tata, einem indischen Mischkonzern, und einem privaten Sponsor aus der Schweiz, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Im 3-D-Druck arbeiten wir für ein Verfahren zur Herstellung von Schlüsselbeinen mit Trumpf und einer Start-up-Firma zusammen. Unser Beitrag ist vor allem die Entwicklung neuer Materialien, die man 3-D drucken kann.

So stellen Sie sich den Schweizer Weg in der Innovation vor?
Genau. Wobei man nicht glauben sollte, im Ausland würden alle Innovationen privatwirtschaftlich finanziert. Selbst im Silicon Valley finden Sie kaum Start-ups in der Materialwirtschaft. Weil diese lange Durststrecken nicht durchstehen. Daher fliessen auch in den USA staatliche Gelder in die Forschung – und zwar in noch grösserem Ausmasse als bei uns.

Als ordnungspolitisches Vorbild taugen die USA nicht?
Das superliberale US-Modell – das gibt es nicht. Auch wenn diese Vorstellung nicht aus den Köpfen zu bringen ist. Es gibt sogar ein Programm zur staatlichen Förderung von KMU. In die militärische Forschung fliessen in den USA enorme Mittel, und von dort wiederum gelangen viele Anwendungen in die Privatwirtschaft.

Kann der Staat nicht auch durch Steuererleichterungen helfen?
Doch, ich könnte mir das für Unternehmen vorstellen, die wirklich in langfristige Forschung investieren. Das würde wohl mehr helfen als so manches, was zurzeit in der Unternehmenssteuer-Reform vorgeschlagen wird.

Gibt es noch andere Wege?
Der Staat könnte ökologische Standards und Rahmenbedingungen vorgeben. Zum Beispiel könnte man bei einem Neubau nachweisen müssen, dass man den Einsatz erneuerbarer Energien geprüft hat. Welche Energieform dann konkret zum Zug käme – Solar, Wind oder Erdwärme –, hinge vom konkreten Gebäude und dessen Lage ab.

Haben Sie eine Vision für die Empa?
Wir wollen Innovationen in der Materialforschung anstossen und Start-ups helfen, erfolgreich zu sein. Schafft es auch nur jeder Zehnte, kann etwas entstehen, was Weltausstrahlung hat. Wir müssen wieder zurück zur Gründerzeitstimmung, als eine Sulzer oder eine ABB entstanden sind.

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