Rolf Knie (66) sitzt im Wintergarten seines Einfamilienhauses in St. Gallenkappel und nimmt einen Schluck Tee. Auf der nahen Wiese weidet eine Gruppe Kühe. Am Himmel zieht ein Storch seine Kreise. Irgendwo rattert ein Traktor. Landidylle.

Im Hintergrund geht die Wohnungstür auf: «Hallo Papi» – Gregory schaut für den Fototermin bei seinem Vater vorbei: «Hey Muppet», ruft Rolf. Der 37-jährige Sohn hat seinen Spitznamen quasi in die Wiege gelegt bekommen: «Weil er zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen ist und ein ausgesprochen hässliches Baby war», erklärt Rolf, «aber eigentlich ist jedes Neugeborene hässlich. Die eingebildete Schönheit der Babys ist sichtbar werdende Liebe der Eltern.»

Heute kann sich Gregory sehen lassen – nicht nur optisch. Seit kurzem trägt er die Alleinverantwortung über die Zirkusunternehmen Ohlala und Salto Natale. Er rekrutiert die Artisten, handelt die Verträge aus, plant das Programm, gibt den Shows sein Gesicht. Rolf, der mit seiner Kreativität und Inspiration am Ursprung des neuen Zirkus-Konzepts gestanden hatte, ist aus dem Scheinwerferlicht getreten – und hält sich ganz aus dem operativen Geschäft heraus. Dies probiert er zumindest glaubhaft zu versichern: «Ich wage es nicht einmal mehr, die Büroräumlichkeiten in Egg zu betreten. Sonst würde ich mir komisch vorkommen.» Ob dieser Worte kann Gregory ein Lächeln nicht verkneifen. Denn die väterliche Zurückhaltung hat ihre Grenzen: «Papi legt Wert darauf, dass er jeden Künstlervertrag mitunterzeichnet.» Für Rolf Knie ist dieser Prozess ein logischer Kontrollmechanismus: «Ich kann beurteilen, um was es bei Künstlerverpflichtungen geht. Würde der Finanzchef die Verträge unterschreiben, wäre das wenig sinnvoll.»

Auch im Firmen-Organigramm steht Rolf als Verwaltungsratspräsident der Salto Natale AG noch über seinem Sohn. Mit je 50 Prozent Aktienanteil sind die beiden finanziell aber gleichwertige Partner. Am 22. September startet in Dübendorf das Programm der Erotik-Show «Ohlala». Ende November steht die Premiere von «Salto Natale» auf dem Programm. Bisher war es für den Kunstmaler Knie ein Schritt zurück zu den eigenen Wurzeln. Nun hält er sich erstmals aus dem Tagesgeschäft heraus: «Das meine ich ernst», sagt er. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, präsentiert sein neustes Projekt – eine Galerie in St. Gallenkappel auf 800 m², in der ab Mitte September sein Gesamtwerk zu sehen ist – mit brandneuen Exponaten: «Bei meinen 2015er-Bildern bin ich bewusst wieder zu Zirkussujets zurückkehrt.»

Zirkus – das wird ein zentrales Element im Leben von Rolf Knie bleiben. Deshalb ist es für den Universalkünstler nur logisch, dass er seinem Sohn immer als Ratgeber zur Verfügung steht. Gregory weiss diese «Lebensversicherung» zu schätzen. «Es hat mir immer grossen Spass gemacht, gemeinsam mit meinem Vater Dinge zu realisieren.» Obwohl der Name Knie stets mehr Würde als Bürde war, beurteilt Gregory seine Situation differenziert: «Gelegentlich habe ich damit zu kämpfen, dass ich von vielen Menschen zuerst als Sohn des Vaters wahrgenommen werde. Es fällt vielen Leuten offenbar leichter, mich in eine Schublade zu stecken, als sich mit mir persönlich auseinanderzusetzen – zu akzeptieren, dass ich meine eigenen Ideen und Wertvorstellungen habe.» Die Konstellation birgt durchaus Konfliktpotenzial: «Obwohl mein Vater für diese Situation keine Verantwortung trägt, kann es gelegentlich zu Reibereien zwischen uns kommen. Ich will nicht der Sohn, sondern eine eigene Person sein.»

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