Herr Schwan, Roche baut am höchsten Turm der Schweiz. Haben Sie sich das Prestigebüro im obersten Stock schon gesichert?
Severin Schwan: Nein, ich behalte mein Büro im bestehenden Direktionsgebäude. Ich fühle mich hier wohl.

Sie wirken stets wie die Ruhe selbst. Werden Sie nie laut?
Es stimmt schon, ich bin eher der ruhigere Typ. Sie treffen hier bei Roche ganz unterschiedliche Charaktere: introvertierte und extrovertierte, ruhigere und lautere. Und alle können bei uns eine Karriere machen. Ich sehe das als Vorteil: Wenn Sie völlige Gleichförmigkeit haben, sind Sie vielleicht effizient. Aber das heisst nicht, dass Sie wirklich Neues schaffen.

Führen Sie Ihre Leute an der langen Leine?
Absolut. Das ist mein Stil, aber das ist auch charakteristisch für Roche. Wir sind dezentral organisiert und wollen, dass die Entscheide so nahe wie möglich bei den Leuten getroffen werden. Es braucht Freiräume. Wenn Sie den Leuten immer genau sagen, was sie tun sollen, dann bekommen Sie genau das, was sie verlangt haben. Aber Sie bekommen nichts Neues.

Sie halten sich stark zurück, wenn es um politische Fragen geht. Bei Novartis-Präsident Daniel Vasella ist geradezu die Lust zu spüren, zu provozieren. Er droht schon mal mit dem Abzug aus der Schweiz. Reizt es Sie nicht auch mal, auf die Pauke zu hauen?
Ich sehe dazu keine Notwendigkeit. Wir als Roche fühlen uns in der Schweiz sehr wohl und finden hier insgesamt gute Rahmenbedingungen vor. Natürlich gibt es Dinge, wo man unterschiedliche Ansichten hat. Aber etwas, das ich in der Schweiz zu schätzen gelernt habe, ist der lösungsorientierte Ansatz. Man kann Fragen direkt mit den Vertretern der Behörden und der Politik pragmatisch lösen. Da ist es besser, wenn man die Gesprächsatmosphäre nicht belastet, indem man einzelne Argumente über die Medien ausbreitet. Sonst läuft man Gefahr, in einer Sackgasse zu enden.

Sie sind erst 45. Können Sie sich vorstellen, Roche noch zwanzig Jahre lang zu führen?
Ja, absolut. Da gibt es noch so viel zu tun, da werden uns die Themen nicht ausgehen. Ich bin in der über 110-jährigen Geschichte von Roche erst der siebte Konzernchef. Das gibt dem Unternehmen Stabilität und fördert langfristiges Denken. Ich profitiere noch heute von weitsichtigen Entscheiden, die mein Vorgänger und mein Vorvorgänger getroffen haben.

Nun müssen Sie erst mal die Schuldenkrise überstehen. Wie gross ist der Umsatzrückgang von Roche in den hauptsächlich betroffenen Ländern?
In Europa ist der Umsatz leicht rückläufig. Das ist eine unmittelbare Konsequenz der Finanz- und Schuldenkrise, die sich negativ auf die Budgets für die Gesundheitsausgaben auswirkt. Wir kommen aber vergleichsweise glimpflich davon. Da wir auf hoch innovative Medikamente ausgerichtet sind, ist der Preisdruck bei uns geringer als bei anderen Unternehmen.

Das heisst, Sie halten sich in Ländern wie Griechenland besser als Ihre Konkurrenten?
Ja, das ist so.

Welche Auswirkungen hätte ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone auf die Pharmaindustrie?
Wenn Griechenland die Drachme wieder einführt, haben wir mit Sicherheit eine massive Abwertung und damit auch sehr niedrige Medikamentenpreise. Es ist unwahrscheinlich, dass Griechenland in so einer Krisensituation in der Lage wäre, unsere Preise wieder auf das alte Niveau zu erhöhen. Da aber verschiedene andere europäische Länder ihre Preise direkt an Griechenland koppeln, würde das einen Dominoeffekt auslösen, und wir könnten unser Geschäftsmodell nicht langfristig aufrechterhalten. Wir können dieses Spannungsverhältnis nur auflösen, indem wir unterschiedliche Preise innerhalb Europas zulassen.

Ähnlich, wie Sie es in den Schwellenländern machen.
Ja, da funktioniert das. Nehmen Sie mal die Impfstoffe oder die HIV-Medikamente. Diese werden in vielen ärmeren Gegenden der Welt praktisch zu den Produktionskosten abgegeben und im Gegenzug in den Industrieländern zu höheren Preisen verkauft. Das ist akzeptiert. Die Frage ist nun: Wie finden wir auch in Europa Modelle, die differenzierte Preise zulassen, wenn sich die Länder in ihrer Kaufkraft so unterschiedlich entwickeln? Wir wären dazu bereit. Das setzt aber voraus, dass die reicheren Länder sich nicht mehr an den Preisen dieser ärmeren Länder orientieren.

Was halten Sie von der Forderung von Oswald Grübel, die Kursuntergrenze von 1.20 aufzugeben?
Das überlasse ich gerne den Nationalökonomen. Aus unserer Sicht ist es sicher ein Standortvorteil, wenn der Euro nicht unter 1.20 fällt.

Roche propagiert die personalisierte Medizin. Aber diese bietet nur einen kleinen Überlebensvorteil. Mit Ihrem neuen Hautkrebs-Medikament Zelboraf leben die Patienten im Schnitt gerade mal dreieinhalb Monate länger als mit einer Chemotherapie. Warum sollen die Krankenkassen dafür zahlen?
Wir sind dann bei der Frage, was der Wert dieser Lebensverlängerung für den Patienten ist. Das muss letztlich die Gesellschaft entscheiden. Das kann ich nicht objektiv festlegen. Oder sagen
Sie mir: Was ist der Wert von einem Jahr Leben?

Was würden Sie sagen?
Ich würde sagen, das hängt von den jeweiligen Umständen ab. Wenn Sie Milliardär sind, dann sind Sie wahrscheinlich bereit, viel für ein Jahr zusätzliches Leben mit guter Qualität auszugeben. Wenn Sie überhaupt kein Geld haben, dann werden Sie weniger die Möglichkeit haben, das Geld für Medikamente auszugeben. Das einzige Land auf der Welt, das den Preis für ein Jahr Leben definiert hat, ist Grossbritannien mit 30 000 Pfund. Das ist ziemlich tief. Aber Sie können nicht objektiv sagen, das ist falsch oder richtig.

Trotzdem: Warum muss Zelboraf 163 000 Franken pro Patient und Jahr kosten? Das ist doch nicht nachvollziehbar.
Sie müssen sehen, dass bei Hautkrebs über Jahrzehnte überhaupt kein Fortschritt erzielt worden ist. Jetzt können wir zum ersten Mal gezielt in das Tumorwachstum eingreifen. Das ist ein echter medizinischer Durchbruch. Diese Innovation legt die Basis für viele neue Medikamente, die eine zusätzliche Lebensverlängerung bringen werden. Es ist, wie wenn Sie Amerika entdecken: Sie müssen erst mal über den Atlantik. Wenn das passiert ist, dann gibt es X Schiffe, die auslaufen. Das ist in unserer Industrie genau gleich.

Wie reagieren Sie, wenn so ein Durchbruch erfolgt? Machen Sie dann in Ihrem Büro einen Luftsprung?
Das nicht gerade. Aber wenn ein Entscheid ansteht, ob ein Medikament die letzte klinische Phase überstanden hat, dann wartet man schon sehr gespannt auf das E-Mail mit der Nachricht. Denn ein Ja bedeutet für Tausende Patienten, dass sie jetzt ein Medikament erhalten. Das sind dann die Momente, wo man weiss, wieso man jeden Tag zur Arbeit geht.

Vor anderthalb Jahren haben Sie den Abbau von 4800 Stellen gestartet. Ist ein neues Sparprogramm nötig, wenn Europa noch weiter in die Krise sinkt?
In der Form schliesse ich das aus. Aber es ist so, dass es ständig Bereiche gibt, wo Anpassungen erfolgen. Und das machen wir.

In Europa sind die Pharmaverkäufe rückläufig, die Post geht in Asien und Lateinamerika ab. Heisst das nicht automatisch, dass es in Europa weniger Arbeitsplätze geben wird?
Die Gewichte verschieben sich ganz klar. Die grossen Zuwächse an neuen Stellen sind in Asien und Lateinamerika. In China haben wir erst vor ein paar Jahren richtig begonnen, heute haben wir dort schon über 5000 Mitarbeiter. So wie ich das heute einschätze, gehe ich von einem stabilen Personalstand in Europa aus. Das gilt auch für die Schweiz. Aber der Druck in Europa ist natürlich der grösste.

Wann werden chinesische Pharmakonzerne fähig sein, die westliche Industrie mit patentgeschützten Medikamenten zu konkurrenzieren?
Das wird noch mindestens fünf bis zehn Jahre dauern. Die Chinesen sind unter Hochdruck am Forschen, aber sie haben noch keine wirklich innovativen Medikamente in der klinischen Entwicklung. Aber es ist keine Frage, dass es so weit kommen wird. Ich begrüsse das sehr. Wenn in China innovative Pharmaunternehmen erfolgreich sind, ist das auch gut für uns.

Wieso? Sie erhalten neue Konkurrenz.
Ja schon, aber wir können von der Innovation profitieren, durch Einlizenzierungen und Zusammenarbeitsverträge. Das machen wir auch. Das zweite ist: Wenn ein Land auf Innovation setzt, dann ist es bereit, für die Innovationen zu zahlen und Patente zu schützen. Also ich wünsche unseren chinesischen Konkurrenten viel Erfolg. Das ist letztlich im Interesse von Roche.

Im April sind Sie mit der feindlichen Übernahme der US-Genanalysefirma Illumina gescheitert. Haben Sie noch Interesse?
Das ist vom Tisch. Es gibt keine Gespräche.

Es wird kein neues, aufgebessertes Angebot von Ihnen geben?
Nein. Wir investieren in unsere eigenen Gensequenzierungs-Projekte. Wir haben schon eine Reihe von Partnerschaften und sind offen für weitere.

Wie hart war für Sie persönlich diese Niederlage?
Ich bin da völlig unemotional. Wir schauen uns immer wieder Zukaufsmöglichkeiten an, und nur ein Bruchteil davon wird umgesetzt. Das war in dem Fall nicht möglich, und das nehme ich ganz rational zur Kenntnis.

Planen Sie grössere Akquisitionen in diesem oder dem nächsten Jahr?
Wir beobachten laufend den Markt. Wir konzentrieren uns dabei auf kleinere und mittelgrosse Akquisitionen. Allein im Pharmabereich haben wir im letzten Jahr etwa fünfzig Transaktionen gemacht. Und genau in dem Stil wird es weitergehen. Wenn sich Möglichkeiten ergeben, werden wir die wahrnehmen.

Und grössere Akquisitionen in der Grössenordnung von Illumina?
Ich schliesse das nicht aus. Wenn es sich ergibt, werden wir so etwas wieder machen.

Die Pharmaindustrie hat auf die jüngste Preissenkungsrunde des Bundesrats kompromisslos reagiert. Wieso eigentlich? Mit dem festgelegten Wechselkurs von 1.29 ist die Industrie eigentlich gut bedient. Andere müssen mit 1.20 leben.
Es gibt da natürlich einen grossen Unterschied: Die anderen Branchen können ihre Preise frei festsetzen. Ich wäre durchaus für einen Systemwechsel hin zu einer freien Preissetzung zu haben. So wie in den USA.

Nun ist der Preis aber mal reguliert. Wieso soll die Pharma von einem künstlich hohen Wechselkurs profitieren?
Als der Auslandspreisvergleich eingeführt wurde, lag der Euro bei Fr. 1.50. Man einigte sich damals darauf, Preisanpassungen nur nach unten zu machen. Als Kompensation hat man sich darauf geeinigt, eine gewisse Bandbreite bei den Schwankungen einzubauen. Das heisst: Man geht nicht ganz runter, wenn der Wechselkurs sinkt, sondern behält eine gewisse Reserve. Damals haben sich Euro und Franken in einer engen Bandbreite bewegt. Inzwischen ist aber der Euro stark gesunken, und die Preise wurden nach unten angepasst. Streng wörtlich ausgelegt, entspricht das der damaligen Vereinbarung. Aber es entspricht nicht dem damals herrschenden Geist.

Was ist Ihr Alternativvorschlag?
Ein vernünftiger Ansatz wäre, die Kaufkraftparität als Wechselkurs anzuwenden.

Hand aufs Herz: Die Pharmaindustrie schreit nur so laut, weil die Schweizer Preise in vielen Ländern als Referenzpreise gelten. Wieso sollen die Schweizer Patienten für den Standort zahlen?
Es geht überhaupt nicht um die Subvention von irgendwelchen anderen Ländern. Sondern um den Nutzen, den die Medikamente für den Schweizer Patienten haben. Und der hängt auch von der Kaufkraft ab. Wenn Sie Patient in einem armen Land sind und überhaupt keine Mittel haben, dann ist der Nutzen für Sie ein anderer als in der Schweiz.

Können Sie verstehen, dass es die Pharmaindustrie wegen ihrer hohen Managerlöhne und schwindelerregenden Margen schwierig hat, ihre Position durchzusetzen?
Ich teile Ihren Eindruck nicht. Wenn Sie auf die Strasse gehen, werden sie viele Leute finden, die froh sind, dass die Schweizer Pharmaindustrie ganz an der Weltspitze ist, obwohl das Land so klein ist. Ich habe das Gefühl, dass die Schweizer wissen, was sie an der Pharmaindustrie haben. Sie sehen durchaus den Vorteil, den die Industrie dem Land bringt.

Die hohen Löhne sind auch bei Roche umstritten. Passen Sie die Vergütungspläne nach unten an?
Nein. Und lassen Sie mich auch festhalten, dass bei uns 99 Prozent der Aktionäre den Entschädigungsbericht gutgeheissen haben.

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