VON SACHA ERCOLANI

Der gelernte Krankenpfleger Michael von der Heide (38) vertritt die Schweiz am Eurovision Song Contest diesen Mai in Oslo. Das Schweizer Fernsehen (SF) wählte von der Heides Song «Il pleut de l’or» mit einer nationalen Jury aus über 60 Eingaben aus. Und nun soll es so richtig losgehen: Am Dienstag wird die CDSingle den Schweizer Radiostationen verschickt. Um zumindest einen nationalen Hit zu landen, müssen diese hinter dem Song stehen und ihn auch spielen – sprich auf die Playlist setzen.

Doch schon jetzt zeichnet sich ein kleines Fiasko ab. Andreas Meier (37), Musikchef von Radio 24, geht mit von der Heides Eurovision-Beitrag hart ins Gericht: «Im Radio-24-Musikprogramm kriegt dieser Song leider 0 Punkte! Wenn wir ihn spielen würden, müssten wir vorher zuerst noch 10 000 andere Titel berücksichtigen.» Die Radio-24-Hörerschaft erwarte die beste Musik. «Da hat ‹Il pleut de l’or› definitiv keinen Platz im Programm. Ich befürchte auch, dass die Schweiz damit in Oslo untergehen wird.»

Und auch bei Roger Schawinskis Radio 1 wird das Lied nicht auf die für den Künstler so wichtige Playlist gesetzt: «Eurovision hin oder her, es gibt einfach momentan zu viele Songs, die einiges besser sind. Daher ist es für uns kein Thema, von der Heides Beitrag ins Programm zu nehmen», so Musikchef Christian Stoob (40). «Sonntag» fragte bei vielen weiteren grossen Schweizer Privatradios nach, und überall klingt es ähnlich: «Il pleut de l’or» wird nicht regelmässig gespielt – der Song habe keinen Hit-Charakter! Peter Stutz, Musikchef von Radio Argovia: «Ich glaube nicht, dass die Schweiz mit diesem Song punktet. Ob wir ihn in die Playlist nehmen, werde ich noch entscheiden.»

Kassiert die Schweiz nach den Pleiten der letzten Jahre von DJ Bobo, Piero Esteriore oder den Lovebugs gar auch 2010 wieder eine Eurovision-Ohrfeige? «Wenn der Titel schon jetzt bei den Radios durchfällt, ist dies leider sehr gut möglich», befürchtet Fabio Hugel (65), Chef des Schweizer Grand Prix der Volksmusik. Er könne nicht verstehen, warum das Schweizer Fernsehen nicht eine Show produziere, wo die Leute für einen Titel wählen können – so wie es Stefan Raab in Deutschland derzeit auch macht. «So könnten die TV-Zuschauer entscheiden, wer uns am Eurovision Song Contest vertritt.»

Beim Schweizer Fernsehen hat man eine Erklärung für die interne Wahl: «Die Eurovision-Song-Contest-Vorausscheidungen von früher waren einerseits zuschauermässig nicht mehr befriedigend. Andererseits haben auch finanzielle Überlegungen dazu geführt, dass es keine eigentliche ‹Ausscheidungs-Show› mehr gibt», so SF-Sprecher Marco Meroni zu «Sonntag». «Grundsätzlich wäre eine solche Qualifikationsshow aber nach wie vor eine gute Möglichkeit, den Schweizer Teilnehmer zu ermitteln.»

Chris von Rohr, erfolgreicher Musikproduzent und Gründer der Band Krokus, hat wenig Verständnis für die derzeitigen Auswahlkriterien: «Irgendwann hab ich aufgehört zu hinterfragen, nach welchen Kriterien die Songs und Interpreten für diesen gaga Wettbewerb in der Schweiz ausgewählt werden», so der Musiker. «Klar ist für mich nur: Wer an diesem Polit-Contest mitmacht, steht entweder am Anfang oder am Ende seiner internationalen Karriere. Die meisten tun es, um in der Schweiz wieder mal kurz mit zero points im Gespräch zu sein. Na ja, dann mal gute Reise!»

Trotz Kritik und dem Radio-Boykott wird der Ostschweizer von der Heide nach Oslo fliegen und dort sein Bestes geben. «Bisher waren die Reaktionen auf den Song doch super», so seine PR-Sprecherin Claudia Boggio. «Er muss sich überhaupt nicht rechtfertigen. Michael gibt in Oslo alles und er bereitet sich intensiv darauf vor – denn dies war schon immer sein Bubentraum!»

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