«Putin wird einen neuen Krieg starten»

Warnt vor Expansionsgelüsten Russlands: Der britisch-amerikanische Geschäftsmann Bill Browder vor einer Weltkarte in seiner neuen Heimat London. Foto: Harry Borden/Contour by Getty Images

Warnt vor Expansionsgelüsten Russlands: Der britisch-amerikanische Geschäftsmann Bill Browder vor einer Weltkarte in seiner neuen Heimat London. Foto: Harry Borden/Contour by Getty Images

Dieser Mann weiss, wie Russlands Präsident tickt. Bill Browder (50) war einst der grösste ausländische Finanzinvestor des Landes. Heute ist er der Staatsfeind Nr. 1. Der Brite spricht über die Ukraine-Krise, seinen Kampf gegen den Kreml und darüber, warum er sich in der Schweiz nicht sicher fühlt.

Herr Browder, die vereinbarte Waffenruhe in der Ostukraine wurde diese Woche mehrmals gebrochen. Kann man Wladimir Putins Worten trauen?
Bill Browder: Ich habe in der Vergangenheit meine Erfahrungen mit Putin und dem Kreml gemacht. Dabei habe ich eines gelernt: Dieser Mann ist ein Lügner! Wenn es um Verhandlungen geht, ist er absolut unzuverlässig. Und Kompromisse geht er erst recht nicht ein. Lassen Sie sich nicht täuschen.

Was sind dann Putins wahre Motive für die Gespräche?
Er wollte das Momentum brechen, das sich im Westen entwickelt hatte. Die Stimmen, die Ukrainer mit Waffen zu unterstützen, wurden immer lauter. Die Friedensgespräche dienten einzig der Ablenkung.

Dann hat Putin sein Ziel erreicht?
Ja, aber er hat es auch einfach. Putin ist niemandem Rechenschaft schuldig. Er muss sich nicht vor einem Parlament erklären, und der Bevölkerung fühlt er sich schon gar nicht verpflichtet. Er macht, was er will. Es ist wie bei einem Pokerspiel. Putin blufft – und das mit ziemlich schlechten Karten. Er erhöht den Einsatz so lange, bis sich keiner mehr traut, ihn herauszufordern.

Sie bezweifeln, dass der russische Präsident – wie er sagt – nur seine Landsleute in der Ostukraine schützen will?
Darum geht es ihm sicher nicht. Den wahren Grund finden Sie auf dem Maidan in Kiew. Der ehemalige ukrainische Präsident Janukowitsch war doch quasi eine Miniversion von Putin. Und was ist passiert? Die Menschen haben ihn zum Teufel gejagt. Davor fürchtet sich Putin. Vor Tausenden Menschen, die auf dem Roten Platz seinen Rücktritt skandieren. Genau wie Janukowitsch ist Putin ein korrupter Dieb, der sein Volk bestiehlt.

Da spricht wohl auch viel Frust aus Ihnen. Putin hat 2007 Ihre millionenschwere Investmentgesellschaft liquidiert und Sie aus dem Land geworfen.
Hören Sie, das eine hat mit dem anderen doch nichts zu tun. Wenn es mir ums Geld gehen würde, dann könnte ich einfach wieder als Finanzinvestor arbeiten. Aber das will ich nicht. Die Menschen müssen erfahren, wie brutal das Putin-Regime gegen Kritiker vorgeht.

Trotzdem gibt es im Westen, besonders in Deutschland und der Schweiz, viele Menschen, die von Putin fasziniert sind. Wie erklären Sie sich das?
Also diese Menschen sollten mein neues Buch lesen (lacht). Danach haben sie bestimmt keine Sympathien mehr für ihn. Wie kann man mit einem solchen Menschen sympathisieren? Dieser Mann ist ein kaltblütiger Killer, der alle liquidiert, die ihm im Wege stehen.

Das klingt nicht, als hätte der Frieden in der Ostukraine eine Chance.
Nein, denn durch seine 24-Stunden-Propaganda hat Putin ganz Russland davon überzeugt, dass die Ukrainer Faschisten sind, die eine ethnische Säuberung wollen. Wie soll diese Propaganda rückgängig gemacht werden? Putin hat sich selbst in eine Ecke manövriert und sein einziger Weg raus ist der Krieg. Früher oder später will Putin nicht nur die Ostukraine einnehmen, sondern das ganze Land. Er wird einen neuen Krieg starten. Glauben Sie mir!

Was kann der Westen tun, damit Russland einlenkt?
Sanktionen sind wichtig, aber sie werden Putin niemals stoppen. Entscheidend ist, die Ukrainer mit Waffen auszustatten. Die Situation ist doch absurd. Russland ist auf dem Weg nach Europa. Keiner will sich Putin in den Weg stellen, ausser den Ukrainern. Sie sind willens, ihre eigenen jungen Männer für die Freiheit zu opfern. Anstatt nur zu diskutieren, sollten wir sie unterstützen und ihnen sämtliche Hilfe anbieten, die sie brauchen. Das gilt für die USA, Deutschland oder Frankreich.

Ist es nicht besser, auf Diplomatie als auf Gewalt zu setzen?
Die einzige Sprache, die Putin versteht, ist rohe Kraft. Die muss aber nicht zwingend in Gewalt ausarten. Aber man muss sie ihm androhen. Putin ist wie ein Schläger auf dem Schulhof, dem man Einhalt gebieten muss.

Sie schreiben als Vorwort zu Ihrem neuen Buch «Red Notice», dass Ihre Geschichte viele mächtige und gefährliche Männer verärgern wird. Haben Sie schon Drohungen erhalten?
Russland versucht seit Jahren, einen internationalen Haftbefehl bei Interpol gegen mich zu erwirken. Glücklicherweise ist der Kreml bisher gescheitert. Daneben wird mir mit dem Tod gedroht. Zuletzt habe ich ein eindeutiges SMS erhalten. Wie sich später herausstellte, kam die Nachricht vom russischen Geheimdienst. Es war ein Zitat aus dem Mafia-Film «Der Pate»: «Wenn uns die Geschichte eines gelehrt hat, dann, dass man jeden umbringen kann.»

Warum nehmen Sie dieses Risiko auf sich? Für Ihren verstorbenen Anwalt?
Ja, für Sergej Magnizki. Er war der mutigste Mann, den ich je getroffen habe. 2008 deckte er auf, dass russische Beamten den Staat um 230 Millionen Dollar betrogen haben. Kurz darauf wurde Magnizki von denselben Leuten festgenommen, die er zuvor beschuldigt hatte. Ein Jahr später war er tot. Er wurde von russischen Beamten im Gefängnis mit Gummiknüppeln zu Tode geprügelt. Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht, seine Mörder zur Rechenschaft zu ziehen.

Haben Sie Schuldgefühle wegen seines Todes?
Sehr grosse. Wenn er nicht für mich gearbeitet hätte, wäre er noch am Leben. Diese Schuld zerreisst mich fast jeden Tag.

Magnizki wurde 2013 postum der Prozess wegen Steuerhinterziehung gemacht und verurteilt. Welche Schlussfolgerung ziehen Sie daraus, dass man einem Toten den Prozess macht?
Dieses Urteil wird als einer der beschämendsten Momente in die russische Geschichte eingehen. Nicht einmal Stalin ist so tief gesunken. Putin ist der einzige westliche Führer, der in den vergangenen 1000 Jahren einem toten Mann den Prozess gemacht hat. Er versucht verzweifelt, den Ruf von Magnizki zu zerstören. Das zeigt, was Putin ist: ein erbärmlicher kleiner Mann.

Sie wurden gleichzeitig zu neun Jahren Haft verurteilt, dabei waren Sie in Russland einst der grösste Investor. Was ist passiert?
Ich habe das eherne Gesetz gebrochen, dass man nicht über Korruption spricht. Von Beginn an habe ich mich öffentlich gegen die Korruption gestellt und korrupte Geschäftsleute blossgestellt. Das ist in der Kultur des Putin-Regimes inakzeptabel. Deshalb hat Putin die Staatsmacht gegen mich gewandt, um mich zu stoppen und als Warnung an alle anderen, die meinem Beispiel folgen wollten. Glücklicherweise wurde ich nicht nach Sibirien verfrachtet, sondern 2005 nach London ausgewiesen.

Davor verdienten Sie als Finanzinvestor Millionen. Sie wuchsen in Chicago in einer Familie von amerikanischen Kommunisten auf. Zog Sie die Aussicht auf schnelles Geld nach Russland?
Wie alle Teenager rebellierte ich gegen meine Familie. Mein Grossvater war Generalsekretär der Kommunistischen Partei in den USA. Also dachte ich mir: Wenn mein Grossvater der grösste Kommunist in ganz Amerika ist, dann ziehe ich Anzug und Krawatte an und werde der grösste Kapitalist in ganz Russland (lacht). Es ging mir nicht ums Geld. Russland war ein Abenteuer, der neue Wilde Westen. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich es heute allerdings anders machen. Dann wäre Sergej Magnizki noch am Leben.

Ende 2012 erliessen die USA den sogenannten Magnizki-Act. Konten russischer Staatsbürger, die in den Tod Magnizkis verwickelt sein sollen, wurden eingefroren. 34 Personen stehen auf dieser Liste. Sollten es mehr sein?
Es sollten sehr viele mehr sein. Wir haben Beweise gegen 282 Personen gesammelt. Doch Obamas Strategie ist es offensichtlich, Putin zu beruhigen und keinen weiteren Streit zu riskieren. Deshalb ist es sehr schwierig, weitere Personen auf die Liste zu bringen.

Ähnlich schwierig dürfte es sein, die Europäischen Union von Ihrem Anliegen zu überzeugen. Sie scheinen mit der Liste auf taube Ohren zu stossen.
Das nicht, aber im Gegensatz zu den USA gibt es in Europa nicht nur ein Ohr, sondern Dutzende. Das macht die Gespräche mühsamer. Ich weiss allerdings, dass das EU-Parlament dem Anliegen gerne grünes Licht geben würde. Was die Europäische Union letztlich entscheidet, steht aber auf einem anderen Blatt. Europa kann sich kaum auf irgendetwas einigen.

Auch die Schweiz werden Sie wohl nicht überzeugen können.
Das wäre schade, denn wir versuchen es. Die Schweiz ist in dieser Frage extrem wichtig.

Sie schreiben von Konten der Credit Suisse, auf denen korrupte russische Beamten ihr Geld lagern sollen. Welche Rolle spielt die Schweiz im russischen System?
Die russischen Oligarchen und Kriminellen verschieben ihre Millionen gerne in die Schweiz. Deshalb gibt es nur eine sinnvolle Lösung: Die Banken dürfen kein Geld mehr von solchen Personen annehmen. Die Schweizer Regierung müsste Bankern, die Geld von korrupten Personen annehmen, den Prozess machen.

Glauben Sie, dass Putin einen Teil seines Geldes in der Schweiz lagert?
Wahrscheinlich nicht unter seinem Namen, aber er wird sein Vermögen über die Oligarchen horten, die ihm hörig sind. Er hat Unmengen an Geld in der Schweiz gelagert.

Sie sagen, Putin sei der reichste Mann der Welt. Worauf stützen Sie diese Aussage?
Auf meinem Wissen über das russische Finanzsystem. Putin handelt wie ein Mafiaboss. Er fordert von allen Leuten Geld ein und verdient bei jeder Transaktion mit. Wenn ich sage, dass Putin 200 Milliarden schwer ist, ist das noch konservativ geschätzt.

Ein Oligarch, der sich Putin widersetzte, lebt nun in der Schweiz. Haben Sie Kontakt zu Michail Chodorkowski?
Wir haben einige Male miteinander gesprochen. Uns vereint der Kampf gegen den Kreml. Sein Beispiel zeigt, wie Putin vorgeht. Als Chodorkowski glaubte, er könne sich mit ihm anlegen, hat Putin ihn verhaften lassen, vor Gericht in einen Käfig gesteckt und verurteilt. Putin wollte sagen: Seht her, das passiert euch reichen Oligarchen, wenn ihr euch mit mir anlegt.

Auch Sie haben applaudiert, als Chodorkowski 2003 verhaftet wurde.
Es stimmt, wir waren einst Gegner. Chodorkowski hat sich genauso unrechtmässig bereichert wie die meisten anderen Oligarchen – es traf also keinen Unschuldigen. Unsere Differenzen sind aber Kleinigkeiten im Hinblick auf unseren gemeinsamen Feind. Für die Dinge, die wir uns an den Kopf geworfen haben, haben wir uns mittlerweile entschuldigt.

Wäre die Schweiz auch eine mögliche Heimat für Sie?
Nein, ich fühle mich sehr viel sicherer in London, weil die britische Regierung geschworen hat, mich zu beschützen. Die Schweiz ist neutral. Ich weiss nicht, wie Ihre Regierung auf eine Auslieferungsbitte der Russen reagieren würde.

Sie haben sich Ihr halbes Leben mit Russland beschäftigt. Wo bewegt sich das Land in den kommenden Jahren hin?
Putin wird Russland in den Ruin treiben, bis es nur noch ein Schatten vergangener Tage ist. Es gibt zwei Möglichkeiten: Erstens das Nordkorea-Szenario, indem Putin das Internet sperrt, das Land abgrenzt und zerstört, nur um an der Macht zu bleiben. Oder es kommt zweitens zum Aufstand wie in der Ukraine, und die Menschen stürzen die Regierung. Auf jeden Fall wird Putin dem Westen in den kommenden Jahren noch sehr viele Sorgen bereiten.

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