Polo Hofer begrüsst uns am Eingang des Ateliers seiner Frau Alice (53) in Thun. Sie gestaltet Särge, im Atelier sind bunte, ja fast fröhlich wirkende Modelle ausgestellt. Hat sich Polo schon für einen Sarg entschieden? «Für mich ist eine Urne vorgesehen», sagt er und lacht, während uns seine Frau Tee und Kaffee anbietet.

Herr Hofer, Sie haben als Ort für dieses Interview das Sarg-Atelier vorgeschlagen. Was wollen Sie uns damit sagen?
Polo Hofer: Mir gefällt die Kombination in diesem Raum: Hier hängen meine Bilder – ich zeichne und male das Leben. Und dort drüben stehen die Särge – meine Frau zelebriert die Vergänglichkeit. Leben und Vergänglichkeit, das sind meine Themen.

Ihr neues Album ist Ihr letztes und heisst «Ändspurt». Endspurt bedeutet: Man leistet einen letzten Effort, um das Ziel zu erreichen. Welches Ziel?
Ich bin noch nicht am Ziel! Aber wenn Sie den Tod ansprechen: Dieses Thema habe ich schon in jungen Jahren aufgegriffen. «Wenn mys letschte Stündli schlaht» schrieb ich 1980. Warum, weiss ich auch nicht. Vielleicht, weil ich in meiner Kindheit etwa dreimal dem Teufel vom Karren fiel. Unfälle und so.

Ist Ihr Album der Abschied von Ihrer aktiven Karriere?
Abschied von was? Sicher nicht von der Musik, die wird mich ewig reinziehen, weil ich sie liebe. Aber es ist so: Ich werde jetzt nicht mehr auf Tournee gehen, keine Band mehr organisieren mit dem ganzen Drum und Dran. 2015 habe ich sicher in 40 verschiedenen Hotels übernachtet. Das ist mir verleidet. Ich will nichts mehr selber auf die Beine stellen. Doch ich bekomme viele Anfragen für Gast-Auftritte, die ich ab und zu annehmen werde.

Ein halber Rücktritt also?
Ich möchte weniger machen, und ich mache auch weniger. Ich wähle die interessantesten Anfragen als Gastsänger aus. Das reicht. Wenn mich eine gute Band als Gast will, dann juckt es mich und ich sage gelegentlich zu.

Zum Beispiel?
Bald trete ich mit Span auf. Oder, auch lustig: Meine Geburtsstätte Interlaken feiert heuer 125-Jahr-Jubiläum, da werde ich mich irgendwie beteiligen. Aber eben: Ich will mich beschränken. Auch, um mich auf das Zeichnen und Malen zu konzentrieren. (Zeigt auf die Wand)

Sind diese Bilder alle von Ihnen?
Ja. Ich weiss, bei den Motiven bin ich etwas einseitig. Fast alles blutte Frauen. Aber ich entwickle mich. Und es ist ja eine Rückkehr zu meinen beruflichen Wurzeln: Ich bin gelernter Handlithograf. Wahrscheinlich der letzte, der das noch lernte.

Und die Bilder verkaufen sich?
Die Auflage ist immer limitiert: Acht Stück, mehr nicht. Und ja, die Leute kaufen das. Es ist erstaunlich, wer alles etwas von mir will: Ich habe drei Angebote für eine 1.-August-Rede, Ihr kommt mich interviewen, und das TV will auch noch was ...

... Sie sind für den Titel «Schweizer des Jahres» nominiert, der nächsten Samstag vergeben wird.
Da muss ich gegen Wawrinka antreten. Das wird schwierig.

Der Award wird danach abgesetzt – Sie wären der letzte «Schweizer des Jahres».
Ganz verreckt. Obwohl, andere hätten diesen Titel eher verdient. Solche, die Gutes tun, die als Vorbilder dienen. Ich bin ein schlechtes Vorbild. Ich bin wohl nominiert, weil ich ein Überleber bin. In meiner Generation gibt es ja eigentlich nur Toni Vescoli und mich, die noch aktiv sind.

Vor vier Jahren waren Sie schwer erkrankt. Wie geht es Ihnen heute?
Gut! Gerade heute Morgen war ich in der Kontrolle. Der Doktor sagte mir: Es dauert noch ein Weilchen ...

Sind Sie wieder absolut gesund?
Nur der Puls ist etwas zu schnell. Aber das ist doch ein Zeichen, dass etwas läuft. 2015 gab ich sicher 60 Konzerte, jeweils zweieinhalb Stunden, und ich fühlte mich immer gut. Nie Schmerzen, nirgends. Das ist ein kleines Wunder, denn vor vier Jahren sah es schlecht aus. Die Bauchspeicheldrüse. Ich war sechs Wochen im Inselspital und dann zwei Monate in der Reha. Meine Frau dachte, jetzt macht er dann die Schraube. Und ich habe es manchmal auch gedacht. Aber es kam gut – auch dank der Musik.

Wenn Sie gesund bleiben möchten, dürfen Sie auf keinen Fall mit der Musik aufhören.
Genau. Die Musik stärkt mein Immunsystem.

Auf Ihrem neuen Album findet sich das Lied «Dä wo trinkt», eine Adaption eines Songs der Amerikanerin Mary Gauthier. Wie sehr ist das auch Ihr Text, Ihre Biografie?
Als ich Mary Gauthiers Text las und die Stimmung des Songs wahrnahm, da wusste ich: Das passt mir, damit kann ich mich identifizieren. Mary Gauthier gibt es ja quasi zu. Sie soff, hing an der Nadel. Auf ihren Song bin ich übrigens durch Bob Dylan gestossen, der ihn in seiner Radiosendung empfohlen hat.

In Gauthiers Text heisst es, schon ihr Vater habe getrunken. Trifft das auch auf Ihren Vater zu?
Mein Vater war ein Schluckspecht, ja. Aber ein lieber. Mit etwa 66 hatte er einen Herzinfarkt. Der Doktor sagte ihm dann: Jetzt musst du bremsen. Als er einmal mit uns Söhnen ausging, sagte er plötzlich: Meine Herren, würdet Ihr mir noch ein Dreierli erlauben? Natürlich taten wir das.

Wurde er alt?
Nein, mein Vater ertrank mit 73 im Meer, in den Ferien auf Mallorca.

Ärgert es Sie eigentlich, wenn man Sie auf das Thema Alkohol anspricht?
Nein. (Blickt zu seiner Frau) Gell Alice, ich bin nie betrunken!
Alice Hofer: Braucht es dazu meine Meinung wirklich?
Polo Hofer: Wir trinken nur gemeinsam. Wenn, dann Rotwein. Schon bei Rumpelstilz besang ich den Rotwein. Das war 1975.

Ist es erstrebenswert, alt zu werden?
Nein. In der Reha sah ich den Rollator-Parkplatz und dachte: Muss das sein?

Haben Sie eigentlich, seit Sie an einem seidenen Faden hingen, Ihre Lebenseinstellung geändert? Sind Sie religiöser geworden?
Im Gegenteil. Monotheistische Ideologien finde ich je länger, je lächerlicher. Man baut ganze Imperien gestützt auf Ideologien, die ihren Ursprung in einem Buch haben, das Menschen vor 2000 Jahren geschrieben haben – Quellen unklar. Ob Christentum, Islam oder Judentum: Es widerstrebt mir, wie diese Ideologien das selbstständige Denken einschränken.

Auf Ihrem neuen Album finden sich zwei Lieder mit Bezug zu Religion.
«Jesus het es Handy», heisst eines. Da spotte ich über die Freikirchen, die überhandgenommen haben. Ich wohne in einer Gegend, wo es wimmelt von Sekten. Wenn man ihre Internet-Seiten anschaut, hat man den Eindruck, man könne direkt mit dem Chef sprechen. Ich weiss, dieser Song wird mir noch Ärger bereiten.

Seit vier Jahrzehnten schaffen Sie, der Lebemann, es regelmässig an die Spitze der Hitparade. Wie erklären Sie sich das?
Ich mache es einfach wahnsinnig gern. Die künstlerische Freiheit ist schon reizvoll. Ich bin unabhängig, selbstbestimmt und muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Deshalb kann ich es mir auch erlauben, alles zu sagen.

Obwohl Sie kein Blatt vor den Mund nehmen und mit Ihrem Rebellentum anecken, sind Sie allseits populär. Die junge Generation Popsänger hingegen ist stromlinienförmig – kommt aber nie an Ihre Popularität heran.
Viele junge Sänger wie Trauffer, Stern, Ritschi und Florian Ast sind einseitig in den Themen. Bei ihnen geht es immer nur um Beziehungen und um Liebe. Und reimen können sie auch nicht. Kinderlyrik ist das!

Befragt man die jungen Sänger zur Politik, wehren sie ab und wollen nichts dazu sagen. Weshalb?
Sie sind nicht interessiert, informieren sich nicht. Eigentlich logisch: Wenn du Lieder für Zwanzigjährige schreibst, musst du nicht mit Politischem kommen. Aber wenn du mit 40 immer noch die Zielgruppe 20 anpeilst, statt die eigene Generation mit ihren Themen und Problemen, dann wird es doch lächerlich.

Sie haben immer auch Musik für Ihre eigene Generation gemacht.
Ich verstehe mich als Chronist, sowohl im Lokalen wie im Globalen. Die jungen Sänger sind keine Geschichten-Erzähler. Es fehlt am Storytelling!

Warum ist der Linke Polo Hofer auch in tiefsten SVP-Kreisen so beliebt? Wegen der Mundart und Songs wie «Alperose»?
Ich habe keine Berührungsängste. Neo-Politiker Roger Köppel sass auf diesem Sessel wie Sie. Mit SVP-Nationalrat Adrian Amstutz, der ganz in der Nähe wohnt, habe ich das Heu nicht auf derselben Bühne, aber ich spreche mit ihm. Tja, und meine Frau Alice wählt auch SVP.

Das gibt politische Spannung in Ihre Beziehung!
Wir haben viele Streitgespräche, und ich versuche sie umzupolen. Aber es ist mir noch nie gelungen. Mein Vater war in der BGB, der Vorgängerpartei der SVP. Ich dagegen bin eher links gestrickt. Wie wohl die meisten Künstler. Entscheidend ist dabei: Ich habe etwas zu sagen.

Nicht alle Künstler sind links. Chris von Rohr denkt sehr bürgerlich.
Das stimmt. Immerhin ist er einer der intelligenteren Rechtsrutscher. Er schreibt gut, ist originell und kreiert neue Wörter wie «dumpfgummi». Find ich super.

Welche Diagnose stellen Sie der Schweiz zur Jahreswende?
In Oberhofen, wo ich wohne, haben wir jetzt auch 30 Asylanten und das Volk reagiert prompt ambivalent. Es besteht die Gefahr, dass sich die Gesellschaft spaltet: Hier konservative Kräfte, die keine Veränderung und keine Fremden wollen. Da offene Kreise, die den Flüchtlingen wohlgesinnt sind und ihnen helfen wollen. Im schlimmsten Fall kann das sogar zu Gewaltausbrüchen führen. Mit dieser Situation sind alle europäischen Länder konfrontiert. Das macht es gefährlich. Umso wichtiger ist es, dass wir europäisch denken und den nationalen Egoismus hinter uns lassen.

Wünschen Sie sich eine offenere Schweiz?
Ich bin in Interlaken aufgewachsen. Dort gab es immer viele Fremde. Wir waren hinter den jugoslawischen Zimmermädchen her. Insofern ist das Fremde für mich nichts Neues und hatte sogar seinen Reiz. Aber ich sehe schon, dass die Gesellschaft an ihre Grenzen stossen kann. Ich bewundere Frau Merkel für ihren Optimismus, aber niemand weiss, wie es sich entwickelt.

Man nennt Sie «Polo national». Sind Sie ein Patriot?
Nein (bestimmt)! Ich würde nie eine Fahne vor mir hertragen. Schliesslich bin ich rein zufällig hier geboren. Aber es ist eine gute Umgebung, um aufzuwachsen. Wir haben viele Möglichkeiten und beste Voraussetzungen. Diese müssen wir bewahren – da bin ich schon konservativ. Wir müssen Sorge tragen zu unserer Natur. Dafür würde ich kämpfen! Der Kulturlandverlust ist obszön und Projekte wie jene mit der Jungfraubahn unsinnig. Da geht es nur um Rendite. Ich bin sehr wachstumskritisch.

Die Schweiz hat sich stark verändert. Und Sie selbst?
Meine Einstellungen und Überzeugungen sind immer noch dieselben. Ich habe den Eindruck, dass ich immer noch da stehe, wo ich schon als Hippie stand. Die Schweiz aber, die hat sich verschoben. Nach rechts.

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