VON SCHRIFTSTELLER ALEX CAPUS ALS «SONNTAG»-SONDERBERICHTERSTATTER

UBS-CEO Oswald Grübel machte am Mittwoch vor den Aktionären ein Gesicht wie Leonid Breschnew, und er klang auch so. Zwar sprach er mit grossem Ernst und einer Aufrichtigkeit, die ihm jedermann im Saal jederzeit abnahm; aber er sagte ausschliesslich Dinge, die Banker nun mal sagen, und er blieb in allem der herkömmlichen Banker-Doktrin treu. Grübel stellte hohe Gewinne in Aussicht, wollte freie Hand bei den Boni und Décharge für die Vergangenheit. Von Glasnost und Perestrojka war keine Rede.

Da erstaunt es nicht, dass die Aktionärsversammlung an einen Parteitag der KPdSU im Kreml erinnerte: Dasselbe vieltausendköpfige Fussvolk in einer seelenlosen Halle, davor leicht erhöht das Zentralkomitee hinter einer mit Mikrofonen bewehrten Barrikade, daneben ein Rednerpult für den grossen Vorsitzenden. Hier wie dort war das Fussvolk eigentlich der Souverän, hatte aber faktisch nichts zu sagen. Und hier wie dort brachten die Herren vom Zentralkomitee/Verwaltungsrat in Gestik und Mimik zum Ausdruck, dass sie das demokratische Ritual nicht sonderlich interessierte und sie lieber an ihre Arbeit zurückgekehrt wären.

Kniff man aber die Augen ein wenig zu, konnte man sich auch in einem Gottesdienst wähnen. Der Saal lag in kontemplativem Dämmerlicht und wurde diskret bewacht von Securitas-Leuten, die mit ihren Berets ein wenig an Schweizergardisten erinnerten. Die Aktionärsgemeinde schwieg andächtig und hielt viele Stunden auf spartanischen Sitzreihen still; vielleicht auch deshalb, weil die UBS nicht im katholischen Solothurn oder Luzern zu Hause ist, sondern in Basel und Zürich.

Hell erleuchtet war nur der Hauptaltar, an dem die Hohepriester des Kapitals ihre Predigten, ihre Rezitative und ihre Choräle hielten. Die Laien mussten sich mit einem tiefer gelegenen Seitenaltar begnügen, wo sie dann immerhin ihre Schandreden halten durften. Die Ministranten am linken Desk waren für die Wortmeldungen zuständig, jene am rechten Desk fürs Stimmenzählen. Als Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger die Stimme erhob, sprach er von Vertrauen, Dankbarkeit und Demut, aber auch davon, dass er sich «nicht ständig im Büssergewand präsentieren und für Vergangenes kritisieren lassen» wolle. Und dann bat er um Absolution für die Sünden seiner Vorgänger.

Das ist genau dieselbe Form der Vergangenheitsbewältigung, die auch die katholische Kirche pflegt. In der Affäre um Kindsmissbrauch leugnet und vergisst der Papst, solange es nur irgend geht, und seine Untergebenen vertuschen und verheimlichen, verharmlosen und verwedeln mit einer Unbelehrbarkeit, die den Volkszorn erst richtig weckt. Wenns hochkommt, bedauert die Kirche mal und bittet um Nachsicht und Verzeihen – muss dann aber zwanghaft umgehend darauf verweisen, dass Kindsmisshandlung nicht nur in der Kirche vorkommt, sondern noch viel öfter im Kreis der Familie.

Schlussstrich ziehen, Schwamm drüber, wir nicht, die anderen auch...das klingt ganz ähnlich wie bei der UBS, und auch die Sowjetunion verweigerte Reformen, bis es zu spät war. So laufen der Kirche die Gläubigen davon und der UBS fliesst nach wie vor Kapital ab, und man stellt sich die Frage, weshalb, um alles in der Welt, grosse Bankhäuser, Staaten und Glaubensgemeinschaften an ihren Dogmen und Tabus festhalten müssen bis zum drohenden Untergang.

Dabei würde es sich doch lohnen, Dogmen gelegentlich auf ihre Gültigkeit zu überprüfen. Wieso streben grosse, systemrelevante Banken schon wieder Eigenkapitalrenditen von 15 Prozent und mehr an, die nur mit grossem Risiko zu erreichen sind? Ist es denn wirklich auf alle Zeit in Stein gemeisselt, dass man Spitzenmanager mit obszönen Salären entlöhnen muss, um sie halten zu können? Der Arbeitsmarkt für diese Leute besteht in der Schweiz aus zwei Instituten: der UBS und der CS. Da muss es doch möglich sein, sich auf ein anständiges Lohnniveau zu verständigen. Schon im benachbarten Frankreich beziehen die Spitzenleute der Grossbanken zehnmal weniger Geld. Und arbeiten, sehr im Gegensatz zu ihren UBS-Kollegen, hoch profitabel.

Und ist es wirklich ausgemacht, dass in der freien Wirtschaft jede Verantwortlichkeitsklage aussichtslos ist, weil Dummheit nun mal nicht strafbar ist? Wenn man jeden achtzehnjährigen Autoraser wegen eventualvorsätzlicher Tötung ins Gefängnis stecken kann, weil er doch wissen musste, was für eine gefährliche Waffe ein Sportwagen sein kann – wieso sollten dann bestausgebildete und höchstbezahlte Bankfachleute sozusagen a priori schuldunfähig sein wie Unmündige, wenn sie wissentlich und willentlich Russisches Roulette mit Milliardenbeträgen spielen und ganze Volkswirtschaften an den Rand des Abgrunds treiben? Weshalb sollte es von vornherein absolut ausgeschlossen sein, ihnen wenigstens fahrlässige und eventualvorsätzliche ungetreue Geschäftsbesorgung nachzuweisen?

Jede Geschichte ist eine Geschichte von Prozessen. Aber es sind immer Menschen, die den Mut aufbringen, Denkverbote zu überwinden und überkommene Dogmen aufzubrechen. Als alt Bundesrat Kaspar Villiger vor einem Jahr Verwaltungsratspräsident der UBS wurde, konnte man hoffen, dass er der Gorbatschow der UBS sein würde; dass er als Nicht-Banker den betriebsblinden Bankleuten die notwendige Aussensicht vermitteln würde.

Nun macht es den Anschein, als hätte auch er sich den Dogmen der Branche unterworfen. Auch er verlangte freie Hand bei den Boni und Décharge für die Vergangenheit. Und als ihm der Souverän diese Absolution verweigerte, verkündete er in nur leicht verklausulierter Weise, dass das der UBS-Spitze egal sei und auf ihre Arbeit keinen Einfluss haben werde. Das hätte Villiger vielleicht denken, aber niemals sagen dürfen. Allein schon aus opportunistischer Schlauheit hätte er den Zerknirschten spielen müssen, der den Volksauftrag sehr, sehr ernst nimmt. Das hätten ihm seine Kommunikationsfachleute – falls es bei der UBS wirklich welche gibt – unbedingt erklären müssen.

Man kann Kaspar Villiger zugute- halten, dass er ein ehrlicher, aufrichtiger Mensch ist, der stets anständig seiner guten Sache dient; das hat er in seinen vierzehn Jahren als Bundesrat vielfach bewiesen. Auch der UBS dient er zweifellos nach bestem Wissen und Gewissen. Aber leider macht es den Anschein, als hätte er sich von seiner Herkunft als Politiker und mittelständischer Unternehmer verabschiedet und ganz der Banker-Dogmatik unterworfen.

Wäre es anders, würde er anders auftreten. Im Februar äusserte er in der «Arena» des Schweizer Fernsehens sein Bedauern darüber, dass seine Bank von den 40 Mio. Franken, die der Steuerstreit mit den USA den Bund gekostet hat, nur eine Million übernimmt; er persönlich hätte es lieber gesehen, wenn die UBS für die gesamten Kosten geradegestanden wäre.

Da hat er recht, das wäre besser gewesen, und die Steuerzahler hätten das geschätzt. Nur fragt man sich, wieso er als starker Chef die Zahlung nicht durchsetzen konnte. Das Argument, man habe die 39 Millionen nicht zahlen können, weil Bern sie nicht habe nehmen wollen, kann ja nicht ganz ernst gemeint sein.

Zu vermuten ist eher, dass auch hier die Banker-Dogmatik zum Tragen kommt. Wenn ein Banker vor der Wahl steht, 39 Millionen herzugeben oder zu behalten, wird er sie behalten. Ein politisch denkender Banker aber hätte geahnt, dass das gut investiertes Geld gewesen wäre, weil man damit Vertrauen erworben hätte.

Jetzt kommt die Politik – spät, aber immerhin – und will sich das Geld holen. Der Bundesrat hat diese Woche einen entsprechenden Bundesbeschluss entworfen. Es steht zu vermuten, dass die UBS unter Zwang die 39 Millionen doch noch bezahlen wird. Dann ist das Geld weg und das Vertrauen doch nicht zurückgekehrt.

Das ist nicht gut. Glasnost und Perestrojka sähen anders aus.

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