Die mit einem grossen Pflaster verdeckte Wunde oberhalb der Stirne sei absolut harmlos, «nicht der Rede wert», wiegelt Hans Erni beim Interview in seinem Atelier ab. Und auch die Tatsache, dass er seit einiger Zeit nur noch mithilfe zweier Stöcke gehen kann, stört ihn überhaupt nicht. «Solange mich meine Beine sicher trugen, hatte ich noch sehr gerne viel Sport getrieben, jetzt machen das halt meine Hüften nicht mehr mit», sagt der 105-Jährige, der noch immer keine Alterspflege in Anspruch nehmen muss und gemeinsam mit seiner Frau Doris (87) eine wunderschöne 50er-Jahre-Villa im Grünen bewohnt – Atelier mit grossen Fenster und Sicht auf viele Bäume inklusive. Erni: «Vieles an meinem Körper funktioniert ja noch hervorragend. Und von meiner Intelligenz ist auch erst wenig weggefallen!»

Schlimmer für Hans Erni wäre es, wenn er nicht mehr malen könnte, das wäre ein Stillstand, wie er selber sagt. «Ich muss ja schliesslich meine Familie ernähren», scherzt der gelernte Bauzeichner. Jeden Tag arbeitet Erni nach seinem Frühstück ab acht Uhr bis spät in den Nachmittag hinein. Mindestens acht Stunden am Tag, unterbrochen nur von einer kurzen Mittagspause. «Dabei spüre ich noch immer eine grosse Erfüllung. Jeder Mensch braucht doch eine Aufgabe, nur so bleibt die Lebenskraft.» Aber nicht nur durch die stetige Arbeit wird man 105 Jahre alt – Ernis Langlebigkeit hat auch andere Gründe: «Ich habe kaum Alkohol getrunken, nie geraucht, viel Sport getrieben, nie gefaulenzt und stets wenig gegessen.» Seine Schwester Maria habe so 107 Jahre gelebt.

Dass Hans Ernis Eltern im 2. Weltkrieg acht Kinder ernähren mussten und es lange meist nur Hafersuppe gab, ist dem international bekannten Maler, Grafiker und Bildhauer nahegegangen und bleibt ihm bis heute im Kopf: «Ein gesunder Mensch sollte nicht mehr als seinen Hunger stillen, alles andere ist unnatürlich, ja sogar verantwortungslos.»

Und welchen anderen Künstler bewundert Hans Erni selber? «Eindeutig Pablo Picasso, wir hatten uns in den 30er Jahren oft in Paris getroffen und wundervolle Stunden verbracht–- seine Arbeiten beeindrucken mich sehr.»

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