Vor zwei Jahren haben Sie uns im Interview gesagt, dass Sie für die Politik von US-Präsident Barack Obama Feuer und Flamme sind. Immer noch?
Donald S. Beyer, Jr.: Ja, ich bin völlig begeistert von dem, was er macht. Es ist lange her, dass wir einen Präsidenten hatten, der so viel erreicht hat wie Barack Obama. Denken Sie nur an seine Gesundheitsreform oder seine enormen Investitionen in erneuerbare Energien.

Die Gesundheitsreform droht rückgängig gemacht zu werden. Und das Gefangenenlager Guantánamo konnte er, anders als versprochen, nicht schliessen.
Guantánamo ist noch nicht geschlossen, aber das hat innenpolitische Gründe. Immerhin konnte die Zahl der Insassen von über 800 auf rund 100 reduziert werden. Und auch diese 100 haben Rechte, die sie vorher nicht hatten, zum Beispiel Zugang zu Anwälten. Der Präsident wollte sie in ein öffentliches Gefängnis in Illinois verlegen, aber der Kongress hat sich geweigert, Geld zu geben.

Viele Amerikaner sind enttäuscht von Präsident Obama.
Seine Popularität und die Erwartungen waren bei seiner Wahl enorm gross. Die Leute haben doch geglaubt, er könne auf Wasser gehen. Und jetzt zeigt sich einfach: Obama ist nicht der zweite Jesus Christus. Er ist ein Präsident, ein sehr praktischer, wenig ideologischer Präsident in einer Demokratie mit einer starken Opposition.

Obama wirbt im Wahlkampf mit der Tötung von Osama Bin Laden. Wird es am Schluss nicht die Wirtschaft sein, die die Wahl entscheidet?
Der Tod von Bin Laden wird eine kleine Hilfe sein. Aber entscheidend ist die Wirtschaftslage. Sie hat in der amerikanischen Politik fast immer eine weit grössere Rolle gespielt als die Aussenpolitik.

Die Arbeitslosenrate in den USA liegt bei 8 Prozent, die Schulden sind auf einem Rekordhoch.
Sie dürfen nicht vergessen: Bevor Barack Obama ins Amt kam, befand sich die Arbeitslosenrate auf dem Weg zu 15 Prozent. Nun ist sie bei 8,2 Prozent – auch dank der Rettung der Autoindustrie in Detroit. Wir hoffen, dass die Arbeitslosenrate zum Wahlzeitpunkt bei 7 Prozent liegen wird. Präsident Obama hat immer wieder gesagt: Dies sind Probleme, die nicht ein Präsident allein lösen kann. Sie sind über eine lange Zeit hin entstanden und man kann sie nicht einfach umkehren.

In Umfragen liegen Barack Obama und sein Herausforderer Mitt Romney fast gleichauf. Auf wen setzen Sie?
Tatsächlich ist der Ausgang der Wahl offen, wir leben in einer Demokratie. Aber David Plouffe, der schon 2008 Obamas Wahlkampf organisiert hat, sagt, es gebe viele Wege zu einem Sieg von Obama.

Was halten Sie von Mitt Romney?
Er ist jemand, der schon lange in der Politik ist. Persönlich kenne ich ihn nicht. Aber ich muss zugeben, dass ich enttäuscht bin von den Positionen, die man einnehmen muss, um die Nomination der Republikaner zu gewinnen. Es gibt doch jeden Grund anzunehmen, dass Romney ein moderater Gouverneur von Massachusetts war. Und trotzdem hat er sich selbst als hochgradig konservativ beschrieben.

Auch auf Druck der Tea Party.
Wahrscheinlich schon. Aber ich möchte die Tea Party nicht einfach verfluchen. Viele ihrer Anliegen sind durchaus legitim, das Defizit, die Arbeitslosigkeit. Die Frage ist, wie man diese Probleme angeht.

Die Wahlkämpfe in den USA sind geprägt von Negativkampagnen. Warum?
Das hat eine lange Tradition bei uns. Schon Thomas Jefferson und John Adams haben im Wahlkampf 1796 schreckliche Sachen übereinander gesagt, genauso wie wir es heute erleben. Die Wahlkämpfe in den USA sind verbal unerbittlich. Aber gerade weil sie so sind, sind die Machtübergaben immer friedlich verlaufen.

Haben die Wähler diese Miesmacherei nicht langsam satt?
Im Gegenteil. In North Carolina kamen vor etwa zehn Jahren die lokalen Zeitungen zusammen und beschlossen, dass sie einen sauberen Wahlkampf wollten. Sie haben ein Abkommen ausgearbeitet, das auch die Kandidaten unterzeichnet haben. Die haben dann während der ganzen Kampagne kein einziges schlechtes Wort übereinander gesagt. Und was ist passiert: Die Wahlbeteiligung war auf einem Rekordtief.

Trotzdem: Nirgends muss sich ein Politiker so sehr vor der Öffentlichkeit für eine Liebhaberin rechtfertigen oder dafür, wie er seinen Hund hält.
Das private Leben eines Politikers ist in den USA sehr wichtig. Roger Aisle, der ehemalige Berater von Ronald Reagan und Richard Nixon und heutige Präsident des Newssenders Fox, sagte einmal: Wenn die Wähler abstimmen, stellen sie sich zwei Fragen: Ist der Kandidat ein Leader, und ist er mir sympathisch? Bei beiden Fragen geht es eigentlich nur um die Persönlichkeit. Die Leute wählen nicht eine Ideologie, sondern die Person.

Obama kann im Jahr 2016 nicht mehr kandidieren. Können Sie sich vorstellen, dass dann Hillary Clinton – mit 68 Jahren – ins Rennen geht?
Absolut. Sie hat bisher einen fantastischen Job gemacht. Ich kann mich an keine andere Aussenministerin erinnern, die so hart gearbeitet hat wie sie oder die so angesehen war in der Welt. Ich denke, sie wäre eine tolle Präsidentin. Sie hat ja bereits angekündigt, dass sie nicht weitermacht nach dieser Wahl – egal, ob Präsident Obama gewinnt oder nicht. Ich hoffe, dass sie sich jetzt ein, zwei Jahre lang ausruht und sich erholt, damit sie dann ganz gesund und bereit ist, eventuell zu kandidieren.

Wäre Amerika bereit für eine Frau im Oval Office?
Hillary Clinton ist eine sehr respektierte Amerikanerin. Ich weiss nicht, ob sie kandidieren möchte, aber falls sie es tut, dann werde ich sie voller Enthusiasmus unterstützen. Viele Demokraten haben schon von einem Zweierticket Barack Obama / Hillary Clinton geträumt. Dieses Ticket würde mit 70 Prozent gewählt!

Wie würden Sie die heutigen Beziehungen zwischen den USA und der Schweiz beschreiben?
Sie sind sehr gut, vor allem seit der Wahl Barack Obamas. Er ist viel populärer als frühere US-Präsidenten. Das unterstreichen auch die Zahlen: Im letzten Jahr haben 470 000 Schweizer die USA besucht. Die Schweiz war 2010 unser grösster ausländischer Investor und die USA waren für die Schweiz das siebtgrösste Importland. Es gibt enorm starke Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern – aber momentan halt einfach diesen einen Stolperstein, die Steuerfrage.

Präsident Obama greift zurzeit Mitt Romney in einem Wahlvideo an, weil er ein Schweizer Bankkonto hatte.
Wahrnehmungen ändern sich nur langsam. In jedem Agentenfilm und Spionageroman hat der Agent oder der Bösewicht ein Konto in der Schweiz. Auch zuletzt in «The Bourne Identity» mit Matt Damon. Wohin geht er als Erstes? Nach Zürich! Aber das hat ja auch etwas Positives: 96 Prozent der Amerikaner vertrauen den Schweizer Banken. Der Erfolg des Schweizer Finanzplatzes basiert auf der sehr alten, etablierten Demokratie, der starken Währung, dem Frieden, der Neutralität und der stabilen Regierung. Die Schweiz ist ein guter Ort, um sein Geld aufzubewahren – Bankgeheimnis hin oder her.

Ist die Steuerstreit-Diskussion Ihre bisher grösste Herausforderung als Botschafter?
Ja. Es ist enorm schwierig, hier zu einer Einigung zu gelangen. Vor allem, weil es so viele Missverständnisse gibt.

Zum Beispiel?
Viele Schweizer Bankenvertreter haben mir gesagt, dass sie Angst hätte, in die USA zu reisen. Weil sie dann festgehalten werden könnten.

Die Angst ist nicht gerechtfertigt?
Nicht wirklich. Es gibt zigtausend Banker in der Schweiz, und nur ganz wenige wurden tatsächlich festgehalten. Die Wahrscheinlichkeit für einen Schweizer Banker, in den USA verhaftet zu werden, ist also sehr, sehr klein. Aber irgendwie müssen wir durch diese Phase. Ich möchte nicht, dass Angst zwischen Freunden herrscht.

Was ist das grösste Missverständnis im Steuerstreit?
Ich denke, die Schweizer nehmen diese Diskussion etwas zu persönlich. Sie haben das Gefühl, Amerika wolle eine Schweizer Tradition attackieren. Aus unserer Sicht geht es aber um etwas völlig anderes. Uns geht es um Amerikaner, die in Miami, Kansas City oder New York wohnen und arbeiten und amerikanisches Recht brechen, indem sie ihr Geld verstecken bei Banken auf den Cayman Islands, in Singapur oder eben in der Schweiz. Diese Amerikaner zahlen zu Unrecht keine Steuern. Dafür möchten wir sie zur Rechenschaft ziehen.

Das Visa-Waiver-Programm steht für die Schweiz auf der Kippe, weil die USA neue Verträge zum Austausch von Informationen über Terrorverdächtige mit der Schweiz verlangen. Müssen bald alle Schweizer USA-Touristen ein Visum beantragen?
Ich hoffe es nicht. Mehr als 20 Länder haben das Abkommen bereits unterschrieben. Die Schweiz hat noch bis Ende Juni Zeit. Was oft vergessen geht: Es ist ein gegenseitiger Austausch. Unsere Datenbank ist 40-mal grösser als jene der Schweiz. Die Schweiz würde also davon profitieren. Es ist nun mal Fakt, dass die meisten der 19 Flugzeugentführer am 11. September 2011 durch das Visa-Waiver-Programm in die USA kamen. Um das Programm zu retten, brauchen wir bessere Informationen über potenzielle Terroristen aus der ganzen Welt. Eine der wichtigsten Botschaften von Präsident Obama ist: Wir Amerikaner können das nicht alleine schaffen.

Das klang unter George W. Bush noch anders.
Die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, enden nicht an irgendwelchen Landesgrenzen. Wir möchten nicht mehr das Amerika sein, das sagt, wir sind die einzige Supermacht und wir können das auf eigene Faust. Wir haben deshalb in der Vergangenheit viel in neue Partnerschaften investiert. Hier auf der Botschaft in Bern sind zwei FBI-Agenten angestellt. Sie arbeiten täglich eng mit den Schweizer Vollzugsbehörden, mit dem Fedpol, und anderen Abteilungen zusammen.

Die Schweiz hat in der Vergangenheit die USA diplomatisch oft vertreten, im Iran, bei Verhandlungen zwischen Armenien und der Türkei ...
... in Georgien und Russland, Israel und Palästina. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Die Schweiz ist der erste Ansprechpartner der USA, wenn wir mit internationalen Problemen konfrontiert sind und es darum geht, eine Lösung zu verhandeln.

Weshalb wird die Schweiz als Vermittlungspartnerin so geschätzt?
Die langjährige Tradition der Neutralität gibt ihr die nötige Glaubwürdigkeit. Kommt hinzu, dass die Schweizer sehr gute und hartnäckige Verhandler sind.

Wie lange bleiben Sie in der Schweiz?
So lange wie möglich. Ich gehe erst, wenn der Brief kommt, in dem steht: «Komm nach Hause!» (lacht) Wenn Präsident Obama gewinnt, gehe ich davon aus, dass er gegen Ende 2013 einen neuen Botschafter ernennen wird. Sollte Mitt Romney gewinnen, wäre das wahrscheinlich schon im Frühling 2013 der Fall.

Behalten Sie Ihr Credit-SuisseBankkonto, wenn Sie in die USA zurückkehren?
Hmm, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Mal schauen, was die Bank dann meint. (lacht) Aber meine Frau und ich sind uns einig, dass wir mit der Schweiz für immer verbunden bleiben. Wir möchten jeweils für einen Monat im Sommer und im Winter in die Schweiz kommen. Vielleicht kaufen oder mieten wir dann ein Haus. Wir haben mittlerweile viele Freunde hier. Im Sommer würden wir in Zermatt wandern gehen, im Winter Ski fahren in Adelboden. Zudem sind wir eng mit Claude Nobs, dem Gründer des Montreux Jazz Festival, befreundet. Ich habe es auch genossen, die Entwicklung des Zürcher Filmfestivals zu beobachten.

Wirklich jede Entwicklung?
Sie spielen auf die Polanski-Affäre an. Jemand von der Organisation hat mir gesagt, das Festival sei dank dieser Geschichte in der Welt nun viel bekannter. Das war nicht das Ziel der USA, aber ich freue mich für das Festival.

Angenommen Sie verlassen die Schweiz 2013: Was möchten Sie bis dann in der Schweiz noch erreichen?
Am wichtigsten ist eine Lösung im Steuerstreit, hoffentlich noch bis Ende Jahr. Dann möchten wir die Visa-Waiver-Diskussion abschliessen. Und beim dritten Punkt geht es um minderjährige Prostituierte. In der Schweiz ist Prostitution ab 16 Jahren legal. Gemäss internationalen Normen gilt dies jedoch als Menschenhandel. Kein 16-jähriges Mädchen lässt sich freiwillig prostituieren. Die Schweiz hat diesen Missstand erkannt und wir hoffen sehr, dass der Bund bis Ende Jahr das Prostitutionsalter auf 18 Jahre hinaufsetzt.

Weshalb ist Ihnen dieses Thema ein so grosses Anliegen?
Hillary Clinton hat erreicht, dass jeder US-Botschafter seiner Regierung über den Menschenhandel im jeweiligen Land berichten muss. Und während die Schweiz in fast allen Bereichen ein Musterschüler ist, hat das Land in diesem Bereich einen Flecken im Reinheft.

Wann kommt eigentlich Präsident Obama in die Schweiz?
Ich hatte schon sehr viele Gespräche im Weissen Haus über einen Besuch des Präsidenten. Aber er kommt dieses Jahr nicht nach Europa. Er wird in einigen Tagen Aussenminister Didier Burkhalter in Chicago an der Nato-Konferenz treffen. Falls Präsident Obama die Wahl gewinnt, hoffe ich natürlich, dass wir unsere Anfrage erneuern können.

Die Schweizer würden sich bestimmt freuen.
Auf jeden Fall. Laut einer Studie hat er in der Schweiz eine Zustimmungsrate von 90 Prozent. Meine Frau Megan hat mit ihm kürzlich an einer Spendengala in Washington D. C. gesprochen und ihm gesagt, dass 90 Prozent der Schweizer ihn wählen würden. Er lachte und sagte: 90 Prozent? Ich wünsche, ich könnte in der Schweiz kandidieren! (lacht)

Donald S. Beyer Jr. (61) wurde im italienischen Triest als Sohn eines amerikanischen Armeeoffiziers geboren und wuchs in Washington D. C. auf. In den 90er-Jahren war Beyer als Vertreter der Demokratischen Partei acht Jahre lang Vizegouverneur von Virginia. Im Sommer 2009 ernannte ihn Barack Obama zum US-Botschafter für die Schweiz und Liechtenstein. Zuvor hatte sich der studierte Ökonom und Inhaber einer Autohandelsgruppe stark für die Wahlkampagne Obamas engagiert und eine halbe Million Dollar für ihn gesammelt. Donald S. Beyer Jr. lebt mit seiner Frau Megan und den beiden Töchtern in Bern. Zudem hat Beyer zwei erwachsene Kinder aus erster Ehe.

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