Lauriane Sallin freut sich, als sie hört, dass wir mit ihr über Politik sprechen wollen. Die 22-Jährige hat sich in ihren ersten drei Monaten als Miss Schweiz bereits mehrmals als intelligente Gesprächspartnerin erwiesen. Mit einer schnellen Handbewegung wirft sie sich die pechschwarzen Haare über die Schulter, geht in die Küche und setzt einen Topf heisses Wasser auf, um ihren hausgemachten Zimttee mit Anis zu kochen. Im engen Haus ihrer Eltern im Dorf Belfaux im Kanton Freiburg, wo Sallin aufgewachsen ist und noch immer wohnt, wirkt sie neben der bodenständigen Einrichtung viel zu glamourös in ihrem blassrosa Spitzenkleid, den schwarz geschminkten Augen und den dunkelvioletten Lippen.

Lauriane Sallin, bei der Durchsetzungsinitiative legten Sie ein Nein in die Urne. Warum?
Lauriane Sallin: Ich habe zum ersten Mal das gesamte Abstimmungsbüchlein vom Anfang bis zum Ende durchgelesen. Etwas an der Initiative stört mich besonders: Dass Ausländer automatisch ausgeschafft werden können. Dieser Automatismus führt dazu, dass das Urteil nicht mehr den Richtern überlassen wird. Das finde ich problematisch.

Bei den Politikern kommen Sie gut an. Moritz Leuenberger und Alain Berset haben Sie bereits kennen gelernt. Nun fliegen Sie mit Johann Schneider-Ammann an die Olympischen Spiele nach Rio. Wie ist das für Sie?
Eine gute Möglichkeit, mit solchen Leuten in Kontakt zu kommen. Als Miss Schweiz stehe ich in einer speziellen Beziehung zu den Politikern. Ich kann ihnen alle Fragen stellen. Es ist wegen meines Titels. Niemand fürchtet sich vor einer Miss.

Wie reagieren die Politiker auf Sie?
Wenn ich als Studentin dieselben Fragen stellen würde, würden sie mich wohl abwimmeln. Als Miss Schweiz kann ich fragen, wieso sie eine gewisse politische Entscheidung getroffen haben, und sie antworten mir immer.

Und? Haben sie Ihnen ein Geheimnis verraten?
Non, non! Ich habe eher offene Fragen gestellt. Zum Beispiel, ob sie eine Veränderung der Gesellschaft überhaupt für möglich halten. Mit mir konnten sie ganz entspannt diskutieren und mussten sich nicht verstellen. Die Miss Schweiz existiert in der Politik nicht wirklich oder tangiert die Politik nicht, also können sie mir gegenüber völlig offen sein.

Sie bezeichnen sich als Anarchistin. Wie meinen Sie das?
Wenn ich mir vorstelle, was für mich die beste Form eines Zusammenlebens wäre, dann wäre das der Anarchismus. Das heisst nicht Chaos und Zerstörung. Anarchismus bedeutet, dass es über dir keine Leute gibt, die sagen, was du tun musst. Keine Hierarchien. Im Anarchismus sind die Menschen für sich selbst verantwortlich und tun die Dinge, weil sie es gut für sich, aber auch gut für die anderen finden. Maximale Verantwortung jedes Einzelnen. Das ist Anarchie für mich.

Ist so etwas umsetzbar?
Ich dachte schon, dass diese Frage kommt. Es ist für mich eine Utopie, ein Traum. Trotzdem versuche ich, sie zu leben, so gut es geht. Ich versuche alles zu hinterfragen, sage, wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin, und mache nicht mit, wenn etwas für mich nicht Sinn macht.

Was kritisieren Sie an der Schweiz, wie sie heute ist?
Unser grosses Bedürfnis nach der absoluten Sicherheit zum Beispiel. Wir schliessen Versicherungen ab und erschrecken, wenn dann doch einmal etwas schiefläuft. Es gibt Dinge, die wir nicht kontrollieren können. Den Tod zum Beispiel. Das habe ich erfahren müssen, als meine Schwester letztes Jahr an Krebs gestorben ist. Doch die Schweizer oder auch die Europäer generell denken, für alles gebe es eine Sicherheit, alles sei kontrollierbar, und so, wie wir es machen, sei es immer richtig.

Aber wegen zu vieler Versicherungen wird man doch nicht Anarchistin!
Ein anderes Beispiel. Mein Bruder, mein Vater und mein Freund arbeiten alle auf dem Bau. An der Universität höre ich manchmal, wie die Leute schlecht über die einfachen Berufe sprechen. Es gehe auf den Bau, wer nicht genug intelligent sei. Heute will niemand mehr eine Lehre machen, die Eltern schicken ihre Kinder ins Gymnasium und auf die Universität.

Ist das schlecht?
Die Lehrberufe werden damit abgewertet. Es ist wichtig, alle Leute in einer Gesellschaft einzubeziehen und als wichtig anzuerkennen. Gerade jetzt, mit dieser Abstimmung zur Durchsetzungsinitiative. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir seit vielen Jahren von den Arbeiten der Ausländer profitieren. Sie sind nicht schlechter, weil sie einfache Arbeiten machen. Anarchie bedeutet für mich auch, dass alle Leute in einer Gruppe gleich wichtig sind.

Die Anarchisten lehnen Religion ab, sie sagen: «ni dieu ni maître». Sie aber sind religiös. Wie geht das zusammen?
Der Satz stammt aus einer Zeit, als die Religion in der Gesellschaft fundamental wichtig war. Glaubt heute jemand nicht an Gott, interessiert das die meisten herzlich wenig. Früher war die Beziehung zu Gott auf eine einzige Weise möglich, alles andere galt als falsch. Heute geht es für mich gut zusammen, Anarchistin zu sein und an Gott zu glauben.

Wie religiös sind Sie?
Meine Familie ist religiös, aber die Religion war bei uns immer freiwillig. Eine Zeit lang, als ich zwischen 16 und 18 Jahre alt war, wusste ich nicht, ob ich an Gott glaube oder nicht. Als meine Schwester krank war, realisierte ich etwas. Es war sehr schlimm, und wir konnten nichts mehr für sie tun. Nur noch etwas war möglich: da zu sein. Und das war extrem wichtig. Ich war da. Für meine Familie. Mutig, stolz und stark.

Religion ist für Sie also mehr etwas Spirituelles.
Ja. Als meine Schwester starb, merkte ich, dass einzig meine Präsenz und Liebe helfen konnte. Und genau das ist es, worauf es bei der Religion ankommt. Auf die Liebe, die du einer Person geben musst. Trotzdem bin ich mit vielem, das in der Bibel steht, nicht einverstanden. Zum Beispiel, was die Rollenbilder der Frau anbelangt.

Sie bezeichnen sich als Feministin.
Als ich in der Phase zwischen Kind und Frau war, realisierte ich, dass es manchmal ein Nachteil ist, eine Frau zu sein.

In welchen Situationen haben Sie das gemerkt?
Wenn es um die Berufswahl ging zum Beispiel. Von bestimmten Berufen hat man mir abgeraten, weil ich eine Frau sei und das nicht zu mir passen würde. Frauen werden gewisse Eigenschaften zugeschrieben, wie beispielsweise dass sie fürsorglich, liebevoll und geduldig sind. So etwas nervt mich.

In der Schweiz haben Frauen und Männer dieselben Rechte. Braucht es den Feminismus noch?
Es gab einen speziellen Moment in meinem Leben, der mich sehr erschüttert hat. Ich arbeitete als Kellnerin im Restaurant und polierte gerade die Gläser. Ein Gast fragte mich, was ich nach dem Gymnasium machen wolle. Ich sagte, ich wolle an die Uni. Er verstand nicht, warum ich mit so einem Körper studieren wolle, ich solle besser einen reichen Mann heiraten. Es stimmte mich traurig, dass es immer noch Leute gibt, die so denken. Darum bin ich der Meinung, dass es bei der Gleichberechtigung einige Dinge gibt, die wir noch besser machen können.

Als Feministin wehren Sie sich gegen Schönheitsideale, die den Frauen von der Gesellschaft aufgedrückt werden. Sie verehren Frida Kahlo, die stolz auf ihren Damenbart war. Die Miss- Schweiz-Wahl transportiert eine ganz andere Message. Wie bringen Sie Feminismus und Miss Schweiz unter einen Hut?
Ich bin nicht sicher, ob ich dem Mainstream-Schönheitsideal entspreche. Zumindest nicht dem Schweizer Schönheitsideal. Meine Haare und Augen sind schwarz, das ist nicht typisch für die Schweiz. Schon meine Grossmutter hatte ein Auge für Schönheit. Ihre Devise war: Man ist schön, wenn man die Kleider trägt, die man mag, und sich selbst schön findet. Das Ideal der Modeindustrie ist im Moment sehr dünn. Ich bin zu klein und zu breit, um ein Top-Model zu sein.

Feministinnen protestierten gegen die Miss-Schweiz-Wahlen. Was sagen Sie diesen Leuten?
Ich verstehe den Protest. Ich habe mir die Transparente der Demonstranten angesehen. Leider haben diese Leute Vorurteile gegenüber der Miss-Wahl. Sie sagen, alle Kandidatinnen sähen gleich aus. Aber das stimmt nicht. Vielleicht ist gerade die Miss-Schweiz-Wahl ein Ort, wo man sehen kann, dass Frauen sehr verschieden sein können.

Wurden Sie schon einmal für Ihr Äusseres kritisiert? Gab es etwa Sponsoren, die Ihr Äusseres verändern wollten?
Meine Haare sind sehr lang. Die Miss-Schweiz-Organisation hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, sie zu schneiden. Ich sagte nein. Für mich sind sie ein Markenzeichen. Die Harmonie ist mir sehr wichtig. Mein Stil käme durcheinander, wenn ich sie schneiden würde. Schliesslich haben sie es akzeptiert.

Was denken Sie über den Magerwahn im Modelbusiness?
Eine französische Journalistin hat geschrieben, dass die Models früher mehr Kurven und auch mehr Charakter hatten. Die Journalisten seien wegen der Models gekommen und nicht wegen der Kleider. Heute ist das umgekehrt. Die Models werden immer dünner und verschwinden in den Kleidern. Die Mode steht im Vordergrund, aber der Preis sind diese dünnen Models.

Was sollte man gegen den Magerwahn im Modebusiness tun?
Eigentlich sollten sich die Models zusammentun und sich gemeinsam gegen den Magerwahn wehren. Es bräuchte eine Art Gewerkschaft für Models. Ich versuche im Alltag etwas zu verändern. Letzte Woche hatte ich einen Dreh. Als ich Hunger hatte, ging ich zum Verpflegungstisch und habe gegessen. Die Schauspieler sagten mir: «Wow, du isst ja mehr als wir.» Das ist etwas, das ich machen kann. Zeigen, dass man gut aussehen und sich trotzdem normal ernähren kann.

Frankreich hat Magermodels gesetzlich verboten. Was halten Sie davon?
Ich finde, das bringt nicht viel. Wer soll bestimmen, wer modeln darf? Sollte der Body-Mass-Index entscheiden? Man sollte das nicht mit Gesetzen regeln. Besser wäre, wenn bei Inseraten ein Hinweis angebracht würde, wenn das Bild mit Photoshop verändert wurde. Und in der Schule braucht es Präventionskurse. Es gibt Zehnjährige, die magersüchtig sind, und es gibt Models, die erst zwölf sind. Das ist schrecklich. Es wird viel über gewalttätige Computergames diskutiert, dabei sind Schönheitsideale viel gefährlicher.

Sie studieren Kunstgeschichte, besonders die griechische Antike. Wie war das Schönheitsideal damals?
Die Frauen hatten eindeutig mehr Kurven. Unser Ideal für Frauen entspricht etwa dem für Männer in der Antike: Muskeln, ein flacher Bauch.

Was lesen Sie gerade?
Ich lese ein Buch über die Geschichte der Scham. Nicht immer schämten sich die Leute für ihren Körper. Interessant ist, dass gleichzeitig mit der Verbannung des nackten Körpers aus der Öffentlichkeit die Pornografie aufkam.

Wie haben Sie es mit Nacktfotos? Würden Sie sich für die Kamera ausziehen?
Das muss ich mir überlegen. Es gibt Nacktfotos, die ästhetischer und würdevoller sind als viele Aufnahmen in Kleidern. Ich möchte dazu heute weder Ja noch Nein sagen.

Wo sehen Sie sich in Zukunft?
Warum nicht Professorin werden? Ich würde gern weitergeben, was ich weiss. Aber ich muss vorher noch einige Erfahrungen sammeln.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper