Von Christian Ruch*

Man mag es kaum glauben: Sogar dieser Mann kann Witze erzählen. Gilt Vitus Huonder, Bischof von Chur, seinen Gegnern im besten Fall als verbiesterte, bigotte Spassbremse, im schlechtesten als Schwulenhasser und fundamentalistischer Brandstifter, machen diejenigen, die ihn näher kennen lernen dürfen, eine ganz andere Erfahrung. Im persönlichen Gespräch ist er freundlich, sensibel, ein guter Zuhörer, er schätzt ein gutes Glas Wein und kredenzt nach üppigem Mahl auch mal einen Grappa zwecks besserer Verdauung. Wenn er lacht – was gar nicht so selten vorkommt –, dann manchmal so herzhaft, dass an seinem fast kahlen Schädel die Stirnadern zum Vorschein kommen.

Vom Aussehen her erinnert Vitus Huonder an Volker Kauder, Chef der deutschen CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Beide haben neben ihrer christlichen Frömmigkeit gemeinsam, dass ihre Aufgabe darin besteht, sozusagen den Laden zusammenzuhalten. Der eine im Auftrag der Kanzlerin, der andere im Auftrag Gottes. Letzteres ist erheblich schwieriger, weil man Mutti notfalls fragen kann, was denn nun ihrem Willen entspreche. Das kann man Gottvater zwar auch, doch offenbar fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus. Der liberal gesinnte Teil des kirchlichen Bodenpersonals, etwa im Kanton Zürich, scheint den Willen Gottes jedenfalls völlig anders, um nicht zu sagen diametral entgegengesetzt zum Chef im fernen Chur zu interpretieren.

Um zu verstehen, warum das so ist, muss man sich die Biografie des Vitus Huonder anschauen: Er stammt aus Trun in der Surselva, dem mehrheitlich noch heute romanischsprachigen Bündner Oberland. Eine Gegend, in der es noch gar nicht so lange her ist, dass der Klerus, treu und brav unterstützt von der CVP und der «Gasetta Romontscha», den Ton angab und sagte, was falsch und was richtig ist. Eine Gegend, in der es ans Sündhafte grenzte, wenn man den frivolen «Blick» oder die aufmüpfige «Bündner Zeitung» statt des betulich-biederen «Bündner Tagblatts» las.

Noch heute kann es einem passieren, dass man an einem Samstagmittag am Bahnhof von Disentis/Mustér steht und in geradezu ohrenbetäubender Weise alle Glocken des Klosterdorfs gemeinsam läuten, ohne dass man eine Ahnung hätte, warum eigentlich.

Diese scheinbar heile, fromme Welt, erfüllt von Glockengeläut, Rosenkranzgebeten, den Pfiffen der Rhätischen Bahn und den Klängen romanischer Männerchöre, ist genauso im Verdunsten begriffen wie der christliche Glaube, der diese Welt geprägt hat. Das macht denen, die diese Welt lieben, in ihr Halt und Verwurzelung gefunden haben, Angst. Und so ist auch Vitus Huonder eigentlich ein ängstlicher Mensch.

Die stiernackige Holzhammermentalität seines Vorvorgängers Wolfgang Haas ist seine Sache nicht, mögen die beiden theologisch auch noch so sehr übereinstimmen und daher in ähnlicher Weise provozieren. Wer Vitus Huonder näher kennt oder ihn aufmerksam beobachtet, stellt fest, dass er in ungewohnter Umgebung schnell einmal fremdelt. Dann beginnt er die Hände zu verwerfen, als seien sie nass und er müsse sie trocknen.

Vitus Huonder muss das Gefühl haben, dass man es gut mit ihm meint oder ihn zumindest nicht anzugreifen gedenkt, wenn er sich wohlfühlen soll. Etwa dann, wenn er auf Einladung des romanischen Fernsehens im Führerstand einer Lok der Rhätischen Bahn sitzen darf und ins Plaudern gerät. Erzählt, dass der kleine Vitus zwischen den Berufswünschen Lokführer und Priester geschwankt habe.

Ich glaube, Vitus Huonder (v)erträgt die Welt nur in homöopathischen Dosen. In die grossen Schlachten mit all den Gottlosen, vor allem aber den Laschen und Lauen in den eigenen Reihen schickt er darum seinen Chefideologen Martin Grichting, der sich mit intellektueller Brillanz, beissendem Spott und grosser Lust am rhetorischen Duell kampfesdurstig für die Una Sancta ins Gefecht stürzt. Aber ein Martin Grichting geht ja auch regelmässig ins Fitnessstudio. Für Vitus Huonder höchstwahrscheinlich unvorstellbar. Er liebt, wenn es die Zeit zulässt, stille Waldspaziergänge. Und abends ein warmes Fussbad hinter den schützenden Mauern seines Schlosses auf dem Churer Hof.

Vitus Huonder praktiziert die von Papst Benedikt verordnete und heftig diskutierte Entweltlichung der Kirche auch ganz persönlich. Nicht aus Bequemlichkeit – schliesslich steht der Bischof frühmorgens auf, ist schon wach und bereit zum Gebet, wenn die schlafende Welt noch in ihren sündigen Träumen schwelgt –, sondern weil ihn all das vermeintlich Gottlose in der Welt zutiefst erschreckt: Die allgegenwärtige Sexualisierung und Pornografisierung, Gender-Debatten, die vermeintliche Entwertung des Ehesakraments durch wieder verheiratete Geschiedene, die rasante Akzeptanz der Homosexualität, all das sind für ihn gleichsam Wolfsrudel, die ihre Kreise immer enger ziehen und vor denen der wachsame Hirt die schrumpfende Herde der gläubigen Gotteskinder schützen muss. Und sei es mit einem Hirtenbrief oder einem Vortrag wie unlängst in Fulda.

Dass es danach regelmässig zu Konflikten kommt, liegt am abgrundtiefen gegenseitigen Missverstehen, das Bischof und Welt voneinander trennt. Selbstverständlich fordert Vitus Huonder keine Todesstrafe für Homosexuelle – aber mehr als der Status einer verirrten und bemitleidenswerten Randgruppe steht ihnen in seinem Weltbild nicht zu.

Gäbe es ein biblisches Leitmotiv für den Bischof, wäre es wohl das Wort Jesu aus Johannes 16, 33: «In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.» Und so klammert sich Vitus Huonder an seinen Jesus und die als dessen Verkörperung verstandene Kirche als das letztlich einzig heile und rettende Refugium in einer Welt der Heil-Losigkeit. Sein überhöhtes Priesterideal hat hier seine Wurzeln, und wenig dürfte ihn so in seinen Grundfesten erschüttert haben wie der Skandal um pädosexuelle Priester.

Wenn es um die Kirche und ihre Sakramente geht, versteht Huonder keinen Spass: Ich erinnere mich daran, wie der Bischof einmal das Austeilen der Kommunion unterbrach, weil eine Firmkandidatin nicht so recht wusste, was sie mit der Hostie anfangen sollte und sie deshalb in die Jackentasche stecken wollte, worauf Huonder sie mit tadelndem Blick und leiser, aber eindringlicher Stimme dazu aufforderte, sie sofort in den Mund zu nehmen. Dass für so einen Bischof keine «Narrenmessen» an der Fastnacht infrage kommen, versteht sich von selbst.

Derselbe Bischof glüht aber geradezu vor Freude, wenn er seine Gläubigen nach dem Pontifikalamt an Ostern oder Weihnachten am Ausgang der Churer Kathedrale begrüssen darf und mit ihnen auf Deutsch oder Romanisch ein paar Worte wechselt.

Eins darf man nicht übersehen: Bei aller harschen Kritik in den Medien und der kirchendistanzierten Öffentlichkeit schart sich um Huonder ein Fähnlein der glaubenstreuen Aufrechten, die es mit Genugtuung erfüllt, dass in einer Zeit, in der man nicht einmal mehr weiss, wofür der Papst eigentlich steht, wenigstens der Churer Bischof noch die reine Lehre vertritt. Dass Huonder dogmatisch die Zügel anziehen will, hängt sicher auch damit zusammen, dass dieser seltsame argentinische Jesuit auf dem Stuhl Petri den Bischof und seine Entourage eher beunruhigt als begeistert. Könnte man in Huonders Seele blicken, so fände man dort vielleicht den Wunsch, seine Amtszeit und das Pontifikat von Papst Franziskus halbwegs heil zu überstehen und sich dann in den Ruhestand des Gebets zurückzuziehen.

Bis es jedoch so weit ist, nimmt Huonder ohne zu klagen das Kreuz auf sich, in dem jeder neue Skandal ein weiterer Nagel ist. Dass es Jesus ja auch nicht besser erging, tröstet ihn und gibt ihm Kraft.

*Christian Ruch arbeitet als freier Historiker, Religionssoziologe und Journalist in Chur.

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