Auf dem Bildschirm im Büro von Chefarzt Javier Fandino läuft die Live-Übertragung einer Operation. Ein Gehirntumor, sagt der Neurochirurg und holt das Modell eines Schädels, um zu erklären, welchen Teil des Gehirns seine Kollegen vom Kantonsspital Aarau (KSA) da soeben operieren. Fandino selbst hat kurz nach dem Mittag bereits zwei Operationen hinter sich. Nun nimmt er sich Zeit, um über das Zentrum für spezialisierte Neurochirurgie am KSA zu sprechen, das in den letzten Jahren entstanden ist und sich weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit zur ersten Adresse des Landes entwickelt hat.

Herr Fandino, sehen eigentlich alle Gehirne gleich aus?
Javier Fandino: Nein, die Hirnmasse ist unterschiedlich gross. Bei Frauen etwa ist sie grösser. Von Mensch zu Mensch verschieden sind vor allem auch die Hirnwindungen. Deshalb müssen wir bei bestimmten Eingriffen gewisse Regionen des Gehirns mit Strom stimulieren, um zu sehen, was wir damit auslösen.

Das heisst, die Patienten sind während der Operation bei Bewusstsein?
Genau, sie sind während des Eingriffs wach. Das kommt beispielsweise vor, wenn wir Tumore im Sprachzentrum entfernen müssen. Der Patient muss dann etwa zählen oder Fragen beantworten. Dadurch lassen sich irreparable Hirnschäden besser verhindern.

Die Sterberisiko-Statistik, welche die «Schweiz am Sonntag» kürzlich veröffentlicht hat, deckt grosse Unterschiede zwischen den Spitälern auf. Der Vergleich zeigt auch, dass es einigen Chirurgen offenbar an der nötigen Übung fehlt. Welchen Einfluss hat die Anzahl der Operationen auf die Leistung der Ärzte?
Zahlreiche Untersuchungen weisen diesen Zusammenhang eindeutig nach. Ein Neurochirurg braucht jährlich 200 Eingriffe, um die notwendige Routine zu bekommen. Insgesamt führten wir 2013 am neurochirurgischen Zentrum über 2300 Operationen durch. Das sind so viele wie in keinem anderen Spital der Schweiz.

In Aarau wurden mehr Personen am Gehirn operiert als im Berner Inselspital oder in der Zürcher Uniklinik?
Ja, aber das wissen nur wenige Leute. Mein Gefühl ist, dass der Aargau immer unterschätzt wird – auch von den Aargauern selbst. Die Bevölkerung im Aargau sollte wissen, dass in ihrem Kanton Spitzenmedizin im Bereich der Neurochirurgie angeboten wird. In der Schweiz sind wir derzeit das führende Haus in Bezug auf Qualität, Technik, Wissenschaft und Anzahl der Eingriffe.

Heisst das auch, dass die schwierigen Fälle häufig in Aarau landen?
Ja, wir führen viele komplexe Operationen durch. Dazu braucht es die entsprechende Kompetenz und ein hervorragend eingestelltes Team. Die Zahlen zeigen, dass viele Patienten aus anderen Kantonen ans KSA kommen, um sich behandeln zu lassen. Letztes Jahr operierten wir zum Beispiel über 50 Zuger und fast 30 Zürcher Patienten.

Das KSA als Nummer 1 der Schweizer Neurochirurgie. Wie ist es dazu gekommen?
Ich kämpfe seit Jahren dafür, die Neurochirurgie am KSA zu konzentrieren – dies vor allem auch im Hinblick auf die Qualität. Ein gutes Team kann allerdings nur zusammenstellen, wer sich auf anspruchsvolle Eingriffe spezialisiert. Die hoch qualifizierten Leute kommen nicht an ein Spital, um sich beim Nachtdienst auf Routine-Eingriffe zu beschränken.

Die Konzentration auf einen Standort bedeutet aber auch: Einige Spitäler gehen bei der Verteilung der Fachgebiete leer aus. Ein heikles Thema, besonders in einem Kanton der Regionen wie es der Aargau ist.
Die Konzentration der hoch spezialisierten Medizin ist nötig, wird aber natürlich schnell politisch und zu einem Kampf zwischen den Regionen. Doch hoch spezialisierte Medizin kostet weniger, als wenn alle Spitäler alles machen. Die Neurochirurgie wäre nicht finanzierbar, wenn wir sie nicht wie hier an einem Standort konzentrieren würden – sie ginge dem Aargau verloren. Ich wünschte mir, dass das Modell der Neurochirurgie auf die anderen medizinischen Bereiche ausgedehnt würde. Wenn schon kein Zentralspital möglich war, dann immerhin ein Zentrum für hoch spezialisierte Medizin unter einem Dach.

Sie können sich von Ihrem Büro aus jederzeit in den Operationssaal einschalten, sehen über den Bildschirm live, was Ihre Kollegen machen. Warum ist das wichtig?
Einen Teil unseres Erfolgs macht die Transparenz aus. Meine Lehrer verhielten sich wie Halbgötter in Weiss, die keine Kritik duldeten. Das wollte ich hier ändern, indem ich die Geräte für jene Untersuche, die früher erst nach der Operation gemacht wurden, im OP-Saal installiert habe. Auf diese Weise erkennen Chirurg und Assistenten, ob alles richtig gelaufen ist, bevor der Kopf wieder zugemacht wird. Wenn jemand sieht, dass es eine Hirnblutung gibt, macht er den Chirurgen darauf aufmerksam. Dann gibt es keinen Platz für Egos. Alle bleiben im OP, bis das gelöst ist. Das Ziel ist eine völlig offene Kommunikation.

Das KSA ist kein Unispital, dennoch wird hier geforscht. Warum?
Nur wenn man die Ergebnisse von neuen Methoden untersucht, kann man die Medizin voranbringen. Wenn ich beispielsweise eine neue Operationstechnik einführe, muss ich im Rahmen einer kontrollierten Studie 200 Personen operieren, um einen Vergleich zur bisher angewandten Technik zu haben. So kann ich der Wissenschaftswelt beweisen, dass die Erkenntnisse einen Nutzen haben. Kürzlich hat etwa ein Mitarbeiter nachweisen können, dass eine neue Methode die Überlebenszeit von Tumorpatienten von 13 auf 18 Monate verlängert.

Seit der Einführung der freien Spitalwahl sind die Spitäler einem härteren Wettbewerb ausgesetzt. Spüren Sie das auch?
Die Finanzierung der Spitäler ist ein Kampf geworden, letztlich auch ein Kampf um Patienten. Die Schwierigkeit dabei ist, einen Weg zu finden, der ethisch vertretbar ist. Ein Beispiel: Letztes Jahr hatten wir rund 1 Million Franken weniger Erträge. Und zwar hauptsächlich deshalb, weil fast 100 Patienten, die wir operiert haben, nach der OP nicht künstlich beatmet werden mussten. Das ist an sich eine sehr erfreuliche Entwicklung, die sich kostensenkend auswirkt, weil für den Patienten damit weniger Komplikationen verbunden sind. Die Qualität der Behandlung ist also gestiegen, die Kosten sinken, damit aber auch unsere Einnahmen – eine paradoxe Situation.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen, was ist die grösste Herausforderung?
Das Ziel muss sein, Aarau als Topzentrum für Neurochirurgie zu erhalten. Dazu brauchen wir allerdings eindeutig die politische Unterstützung. Von der Politik dürfen keine falschen Signale kommen. Das könnte nicht nur unser Zentrum, sondern das gesamte Gesundheitssystem im Aargau gefährden.

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