Natalie Rickli vertritt in ihrer Partei die «Generation Facebook» mit durchschlagendem Erfolg: Sie hat einen 71-jährigen Politiker, der keinen Computer besitzt, keine E-Mails schreiben kann und dem Altersstarrsinn zugeneigt gilt, von der Bedeutung der Social Media überzeugt und damit ihren Einfluss in der Partei gefestigt.

«Eine Junge aus der Facebook-Generation» habe man gewollt, deshalb habe er auf Rickli gesetzt, verteidigte Christoph Blocher letzte Woche via «Tele Blocher» die formell misslungene, aber informell durchgedrückte Wahl der Winterthurer SVP-Nationalrätin ins Fraktionsvizepräsidium – ohne auch nur den geringsten Schimmer zu haben, wovon er eigentlich spricht.

Dabei unterstrich die parteiinterne Krise, die Blocher und sein Führungszirkel mit dem undemokratischen Manöver gegen den moderaten Flügel der Fraktion auslöste, wie recht Rickli mit ihrem Facebook-Lobbying hat. Zwar verlor sie den Postenschacher in ihrer Partei gegen Ständerat Alex Kuprecht. Im Internet jedoch feierte sie, von Blocher und Mörgeli dann doch noch ins Amt geputscht und von Facebook und Twitter getragen, den grössten Erfolg ihres bisherigen virtuellen Lebens.

Knatsch? Krise? Karriere-Knick? Nein, Rickli könnte es derzeit nicht besser laufen. Sie hat das nur noch nicht gemerkt.

Rickli ist die erste Social-Media-Politikerin der Schweiz, und die «Generation Facebook» vertreten heisst vor allem, sich selbst vertreten. Damit gelingt ihr nicht nur das Kunststück, um das Monument Blocher herum eine sanfte Renovation der taumelnden SVP einzuleiten, sie läutet auch gleich noch den Beginn einer neuen Medien-Ära ein: Wer im politischen Nahkampf Facebook, Twitter und Co. als Gefechtsstand nutzt, muss im Social-Media-Zeitalter keine Medienschlacht mehr fürchten. Spricht in der Politik noch irgendjemand von «Arena»-Tauglichkeit? Ctrl Alt Delete, ersetzen durch: Social-Media-Präsenz.

Natalie Rickli, 35, aufgewachsen in einem Wohnblock im Weiler Riet bei Winterthur, der Vater Karosseriespengler, die Mutter Haus- und Putzfrau, mit 16 Scheidungskind, mit 18 Kifferin, mit 25 Stadträtin, mit 30 Kantonsrätin und kurz darauf Nationalrätin, bringt alle Voraussetzungen mit, die eine Neue-Medien-Politikerin erfüllen muss: «Dank meiner KV-Ausbildung bin ich im Zehnfingersystem sehr schnell», sagt sie in Interviews, und: «Ich komme mit fünf bis sechs Stunden Schlaf aus.» Rickli ist ein Netz-Nerd, dauernd online, dauernd da.

So konsequent wie sonst niemand setzt sie für ihre politische Karriere auf soziale Medien. «Facebook macht mich politisch erfolgreicher», diktierte sie im letzten Nationalratswahlkampf Journalisten selbstbewusst in den Schreibblock. Wie weit sie dieses Konzept bereits treiben kann, bewies Rickli, als sie Anfang Jahr in die Sendung «Schawinski» eingeladen wurde. Ob sie gehen solle oder nicht, fragte sie ihre Fans und Follower auf allen Kanälen. Schawinski? In ihrer Netzwelt ist Roger nicht mehr als ein gealterter Talkmaster, der bis vor kurzem den iPad als nutzloses Gerät geisselte und jetzt in einem öffentlich-rechtlichen TV-Studio an einem solchen Ding herumfingert.

Rickli hat sich nach den Beratungen mit ihrer Community nicht nur den Auftritt erspart, sie schärfte damit auch ihr Profil als SRG-Schreck und schaffte es darüber hinaus sogar noch, mit einem Nicht-Auftritt im Fernsehen über Wochen Schlagzeilen zu produzieren. So, Herr Blocher, macht die «Generation Facebook» Politik für sich selbst.

Die Bedeutung ihrer Online-Existenz in den sozialen Netzwerken kam aber erst in der grössten Krise ihres noch jungen Politikerlebens zum Tragen.

Aufgeschreckt vom aufgeflogenen Vertuschungsversuch ihrer Nichtwahl in den Fraktionsvorstand, verlor Rickli «megamässig sauer» kurzzeitig die emotionale Selbstkontrolle und taxierte Fraktionskollegen, die ihre Niederlage an die «Basler Zeitung» verraten hatten, als «krank». Ausgerechnet Rickli, der Kontrollfreak, die sich persönlich um jede Zuschrift via E-Mail, Facebook und Twitter kümmert, oftmals spät nachts, wenn sie von Parteianlässen zurückkehrt, die sich auf Medienauftritte minutiös vorbereitet und die wichtigsten Argumente auf ihre Handinnenfläche kritzelt, ausgerechnet Natalie Rickli, deren sorgfältig gepflegte Fassade als Hardlinerin spätestens dann Risse bekommt, wenn sie nach einem TV-Auftritt Journalisten verunsichert fragt, ob sie gut genug gewesen sei, katapultierte sich in einen «Shitstorm», eine Welle von Negativreaktionen im Internet.

Die Ausläufer dieses Sturms brandeten auch noch über die bestgewählte Nationalrätin des Landes hinweg, als sie ihr tagelanges Schweigen am vergangenen Montag auf TeleZüri brach, ihren parteiinternen, anonymen Kritikern ausrichtete, sie hätten kein «Füdli», worauf sich Ständerat Kuprecht mit dem Gegenteil zitieren liess und jemand auf ihre Facebook-Wall postete: «Scheisse bleibt Scheisse, egal aus welchem Füdli.»

Geschadet hat Rickli das alles aber überhaupt nicht – im Gegenteil.

Spätestens als Politologin Regula Stämpfli als personifizierte Anti-Rickli den blonden «SVP-Engel», der bei Feministinnen die Vorliebe für «klotzige Kettenkunst und grelle Gewänder» moniert und auch sonst für Frauenfragen nichts übrig hat, auf ihrer Facebook-Seite verteidigte («Sie als Zickli fertigmachen zu wollen, heisst sie zu unterschätzen»), zeigte sich: Ein «Shitstorm» mag für
ein kundenorientiertes Unternehmen schnell zum Problem auswachsen, für eine kantige Politikerin ist er – ein Segen. Facebook heisst nichts anderes als: Profil zeigen. Und Ricklis Facebook-Profil war tagelang das meistdiskutierte in der Schweizer Community.

Zu Hunderten sprangen Rickli ihre 2843 Fans und 4260 Followers zur Seite, teilten ihre Rechtfertigungs-Posts, verteidigten sie in Kommentarfeldern, bejubelten ihren «TalkTäglich»-Auftritt, beschimpften ihre Kritiker und taten, was Rickli selber auch nicht besser könnte: Sie repetierten abertausendfach die Botschaft, Rickli sei die Beste.

Das ist Bürgerbeteiligung an der eigenen Polit-Karriere.

Beseelt von einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, den ihr ihre politischen Gegner als gnadenlose Radikalität vorwerfen, hat Rickli mit ihrer gradlinigen, emotional-persönlichen und damit hochgradig Social-Media-gerechten Reaktion auf ihre Nicht-Wahl, mit der sie der SVP mehr geschadet hat als ihre frotzelnden Kollegen in den Zeitungen, einen Karriere-Knick in einen Kick verwandelt. Negative Präsenz provoziert positive Präsenz, und Präsenz ist alles.

«Ich stehe derzeit für Porträts nicht zur Verfügung, wie Sie sicher verstehen», twitterte Rickli diese Woche, vom «Sonntag» via Twitter für ein Treffen angefragt. Dabei könnte Natalie Rickli längst wieder aus der Deckung kommen. Niemand, kein Journalist, kein Kritiker, kann ihr im Social-Media-Zeitalter mehr schaden als sie sich selbst.

Auch das ist «Generation Facebook».

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!