Herr Landmann, wir möchten Ihnen zuerst einmal danken.
Valentin Landmann: Wofür?

Dass Sie von Anfang an das Recht der Medien verteidigt haben, im Fall Mörgeli auch Indiskretionen zu publizieren.
Niemand kann von Medien verlangen, dass sie Informationen verheimlichen, die sie erhalten, selbst dann nicht, wenn diese Informationen dem Amts- oder Bankgeheimnis unterstehen. Dass die «Weltwoche» den Fall Hildebrand publik machte, fand ich auch richtig. Wir sind eine Demokratie, wir sind stolz auf unsere Demokratie, und die Medien haben die Aufgabe, die Bürger über Sachverhalte von öffentlichem Interesse zu informieren. Das habe ich immer verteidigt.

Diese Sicht der Dinge ist heute nicht mehr selbstverständlich.
Ich empfehle auch meinen Mandanten, möglichst offen über ihren Fall zu informieren, und übernehme das auch für sie, wenn sie das wünschen. Das führt dazu, dass ich manchmal auch Dinge in der Öffentlichkeit vertreten muss, die nicht besonders populär sind.

Oder dass Sie Dinge verbreiten, die nicht stimmen. Zum Beispiel, dass Professor Mörgeli von der Kritik seines Vorgesetzten nichts wusste. Das ist nachweislich falsch.
Es stimmt nach wie vor, dass er nicht wusste, welche Vorwürfe im akademischen Bericht gegen ihn erhoben wurden. Diesen Bericht hat er erst am Dienstag erhalten. Er hat nie gesagt, dass er von Kritik überhaupt nichts gewusst hat. Dass er im November 2011 mit Kritik seines Vorgesetzten konfrontiert und dann auch Zielvereinbarungen formuliert wurden, hat Mörgeli nie bestritten.

Ist es nicht ein Problem, dass Sie letztlich keine Ahnung haben, ob stimmt, was Ihr Mandant Ihnen sagt?
Es gibt Informationen, die ich überprüfen kann, und Informationen, bei denen ich mich auf meinen Mandanten verlassen muss. Ich kann zum Beispiel nicht beurteilen, ob das Auffüllen der Kühlflüssigkeit für die Entfeuchter im Lager des Medizinhistorischen Instituts eine Aufgabe von Christoph Mörgeli war. Ich kann aber das Gesamtszenario beurteilen. Und das gefällt mir nicht.

Sie sind überzeugt, dass die Universität Zürich Herrn Mörgeli unrecht tut?
Herr Mörgeli hat mich klar davon überzeugt, das die Entlassung in keiner Weise gerechtfertigt ist.

Wann hat er Sie beauftragt, seine Interessen zu vertreten?
Herr Mörgeli und ich kennen uns seit längerem, wir sind per Du. Als im «Tages-Anzeiger» Auszüge aus dem akademischen Bericht publiziert wurden, hat er mich gefragt, ob ich ihn vertreten könnte. Für die arbeitsrechtliche Auseinandersetzung hat er einen Spezialisten, ich betreue das Krimi-Szenario.

Als sein Sprachrohr?
Ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich sagen soll. Wer mich holt, weiss, dass ich sage, was ich richtig finde.

Als Sie vorletzten Donnerstag Mörgelis angriffige Rhetorik im «Talktäglich» gesehen haben, dachten Sie nicht: Oje, jetzt manövriert er sich ins Abseits?
Christoph Mörgeli hatte das Recht, sich zu verteidigen. Die Strafanzeige hat er als Wenn-Formulierung ins Spiel gebracht: Wenn die Universität kein Verfahren einleitet, dann müsse er das tun. Wenn ich Ihnen als Journalisten vorwerfe, Sie seien bestechlich, dann dürfen Sie mir auch strafrechtliche Folgen in Aussicht stellen. Jeder darf sich gegen unfaire Vorwürfe verteidigen.

Die entscheidende Frage ist, wie man das tut. Er hätte auch sagen können: Ich finde die Vorwürfe unfair, ich muss das jetzt mit dem Arbeitgeber klären.
Das ist ein schöner Vorschlag, aber das ist nicht Christoph Mörgeli. Er ist direkt und manchmal auch deftig.

Und das ist ihm zum Verhängnis geworden.
Die Universität argumentiert jetzt so. In der Kündigung ist von fachlichen Vorwürfen oder mangelnder Arbeitsleistung keine Rede mehr, es geht nur um seine Aussagen in den Medien. Das ist ein interessanter Punkt. Wer Christoph Mörgeli kennt, wusste, wie er auf die publik gewordenen Vorwürfe reagiert.

Reflexartig scharf.
Also steht man ihm derart auf die Füsse, dass er sich wehrt, und dann hat man ihn am Wickel.

Das ist ein Komplott-Vorwurf.
Mein Gefühl geht in diese Richtung. Man hat ihm Dynamitstangen untergeschoben und konnte praktisch darauf zählen, dass er den Sprengstoff zünden wird. Der schärfste Satz, den Herr Mörgeli geäussert hat, war jener, dass es sich um eine politische Abrechnung handelt. Das ist vielleicht keine sachliche Äusserung, aber sie ist absolut nachvollziehbar. Ich vermute: Die Universität hat Mörgeli in eine Falle gelockt.

Eine Falle von wem?
Von jenen, die ihn loswerden wollten.

Sagen Sie das, weil Sie selber einmal SVP-Mitglied waren?
Ich war auch mal bei den Freisinnigen. Ich habe persönlich die Tendenz zu wirtschaftlichem und persönlichem Liberalismus, also zur bürgerlichen Grundhaltung. Aber ich würde auch Grünen-Nationalrat Bastien Girod verteidigen, wenn ihm Ähnliches widerfahren würde wie Christoph Mörgeli.

Wie äussert sich Ihre bürgerliche Grundhaltung?
Wenn ich mich für das Rotlicht-Milieu einsetze, habe ich ja auch einen klar liberalen Ansatz, während der sozialistische Ansatz eher Richtung Verbot geht. Ich bin dafür, möglichst wenig zu kriminalisieren. Wenn man etwas kriminalisiert, schafft man Märkte. Das Verbrechen funktioniert zu 99 Prozent deshalb, weil es rentiert. Kürzlich sass ein Hanfhändler bei mir und jammerte, es gebe wieder Vorstösse, Hanf zu legalisieren. Er sagte, die Politik wolle ihm jetzt auch noch das letzte Brot wegnehmen. Er lebt von Risikopreisen, die ihm nur bezahlt werden, weil Cannabis illegal ist und dadurch unglaubliche Geldsummen freigesetzt werden. Aber ich bin auch nicht für die totale Liberalisierung von harten Drogen. Das geht aus gesundheitlichen Gründen nicht.

Demnach halten Sie auch von einem Verbot der Prostitution nichts?
Was bewirkt ein Verbot? Prostituierte haben dann keinen Rechtsschutz mehr und sind auf die Unterwelt angewiesen, müssen einen Zuhälter bezahlen, Hotelbesitzer schmieren. Verbrechen ist ökonomisch gesteuert.

Sie haben ganz persönlich eine gewisse Nähe zur Prostitution.
Ich hatte Beziehungen mit Prostituierten, das ist richtig. Das ist länger her, aber doch auch noch nicht so lange.

Im Milieu lautet doch die goldene Regel: Nie in eine Prostituierte verlieben!
Meine jetzige Frau, Bernadette, fragte mich kürzlich, sie habe nie angeschafft, ob ich sie trotzdem gern habe. Sie weiss, dass mich diese Welt fasziniert.

Was ist daran faszinierend?
Es ist eine eigene Welt, mit eigenen Typen, Charakterköpfen. Eine Welt, die an den Rand gedrängt wird.

Romantisieren Sie nicht etwas?
Ich idealisiere das sicher ein bisschen. Die Hells Angels haben mir auch schon gesagt, ich würde sie in der Öffentlichkeit als Kuscheltiere darstellen. Und das wollen sie ja ganz bewusst nicht sein. Die Zugänge zur Unterwelt haben mir auch ein Verständnis für Mandanten verschafft, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Aber das war für mich auch nicht nur gesund.

Wie meinen Sie das?
In der Unterwelt hat es hervorragende Köpfe, die gleiche Eigenschaften haben wie Spitzenmanager in der Oberwelt. Ich dachte, wenn ich einigen Türen öffne, um Karriere zu machen, bringe ich sie aus der Illegalität. Deshalb bin ich vor 20 Jahren in einen Verwaltungsrat, um einem ehemaligen Drogenhändler eine legale Karriere zu ermöglichen. Leider habe ich die Aktivitäten nicht wirklich überblickt, die Firma tätigte illegale Drogengeschäfte und hatte am Ende ein Verfahren am Hals. Das Gericht glaubte mir aber, dass ich von den illegalen Aktivitäten der Firma nichts wusste. Ich habe damals zum Glück mein Anwaltspatent nicht verloren. Mein Beruf ist mein Leben. Genau so ist es übrigens auch bei Christoph Mörgeli, was seinen Fall besonders tragisch macht. Er hat sein Museum 27 Jahre lang geleitet, mit grosser Freude und grossem Engagement.

Genau das spricht doch gegen Ihre Komplott-Theorie: Herr Mörgeli war an der Universität ungefährdet, solange er seinen Job gut machte. Und das war in den letzten Jahren nicht mehr so.
Konkret kamen Vorwürfe auf, als die Institutsleitung wechselte.

Es ist legitim, dass ein neuer Vorgesetzter auch neue Ansprüche stellt.
Das ist so, aber es ist doch auch schwer nachvollziehbar, dass nach Jahrzenten mit guten Bewertungen die Arbeit von Herrn Mörgeli plötzlich ungenügend sein soll. Und nochmals: In der Kündigung ist von fachlichen Mängeln oder mangelnder Arbeitsleistung nicht mehr die Rede. Man hat einen Grund gesucht, ihn loszuwerden, und man hat diesen Grund nach seinen öffentlichen Auftritten gefunden. Die Meinungen waren längst gemacht, das zeigt ja auch die Tatsache, dass «Der Sonntag» schon am vergangenen Wochenende von der Kündigung wusste.

Der Universität blieb nach den verbalen Angriffen nichts anderes übrig, als Herrn Mörgeli zu entlassen.
Ich sehe das nicht so. Die Konstellation war zu verlockend. Einem unangenehmen Nationalrat, SVP-Vorstandsmitglied und Strategiechef mit publik gewordenen Vorwürfen eine Bombe unterschieben, die er dann selber zündet. Dabei war seine Reaktion darauf absolut zulässig. Ich sage zulässig . . .

. . . aber nicht clever.
Taktik ist wieder etwas anderes. Diplomatie ist nicht Christoph Mörgelis Stärke, seine Stärke ist das klare Wort.

Womit wir am entscheidenden Punkt wären: Er ist über seine eigene Schwäche gestolpert.
Ist er über seine Schwäche gestolpert oder über seine Stärke? Für mich ist es eine Stärke, wenn einer klar und deutlich redet, das müsste ein Vorgesetzter zu schätzen wissen. Herr Mörgeli hat ja auch die ganze Zeit versucht, mit seinem Vorgesetzten und der Universitätsleitung ins Gespräch zu kommen. Er prallte zwei Wochen lang ab wie ein Ball, den man gegen eine Wand wirft.

Wie geht es ihm nach der Kündigung?
Christoph Mörgeli ist tief getroffen und enorm bedrückt, stärker, als man von aussen meint.

Ab wann war ihm klar, dass er seinen Job verlieren wird?
Er hatte schon nach den publik gewordenen Vorwürfen im «Tages-Anzeiger» den Eindruck, dass Übles im Gang ist. Aber er hat mir auch noch am Tag vor der Entlassung gesagt, er hoffe auf ein faires Verfahren der Universität Zürich.

Was macht den Fall für Sie als Anwalt interessant? Letztlich wird es jetzt nur noch darum gehen, wie viel Abgangsentschädigung er herausholen kann.
Für mich ist die menschliche Komponente interessant. Die juristische Auseinandersetzung interessiert mich tatsächlich nicht mehr so sehr.

Weil es da nur noch um Geld geht?
Christoph Mörgeli geht es mit seinem Rekurs nicht um Geld. Es geht ihm um seinen Beruf, sein Museum. Und es bedrückt mich enorm, dass ich ihm mit rechtlichen Mitteln dieses Museum nicht zurückholen kann. Er selber hat erst am Tag der Entlassung realisiert, dass ihm auch ein Rekurs das Museum nicht zurückbringen kann. Aber vielleicht ergibt sich ja in Gesprächen mit der Universität dafür eine Lösung.

Indem das Museum vom Institut abgespaltet und privatwirtschaftlich betrieben wird?
Das wäre denk- und wünschbar.

Valentin Nikolai Josef Landmann wurde 1950 in St. Gallen geboren. Sein Studium der Rechtswissenschaft schloss er 1973 ab. 1977 bestand er die Anwaltsprüfung in Zürich. 1979 nahm er einen Lehrauftrag am Max-Planck-Institut in Hamburg an. Dort kam er mit dem Rotlicht-Milieu in Kontakt, das ihn nie mehr ganz losgelassen hat. Seit 1984 arbeitet er als selbstständiger Anwalt in Zürich und gilt als schillerndster Vertreter seiner Gilde. Bekannt geworden ist er als Anwalt der Hells Angels , von Prostituierten , Neonazis und anderen Randgruppen . In den 1990er-Jahren konzipierte er das erste legale Bordell in der Schweiz. In mehreren Publikationen hat er sich mit den ökonomischen Mechanismen der Halbwelt und den Hintergründen der Kriminalität befasst. Valentin Landmann lebt mit seiner Frau Bernadette in Zürich und St. Gallen.

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