Eigentlich wollte man sich bei Michael von der Heide (39) erkundigen, ob er sich mittlerweile vom Misserfolg von Oslo erholt habe. Von der Weigerung des Eurovision-Song-Contest-Publikums also, ihn in den Final zu voten. Aber noch bevor die Frage zu Ende formuliert ist, wird klar: «Oslo» steht heute für etwas ganz anderes als den grössten Lieder-Wettbewerb der Welt. «Oslo» ist zurzeit eine Chiffre für grenzenloses Erschrecken und unbenennbare Trauer.

Der Sänger von der Heide, weiss Gott nicht auf den Mund gefallen, verstummt denn auch. Der Schalk, der zu ihm gehört wie die Butter in den Zopf, verschwindet aus dem Gesicht. Es fehlen die Worte. Schliesslich sagt er: «Das Oslo des Jahres 2010 ist ganz, ganz weit weg.»

Lange hatte der geborene Amdner ohnehin nicht Zeit, mit dem Contest-Resultat zu hadern. «Ich hatte viele Auftritte. Und dann war da schon seit längerem die Idee, ein durchgehend französischsprachiges Album aufzunehmen.» Vor gut einem Jahr nahm das Projekt konkrete Züge an. Einige Lieder waren bereits vorhanden, neue kamen dazu. Am 26. August wird die CD erscheinen.

Sie heisst «Lido» und lässt die Disco-Jahre neu aufleben. Tanzbare Musik aus den Siebzigerjahren. Von der Heide ist überzeugt, dass diese Stilrichtung sehr bald wieder sehr im Schwange sein wird. Er hat die meisten Lieder selber geschrieben, als Komponist und als Texter.

Die Musik zu «Je t’aime» hat Adrian Stern beigesteuert. Und der Originaltext von «Quand je serai mort» stammt von Milena Moser. Die deutschen Worte waren dem Sänger aber «zu streng». «Die fröhliche Musik und die französischen Verse haben das Lied von allzu grossem Pathos befreit.»

Von der Heide fühlt sich zur französischen Sprache hingezogen, seit er als 16-jähriger Jüngling im Welschland als Au-pair-boy gearbeitet und in einer Klinik als Pfleger ein Praktikum absolviert hat. In Gland VD erhielt er die ersten Gesangsstunden – in französischer Sprache. Er habe aber schon vorher gerne französischen Schlager gehört. Françoise Hardy etwa, France Gall vor allem. «Aber auch intellektuellere Chansons von Brel oder Brassens, von Birkin und Gainsbourg. Kommt dazu, dass meine Mutter ein grosser Fan von Edith Piaf war.»

Natürlich spukt im Hinterkopf die Vorstellung herum, irgendwann einmal im «Olympia» von Paris auftreten zu können. «Aber ich bin Realist und alt genug, um zu wissen, dass dies nur mit viel Glück Wirklichkeit wird.» Einen Hit in Frankreich landen: Das wäre der erste Schritt dazu. Stephan Eicher und Sophie Hunger haben bewiesen, dass Schweizer Künstler in Paris nicht ohne Chancen sind.

«Ich habe ‹Lido› nicht in erster Linie für den französischen Markt gemacht», sagt von der Heide. Und hat absolut keine Angst, die deutschsprachigen Fans mit dem radikalen Ausflug über den sprachlichen Röstigraben zu vergraulen. «Mein grösster Hit in der Deutschschweiz war ‹Jeudi amour›. Man weiss hier, dass ich gerne Chansons singe, und man mag das auch an mir. Auch die Radiostationen spielen am liebsten und am häufigsten französische Titel von mir.»

Neben der Lancierung des neuen Albums und der Vorbereitung der Tournee ist von der Heide noch in ein weiteres ambitioniertes Projekt eingebunden. Premiere sei am 16.September, sagt er geheimnisvoll. Und lässt dann die Katze aus dem Sack: Er probt zurzeit am Theater Basel das Stück «Hush no more». Die Musik stammt vom Barock-Komponisten Henry Purcell, die Handlung ist dem «Sommernachtstraum» von William Shakespeare nachempfunden. Ihm sei eine kombinierte Sprech-/Singrolle zugedacht. Sehr viel mehr kann er nicht verraten. Denn: «Das Stück und also auch mein Part befinden sich quasi in einem permanenten Entwicklungsprozess.»

Ein weiteres Projekt steigt am 16. Oktober. Dann wird von der Heide 40. «Normalerweise feiere ich meinen Geburtstag nicht. Aber bei solchen runden Zahlen mache ich eine Ausnahme.»

Fühlt er schon das Alter? Von der Heide schüttelt energisch den Kopf. «Alt ist man mit 90.» Er ertrage junge Menschen nicht, die sich als 29-Jährige vor dem 30.Geburtstag fürchteten. «Das ist doch Hysterie!»

Um nochmals auf den Contest zurückzukommen: Von der Heide wurde dieses Jahr von einem irischen Komponisten angefragt, ob er als Sänger an der Ausscheidung auf der Insel teilnehmen wolle. «Ich habe abgelehnt.» Oslo ist tatsächlich weit weg.

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