Haben Sie das FC-Basel-Debakel gesehen?
Klar. Aber nur bis zum 4:0. Dann ging ich spazieren.

Sie sind ein bekennender YB-Fan. Wem haben Sie geholfen?
Schon den Baslern. Aber wäre es YB gewesen, wäre meine Gemütslage anders. Dann wäre ich wahrscheinlich nicht zu diesem Interview erschienen.

Der Dämpfer von Basel wäre doch jetzt die Chance für YB?
Glaub ich nicht. Das ist noch zu früh. Aber nächste Saison sollten wir Tritt fassen.

Das Leiden mit YB ist ja inzwischen legendär.
Ja, aber irgendwann haben es auch wir Berner mit dem Mitleiden gesehen.

Was halten Sie von YB-Trainer Christian Gross?
Ich halte sehr viel von ihm und war schon immer ein grosser Fan. Ich bin überzeugt, dass er es noch schaffen wird. Aber es stimmt: Bis jetzt haben sich die beiden Welten noch nicht ganz gefunden.

Im letzten Album «HomeRekords» haben Sie die ehemaligen YBler Seydou Doumbia und Gilles Yapi dankend verabschiedet. Wer könnte es als nächste Identifikationsfigur auf ein Züri-West-Album schaffen?
Goalie Marco Wölfli sowie die beiden Abwehrspieler Christoph Spycher und Alain Nef sind heisse Kandidaten. Aber eigentlich ist das ganze Team der Young Boys der Star.

Wechseln wir zu Ihrem Kerngeschäft, zu Züri West und dem neuen Album «Göteborg». Es ist ein «schönes» Album geworden. Gefällt Ihnen dieses Adjektiv?
Es ist ja nicht nur Wohlklang, und es hat auch Zäsuren und Widerborstigkeiten drin. Aber es stimmt schon: Früher hätten wir mit einigen dieser eher blumigen Arrangements Berührungsängste gehabt. Heute haben wir uns mit diesen weichen Klängen versöhnt.

Auch auf dem neuen Album singen Sie sehr cool. Sie haben auch das Image des «coolen Hundes». Aber stimmt das überhaupt?
Nein, überhaupt nicht. Ich wirke nur so. Es ist die Art, wie ich mich der Öffentlichkeit präsentiere. Manchmal mime ich auch den «coolen Hund», aber eigentlich bin ich das Gegenteil. Ich lebe zuweilen in einem grossen Gefühlschaos, bin aber kein guter öffentlicher «Gränni».

Ist es auch ein gewisser Schutz?
Vielleicht. Aber mehr noch ein Konzept, das funktioniert. Ich bin ja kein Megastar, aber man kennt und erkennt mich auf der Strasse. Gegen aussen bewege ich mich in einem bestimmten Rahmen. Im Züri-West-Laufgitter. Aber mein Leben hat auch noch andere, private Aspekte, die ich nicht preisgeben möchte. Aber ich bin lieber der «coole Hund» als das «Theresli».

Den Rummel mögen Sie nicht so.
Die angespannte, erwartungsfrohe Phase vor der Veröffentlichung eines Albums mag ich. Dieses anschwellende Vibrieren. Auch den Rummel während eines Konzertes. Aber ich mag den Rummel um meine Person weniger. Die Abgrenzung fällt mir schwer. Ich will auch mal meine Ruhe haben. Aber vielleicht übertreibt man es als Promi auch. Man hat in gewissen Situationen das Gefühl, beobachtet zu werden, obwohl vielleicht gar niemand hinguckt. Ich merke einfach, wie vielfach entspannter ich mich zum Beispiel in Spanien fühle. Aber vielleicht ist dieser Rummel ja nur in meinem Kopf. Und vielleicht würde ich es sogar als negativ empfinden, wenn mich die Leute plötzlich nicht mehr kennen.

Im Titelsong «Göteborg» kommen Ihre Berner Kollegen Polo Hofer, Büne Huber und Tinu Heiniger vor. Der Song wurde als erster «Diss-Song» (Dissen = ein Begriff aus dem Hip-Hop, mit dem Konkurrenten beschimpft werden) des Schweizer Mundart-Pops bezeichnet.
Das war überhaupt nicht meine Absicht. Mit der Textzeile: «Gang doch zum Huber, dä isch vielech froh für ne Idee» wollte ich keinesfalls andeuten, dass Büne Huber die Ideen ausgegangen wären. Im Gegenteil: Es sollte eine humorvolle Empfehlung meiner geschätzten Berner Kollegen sein. Und ich hoffe doch sehr, dass sie darüber schmunzeln können.

Der Song ist für mich aus einem anderen Grund interessant. Sie erwähnen zum ersten Mal «ihren Schatz und mini Chlini» und thematisieren Ihre neue Rolle als Vater. Wie hat sich Ihr Leben in der kleinen Familie verändert?
Der Song beschreibt den Konflikt zwischen den Verpflichtungen des Familienvaters und den Wünschen des Musikers: Ein Song klopft an, ich habe aber keine Zeit, weil ich mich um meine Familie kümmern muss. Das ist eine neue Situation für mich. Eine Konfliktsituation, die mir in nächster Zeit wohl vermehrt blühen wird, wenn meine Kleine mich in Beschlag nimmt.

Im Song entscheiden Sie sich für die Familie und gegen die Musik.
Ja, in der beschriebenen Situation habe ich keine Wahl.

Macht Ihnen das Angst?
Für einen Späteinsteiger wie mich ist die Vaterrolle vielleicht schwieriger als für einen Dreissigjährigen. Ich habe grossen Respekt, aber keine Angst. Ich bin auch bereit, Kompromisse einzugehen. Ich erlebe mein Kind und meine neue Rolle bisher als sehr aufregend, belebend und befruchtend.

Fertig Rock ’n’ Roll?
Im Herzen bin ich immer noch ein Rock ’n’ Roller. Ich muss das aber nicht täglich nach aussen demonstrieren und beweisen.

Ich bin seit 20 Jahren Vater. In meinem bisherigen Leben war es sicher das Einschneidendste.
Das merke ich auch. Gewisse Dinge konnte ich bisher immer etwas vor mir herschieben und mich vor gewissen Entscheidungen drücken. Jetzt geht das nicht mehr. Mein Zeitmanagement hat sich verändert, aber auch meine Denkweise. Ich meine das durchaus im positiven Sinn. Die Vaterrolle öffnet mir den Kopf und eröffnet mir neue Perspektiven und Horizonte. Vielleicht ja auch als Textschreiber. Meine Lebenssituation fliesst ja immer auch in meine Texte hinein. Insofern ist meine Rolle auch eine neue Chance, irgendwie ein Neuanfang.

Der Neuanfang ist ja schon da. «Bugguwau» ist doch eigentlich ein Kinderlied.
Ja, stimmt. Es war der erste Song, den ich geschrieben habe, als ich erfahren hatte, dass ich Vater werde. Die Geschichte vom Zusammenstoss eines Schiffes mit einem Wal habe ich in der Zeitung gelesen. Dabei blieb unerwähnt, was mit dem Wal passiert ist. Das hat mich zum Song inspiriert: «Aber e Büle im Buggu het er äuä scho».

Wieso heisst das Album eigentlich Göteborg?
Die Mutter meiner Freundin kommt aus Göteborg und sie hat Verwandte dort.

Sie geben aber mehr als auch schon von Ihrem Privatleben preis. Dank dem Song «3027» wissen jetzt alle, dass Sie in Bethlehem wohnen.
Ja, ich wohne jetzt dort in einer alten, zügigen Holzhütte mit einer wunderbaren Laube, auf der ich manchmal der Sonne beim Untergehen zusehe. Bisher war es der Küchentisch, der immer wieder in die Texte eingeflossen ist, jetzt ist es halt die Laube. Aber 3027 kann überall sein und es wohnen ja noch circa 20 000 andere Leute dort. Das ist kein Problem. Und für eine Homestory bin ich immer noch nicht zu haben. Ich würde Ihnen Bescheid geben, wenn ich so weit wäre.

Einschneidend soll im Leben eines Mannes auch der 50. Geburtstag sein, heisst es. Ich bin im Januar 50 geworden, Sie sind gestern 51 geworden. Wie ist das als 50-Jähriger?
Ich kann Sie beruhigen, da ändert sich nicht viel. Aber um meinen 50. Geburtstag gibt es eine nette Geschichte. Zu meinem 50sten bin ich mit meinem Schatz nach New York geflüchtet. Kurz davor hatte ich meinen Bandkumpels noch den Song «Chlini Gibson» vorgestellt. Der Song erzählt von einer akustischen Gitarre, die ich in Manhattan gekauft habe. «Die chlini Gibson isch zwar tüür gsii u sie isch wunderschön, eifach töne tuet sie ehrlech gseit beschisse.» Die Bandkollegen haben beim Song etwas komisch die Nase gerümpft. Erst ein paar Tage später in New York begriff ich, weshalb: Als wir im Hotel ankamen, überreichte mir der Page das Geburtstagsgeschenk meiner Bandkollegen: eine wunderschöne akustische Gibson, Jahrgang 1961. Und vor allem: Sie ist nicht nur wunderschön, sondern klingt auch so. Das ist die Geschichte hinter der Geschichte von «Chlini Gibson».

2011 war das Jahr der Newcomer. Kennen Sie sie?
Ich bin relativ schlecht informiert. An den Swiss Music Awards habe ich zum ersten Mal 77 Bombay Street gesehen. Bastian Baker ist sehr erfrischend, weil er einfach hinsteht und spielt. Das gefällt mir, vielleicht gerade weil ich das nicht kann.

Und die DSDS-Castings?
Ich finde das blödsinnig. Die singen zwar alle besser als ich. Aber wer wirklich gut ist, wird es auch ohne diese Casting Shows schaffen.

Der Bundesrat behauptete, dass das nationale Musikschaffen vom illegalen Downloading gar nicht betroffen sei. Wie ist das bei Züri West?
Diese Aussage ist eine Dummheit. Ich habe mich masslos darüber aufgeregt. Wenn die oberste öffentliche Behörde dir quasi erklärt, dass nur noch die letzten Idioten Platten produzieren, dann kommst du dir nicht eben gut vor. Es ist ein Fakt, dass ich zur Hälfte von den Verkaufserlösen unserer Tonträger und bezahlten Downloads lebe, die andere Hälfte kommt von den Konzerten. Dabei verdienen wir längstens nicht so viel, wie sich das viele vorstellen.

Umso besser, dass sich jetzt die Musiker wehren.
Ja, ich bin froh. Wir sind beim neuen Verein «Schweizer Musikschaffende» auch dabei. Die Schweizer Musiker hatten ja bisher keine Lobby und die Musikindustrie hat versagt.

Wie gross sind eure Einbussen durch illegale Downloads?
Schon beim letzten Album haben wir gemäss Schätzungen gegen 30 bis 40 Prozent weniger eingenommen als zu den besten Zeiten. Heute dürften die Einbussen noch grösser sein. Dabei sind wir im Ranking immer noch gleich erfolgreich wie vor dem Internet-Zeitalter und unsere Tourneen sind meistens ausverkauft.

Apropos Ranking und Hitparade: Mit «Göteborg» wird es schwieriger als sonst. Am gleichen Tag erscheint auch das neue Album von Madonna.
Ja, das wird hart. Zuletzt ist uns das 1999 mit «Super 8» passiert. Damals standen uns Gotthard vor der Sonne. Aber wir geben uns noch nicht geschlagen … überhaupt, Madonna diese alte Schachtel! (lacht )… die ist ja ungefähr gleich alt wie ich … will man die noch? Im Ernst: Madonna hat natürlich den Vorteil, dass sie die Alben auch in der Westschweiz und im Tessin verkauft. Dagegen ist unser Markt auf die Deutschschweiz beschränkt. Wir werden auf jeden Fall kämpfen wie die Löwen.

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