VON SANDRO BROTZ

Tom Kummer, warum schreiben Sie mit Ihrem dichterischen Talent nicht endlich einen Roman?
Tom Kummer: Daran arbeite ich . . . Lassen Sie mir noch ein bisschen Zeit. Im Übrigen gibt es bereits ein halbes Dutzend Bücher, die ich in den letzten 15 Jahren veröffentlicht habe. Keine Romane, reine echte Faction, mein Spezialgebiet.

Also eine Mischung aus Fakten und Fiktion. Zentral erscheint mir Ihre im Dok-Film gemachte Aussage, dass in den Redaktionen immer nach mehr Stoff von Ihnen verlangt worden sei. Waren Sie Dealer oder Junkie?
Beides! Man wollte in der Tat immer mehr Stoff. Es kamen ständig Anrufe aus Zürich, München, Hamburg oder Berlin. Wo ist das nächste Interview? Und je mehr ich die Leute süchtig nach meiner Ware machte, desto süchtiger wurde ich selbst nach meinem eigenen Stoff. Es war eine verzwickte Lage. Schwer nachvollziehbar.

Selbst Regisseur Miklós Gimes hat es in drei Jahren nicht geschafft, Licht darauf zu werfen. Aber eigentlich ist es sehr einfach: In erster Linie machte ich ja nie Journalismus, auch keinen New Journalism oder Borderline-Journalism. Bloss wollten das die Leute nie so genau wissen. Nicht mal die gute «NZZ», für die ich ebenfalls lange Faction-Reportagen schrieb.

Sie nennen es Faction, dabei ist es Betrug am Leser und an den Redaktionen. Oder habe ich etwas falsch verstanden?
Ich arbeitete im Journalismus und mit dem Journalismus, um etwas Grundsätzlicheres zu diskutieren. Was es genau sein sollte, hatte ich selbst nie so genau durchschaut. Ging es in meinen Reportagen um so eine Art Meta-Wahrheit? Später in meiner Interviewkultur vielleicht um das Demaskieren des medienprominenten Komplexes?

Die ersten Reportagen Mitte der Achtzigerjahre für Magazine wie «Tempo» ging ich jedenfalls als Outcast an – einer, der frei sein will und sündigen darf. Die Welt als Ganzes ist ein Rätsel. Dem können auch Journalisten nicht beikommen, dachte ich damals. In den Neunzigerjahren fand ich dann meine ganz persönliche Mission Impossible: Sich durch Selbstsubversion den Spielregeln der Medien — unter anderem PR-Maschinerie, Authentizitätsfrage, Manipulationen von Pressesprechern, Presseterminen mit Stars – entziehen, um eine tiefere Wahrheit im eigenen Tonfall zu imaginieren.

Warum sind Sie der Premiere ferngeblieben? Wollten Sie nicht wie ein Tanzbär vorgeführt werden?
Es ist ja in erster Linie der Film von Miklós Gimes, er hat mich als sein Objekt der Begierde ausgewählt und vorgeführt. Er hat mit meiner Mithilfe seine eigene Persona «Bad Boy Kummer» erschaffen. Für diesen Job wurde ich bezahlt. Er soll seine Premiere geniessen. Ich will und muss hier arbeiten und für einen reibungslosen Ablauf meiner Paddle-Tennis-Schule und meines Familienlebens sorgen. Das ist alles, was für mich momentan zählt.

Regisseur Gimes hat gesagt, er habe Respekt vor Ihrer Leistung und Sie auch ein wenig gern bekommen – Sie ihn auch?
Ein bisschen, klar. Obwohl er mir ambivalenter erscheint, als ich es jemals hätte sein können. Seine Äusserungen über mich in der Öffentlichkeit pendeln noch heute, nach drei Jahren Recherche, zwischen «Gangster», «genial», «Betrüger», «grosser Schreiber», «stürzt jeden ins Verderben, der sich mit ihm einlässt» und «sympathischer Mensch». Das finde ich schon sehr amüsant.

Sie leben heute in Los Angeles als Lehrer für Paddle Tennis, eine Art Kleinfeldtennis. Lassen Sie auch Kunden gewinnen, nur damit sie wieder kommen?
Meine Kunden kommen momentan, auch ohne zu gewinnen, zu mir zurück. Ich habe den Aussenseitersport Paddle Tennis dank meinen Trainingsmethoden zu einem kleinen Erfolgsmonster in der südkalifornischen Fitnesskultur verwandelt.

Es geht das Gerücht um, Sie hätten bald eine Firma mit 15 Mitarbeitern . . .
Noch steht die Firma nicht, aber bald bleibt mir keine andere Wahl, als meinen Assistenz-Trainerstab auszubauen. Fitness-Tennis oder Extrem-Tennis wie wir Paddle Tennis nennen, hat hier in Los Angeles enorm an Popularität gewonnen. Womöglich auch dank meiner zehnjährigen Aufbauarbeit in den privaten Beachklubs zwischen Santa Monica und Malibu. Wenn es so weitergeht, schlage ich bald die Karriere von Arnold Schwarzenegger ein.

Sie wirken im Film rührend im Umgang mit Ihrer Familie. Erstaunlich, dass Ihre Frau keinen Groll hegt, was Ihre Vergangenheit betrifft.
Da gibts nichts wirklich zu bestaunen. Meine Frau kennt meinen so genannten «Fall» besser als alle anderen. Sie kennt mich seit Mitte der Achtzigerjahre. Sie war dabei, als ich bei «Tempo» angefangen habe, sie hat meine Texte sogar redigiert, sie hat den Spass hautnah miterlebt, wie wir diese mediale Persona «Tom Kummer» erschaffen und später ad absurdum geführt haben. Es ist die fiktive Figur eines Journalisten, einer, der fieser, witziger, klüger, lebendiger und erfüllter von Charisma ist, als ich es selbst jemals hätte sein können.

Ihre Frau als Komplizin?
Klingt wie «Bonnie & Clyde». Aber so war es natürlich nicht. Nina war dabei, als sich Anfang der Neunzigerjahre in Berlin die jungen Mavericks des heutigen deutschen Journalismus – Ulf Poschardt oder Moritz von Uslar – mit mir befreundet haben. Das sind die Jungs, die später zwei Dutzend Interviews von mir veröffentlichten. Nina weiss, wie das alles abgelaufen ist. Sie hat mich immer vor den Folgen gewarnt.

Sie hat sich aber genauso gewundert, wieso keiner meiner Chefs von «SZ Magazin», «TagesAnzeiger-Magazin», «Die Zeit», «FAZ» oder «Vogue» jemals nach Tonbandmitschnitten gefragt haben – selbst nach Dutzenden von Interviews und Reportagen. Mit Gutgläubigkeit hat das überhaupt nichts zu tun. Meine Chefs waren Kummer-Junkies! Nina ist auch klar, dass die Empörung meiner ehemaligen Weggefährten reine Heuchelei ist.

Wen meinen Sie konkret?
Leute wie Roger Köppel, die so tun, als ob meine Texte ihre Branche gefährden würden, Texte, die sie selbst einmal im Wochentakt eingefordert haben. Nina weiss, dass dies alles total am Punkt vorbeigeht. Weil ich nie einen Hehl daraus gemacht habe, dass ich mir einen Journalismus vorstelle, der die Welt nicht so sieht, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte.

Wünschten Sie sich eigentlich, eine Art Rehabilitation zu erfahren?
Muss nicht sein. Ich kann verstehen, dass man so Leuten wie mir das Genick brechen muss, damit der Betrieb ungestört weiterlaufen kann. Ich funktioniere ja wirklich ziemlich anders als ein Journalist. Ich wollte die ganze Welt immer nur in Anführungsstrichen sehen.

Ich hab nichts anderes verdient als so eine Art Verbannung. Schliesslich wollte ich schon immer Distanz zur medialen Welt und sehe auch heute noch in der Konstruktion von Distanz eine Grundbedingung für kreatives Schaffen und Anstiftung zur Verwirrung. Nur darum gehts. In diesem Sinne bin ich heute genau am richtigen Punkt angekommen: Endlich kann ich ungestört schreiben.

Bücher von Tom Kummer, u. a.: «Good Morning, Los Angeles», «Gibt es etwas Stärkeres als Verführung, Miss Stone?», «Jackie! Ein Body-Bildungsroman», «Blow up. Die Story meines Lebens», «Kleiner Knut ganz gross».

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